Interview mit Wettexperte Declan Hill:Auch die Bundesliga betroffen?

Hill: Vielleicht haben die Leute heute recht, wenn sie sagen, dass nur Jugendspiele, die kroatische, die bosnische Liga und so weiter betroffen sind. Aber woher kommen die Spieler von morgen? Wenn Jugend- oder Zweitliga-Spiele manipuliert sind, dann werden in fünf Jahren Profis des FC Bayern womöglich aus solchen Mannschaften kommen. Und wenn jemand einmal Geld von Betrügern genommen hat, wird er nie wieder nein sagen.

Interview mit Wettexperte Declan Hill: Declan Hill, Journalist aus Kanada.

Declan Hill, Journalist aus Kanada.

(Foto: Foto: oh)

sueddeutsche.de: Wird sich durch den massiven Wettskandal etwas verändern?

Hill: Wir haben ein Zeitfenster für Veränderungen. Die Leute verstehen jetzt, was da los ist. Die Reaktionen der nationalen Fußballverbände bereiten mir allerdings Sorgen. Wieder versuchen sie vorzugeben, dass es sich nur um eine kriminelle Gruppe handelt. Aber da sind viele Gruppen, die Spiele manipulieren wollen. Und die Bedingungen für Korruption sind noch da.

sueddeutsche.de: Wie kann man die Bedingungen ändern?

Hill: Sehr einfach. Wenn Sie und ich drei Wochen lang den DFB führen dürften, würden wir das Spiel reinigen und Korruption für die nächste Generation verhindern.

sueddeutsche.de: Klingt interessant. Was also tun wir?

Hill: Erstens gründen wir im DFB eine Sicherheits-Einheit. Wir würden zwei, drei Ex-Polizisten nehmen, einen Wettexperten mit Kontakten zu asiatischen Buchmachern, weil dort das Geschäft läuft. Und zwei Fußball-Experten, die nicht aus dem Fußball-System kommen.

sueddeutsche.de: Sie vertrauen dem System nicht?

Hill: Nein. Zweitens richten wir eine unabhängige Hotline ein. Hier können sich Jugendspieler melden, wenn sie von einem Betrüger angeworben werden. Die Betrüger sind gut, sie versuchen, den Spieler von Mannschaft und Verein zu isolieren.

sueddeutsche.de: Schön und gut. Aber das größte Problem ist doch, dass viel Geld geboten wird.

Hill: Wenn Betrüger beispielsweise 10.000 Euro für ein Spiel bieten, müssen wir diese Summe für Fußballer so unattraktiv wie möglich machen. Für Zweitliga-Profis sind 10.000 Euro für 90 Minuten ja viel Geld. Folgendes könnten wir tun: Für jede Partie bekommen die Spieler zehn Euro für eine Kranken-Zusatzversicherung für sich und ihre Familien. In der zweiten Saison 20 Euro, in der dritten 30 Euro und so weiter. Erwischen wir jemanden beim Manipulieren, ist das Geld weg. Berichtet er einen Anwerbeversuch, verdoppeln wir sein Geld. Die Kicker würden nachdenken: Was passiert, wenn ich in ein paar Jahren wegen Krankheit oder Pflegefall viel Geld benötige?

sueddeutsche.de: Der DFB wird sagen, so etwas ist unmöglich, es kostet zu viel Geld.

Hill: Meine Antwort lautet: Bringt mich nicht zum Lachen! In der riesigen Wettindustrie wird sehr viel Geld gemacht mit deutschen Fußballspielen. Der DFB würde ein Prozent des Erlöses bekommen, um das Modell zu finanzieren. Der DFB garantiert den Buchmachern dafür ein ehrliches Spiel.

sueddeutsche.de: Glauben Sie, die asiatischen Buchmacher machen da mit?

Hill: Nein. Aber das macht nichts. Die europäische Wettindustrie ist groß genug.

sueddeutsche.de: Können Polizei oder Klubs akut etwas unternehmen?

Lesen Sie weiter auf Seite 3

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB