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Interview: Stefan Kuntz:"Zum Glück nutzt meine Mutter das Internet nicht"

Stefan Kuntz' Tor rettet im EM-Halbfinale 1996 gegen England das Elfmeterschießen. Ein Gespräch über das Tor, Gareth Southgate und vulgäre englische Wortspiele mit seinem Nachnamen.

Johannes Aumüller

Sechs Tore hat Stefan Kuntz für die deutsche Nationalelf erzielt. Sein wohl wichtigster Treffer gelang ihm im Halbfinale der EM 1996 - gegen England. Das 1:1 in der 16. Minute brachte die deutsche Mannschaft ins Elfmeterschießen, das sie nach einem mittlerweile legendären Felschuss von Gary Southgate mit 7:6 gewann. Der heutige Vorstandschef des Bundesliga-Aufsteigers 1. FC Kaiserslautern erinnert sich im Gespräch mit sueddeutsche.de an dieses Spiel.

Stefan Kuntz EM 1996 Halbfinale England

Stefan Kuntz bejubelt das 1:1 gegen England im EM-Halbfinale 1996.

(Foto: online.sdesport)

sueddeutsche.de: Herr Kuntz, Sie sind der bislang letzte deutsche Torschütze gegen England bei einem großen Turnier. Wie erinnern Sie sich an Ihren Treffer zum 1:1-Zwischenstand im Halbfinale der EM 1996?

Stefan Kuntz: Mit sehr viel Freude, denn wir lagen 0:1 zurück, Thomas Helmer passte nach innen und mit mehr Torriecher als Können konnte ich den Ball versenken. In den Jubelbildern sieht man, wie viel Druck entwichen ist.

sueddeutsche.de: Danach kam es zum Elfmeterschießen. Sie haben den letzten regulären Elfmeter geschossen. Hätten sie nicht getroffen, wäre Deutschland draußen gewesen. Waren Sie wegen des Treffers vorher so selbstbewusst, diese Last zu übernehmen?

Kuntz: Ich bin nach Schlusspfiff sofort zu Berti Vogts und sagte ihm, dass ich den letzten Elfmeter schieße, weil alle Elfmeterschießen davor nie bis zum letzten Schuss gegangen waren. Dieses leider schon ... Auf dem langen Weg von der Mittellinie bis zum Elfmeterpunkt dachte ich an meine Kinder und dass sie zum Gespött in der Schule würden, wenn ihr Papa den entscheidenden Elfer verschießt. Zum Schluss hatte ich so viel Wut in mir, dass ich mich nach dem verwandelten Elfer gar nicht richtig freuen konnte.

sueddeutsche.de: Unmittelbar nach ihnen hielt Andreas Köpke den Schuss von Gareth Southgate. Wie oft haben Sie sich die Szene mittlerweile angesehen?

Kuntz: Nicht oft, ich habe es ja live gesehen, Andy Köpke werde ich deshalb mein Leben lang lieben (lacht).

sueddeutsche.de: Die englische Presse ist bekannt für ihre Ausfälle. 1996 schrieb sie unter anderem "Herr we go!" (Daily Star) oder "Achtung! Surrender!" (Daily Mirror). Haben Sie das als Spieler verfolgt?

Kuntz: Ich finde es inzwischen peinlich, wie die englische Presse immer noch Vergleiche zum 2. Weltkrieg findet. Es sind neue Generationen herangewachsen und dem sollte man Rechnung tragen.

sueddeutsche.de: Was sagen Sie dazu, dass Ihr Trikot unter englischen Fans besonders begehrt ist, weil die Aussprache Ihres Namens gleichbedeutend mit einem vulgären englischen Ausdruck ist?

Kuntz: Das habe ich bis heute noch nicht meiner Mutter erzählt, aber da sie das Internet nicht nutzt, wird sie es hoffentlich nie erfahren (lacht).

sueddeutsche.de: Inwiefern unterscheiden sich die englischen Mannschaften damals und heute?

Kuntz: Das ist eine neue Generation mit anderen Verdienstmöglichkeiten, die eventuell auch nicht mehr so für die Werte des englischen Fußballs steht.

sueddeutsche.de: Wie endet das Spiel?

Kuntz: Ich tippe auf ein Weiterkommen der deutschen Mannschaft ... ohne Elfmeterschießen!

© sueddeutsche.de/jüsc
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