Interview mit Ottmar Hitzfeld "Heynckes ist ein moderner Trainer"

Feierbiest und Sturkopf

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SZ: Kann das Familienbild, das der FCBayern pflegt, im Profifußball nicht auch hemmend sein für Weiterentwicklung, für Öffnung, für Innovation?

Hitzfeld: Bayern braucht jetzt Kontinuität, Ruhe, Titel. Und Jupp weiß, wie wichtig das Gewinnen ist. Das sieht man an Leverkusen, die stürmen nicht mehr nur nach vorne, wie in den Jahren vor Jupp, sie haben Verteidigen und Balance gelernt. Außerdem ist Heynckes ein moderner Trainer. Man muss nicht immer den Fußball neu erfinden.

SZ: Matchplan, Konzepttrainer - das waren Schlagworte dieser Saison.

Hitzfeld: Tja, Konzepte sind immer das Privileg der Jüngeren. Einen Plan hat aber doch jeder Trainer. Heynckes ist bescheiden, der macht solche Dinge nicht öffentlich. Das gefällt Uli Hoeneß. Uli mag es nicht, wenn Trainer über alles, was sie tun, öffentlich dozieren.

SZ: Heynckes wirkt geduldiger und gelassener als früher.

Hitzfeld: Stimmt. Früher war er bei Interviews reizbar, mittlerweile nimmt er Kritik gelassen hin - wie zuletzt nach dem 1:5 bei den Bayern. Er blieb cool und hat seine Spieler verteidigt. Das spricht für seinen Charakter. Von der Menschenführung her sind wir uns ähnlich.

SZ: Sie sagten mal: Ich bin autoritär, aber mit mir kann man reden.

Hitzfeld: Das trifft es.

SZ: Nach Ihrer ersten Episode bei den Bayern nahmen Sie sich ab 2004 eine schöpferische Pause, weil Sie physisch und psychisch entkräftet waren.

Hitzfeld: Sechs Jahre Bayern sind vom Substanzverlust her wie 20 Jahre woanders. Die Pause war wie ein Jungbrunnen für mich. Inspiration und reflexive Besinnung sind für mich eine wichtige Voraussetzung, um etwas Neues zu beginnen.

SZ: Verstehen Sie vor diesem Hintergrund, wie ein Trainer diesen Samstag noch Schalke trainieren kann und eine Woche später schon Wolfsburg?

Hitzfeld: Felix Magath hat uns da alle sehr überrascht. Ich fand das aber nicht verwerflich. Er wurde in Schalke entlassen. Er hat keinen Vertrag gebrochen.

SZ: Was dachten Sie, als Tage später Christoph Daum in Frankfurt anfing?

Hitzfeld: Dass Heribert Bruchhagen (Vorstandschef von Eintracht Frankfurt; d. Red.) über seinen eigenen Schatten gesprungen ist.

SZ: Uli Hoeneß stichelte, Bruchhagen müsse bei dieser Trainerverpflichtung "irgendein Pulver im Kaffee gehabt haben" - eine Anspielung auf den Kokain-Skandal um Daum im Jahr 2000. Daum war darüber sehr verärgert - und das vor dem Spiel der Bayern am Karsamstag in Frankfurt. Warum pflegt Hoeneß diese Feindschaft so hartnäckig?

Hitzfeld: Uli hat in dieser Geschichte zum Wohle des deutschen Fußballs damals viel riskiert, das hätte ihn schlimmstenfalls seine Karriere kosten können. Er hat sogar Morddrohungen bekommen, ich war ja dabei. Die Sache ist einfach zu persönlich. Mein eigenes Verhältnis zu Daum ist kollegial. Aber müsste ich Partei ergreifen, wäre ich auf Ulis Seite.

SZ: Sie selbst litten zeitweise sehr und sichtbar unter dem Dauerdruck des Trainerberufs. Glaubten Sie Daum, als er seinen Drogenkonsum als Akt der Kompensation zu erklären versuchte?

Hitzfeld: Es ist nicht meine Aufgabe, moralisch zu richten. Aber ich weiß, dass nicht jeder Trainer den psychischen Druck unseres Jobs aushält.

SZ: 2004 waren Sie Burn-out-gefährdet. Kürzlich las man, Sie hätten den notwendigen Schritt, bei Bayern zu kündigen, von sich aus nicht mehr geschafft.

Hitzfeld: Ja, dafür fehlten mir der Mut und die Kraft. Ich dachte: Ein Jahr schaffe ich irgendwie noch. Als der Verein mir die Entscheidung abnahm, war das eine Befreiung. Ich war immer ein vorsichtiger Mensch und ein introvertierter Trainer, der viel mit sich selbst ausmacht. Ich habe mich früh zur Selbstbeherrschung erzogen. Es wäre sicher gesünder, Druck manchmal extrovertierter abzubauen.

SZ: Als Nationaltrainer der Schweiz erleben Sie gerade wieder das schnelle Schwarz-und-Weiß-Denken der Branche. Als Sie bei der WM in Südafrika den späteren Weltmeister Spanien besiegten, waren Sie "Sankt Gottmar"- seither blieben Erfolge aus, Sie stehen in der Kritik. War die Erwartungshaltung zu hoch?

Hitzfeld: Der Blick schrieb bei meiner Verpflichtung: Jetzt kommt "Messias". Da wollte ich gleich wieder aufhören.

SZ: Ernsthaft?

Hitzfeld: Ja! So eine hohe Messlatte, das kann niemand erfüllen. Die Schweiz hat hervorragende Fußballer und eine sehr gute Jugendarbeit - aber zehnmal weniger Einwohner als Deutschland.

SZ: Beneiden Sie einen Trainer wie Jürgen Klopp, der mit Ihrem früheren Verein Borussia Dortmund die Liga aufmischt und trotzdem alles scheinbar locker meistert, mit der Fähigkeit zu Humor und trockener Selbstironie?

Hitzfeld: Das zeigt, dass er sich nicht zu wichtig nimmt. Er hat die Gabe einer gewissen Leichtigkeit im Umgang mit Spielern und Medien, er wirkt authentisch. Er ist sicher emotionaler als ich, aber ich glaube nicht, dass er druckresistenter ist. Man muss nur die Bilder sehen, wie er neulich in Hamburg nach dem 1:1 an der Seitenlinie explodiert ist.

SZ: Sie wären bei so einem Torjubel über Ihren Trenchcoat gestolpert...

Hitzfeld: ...dabei habe ich innerlich dieselben Adrenalinstöße.

SZ: Schon dieses Wochenende könnte Dortmund den Titel holen. Denken Sie gerade öfter an Ihre eigene erste Meisterschaft mit dem BVB, 1995?

Hitzfeld: Klar, das war ein emotionaler Höhepunkt für mich. Für die Fans im Ruhrgebiet ist Fußball Religion, vor der schwarz-gelben Südtribüne hatte ich eine Gänsehaut. Unser Meisterkorso führte stundenlang durch die Stadt, die Identifikation der Leute ist riesig - bis ins hohe Alter, quer durch alle sozialen Schichten, das kann man mit München nicht vergleichen. Was Jürgen Klopp jetzt geschafft hat, ist ein modernes Märchen. Der erste Titel als Trainer ist die Doktorarbeit. Das ist später auch für andere Vereine ein Bewerbungsschreiben.

SZ: Klopp ist, wie Sie, religiös. Er betet nach eigener Aussage jeden Tag. Haben Sie diese Parallele schon registriert?

Hitzfeld: Ja, das gefällt mir sehr. Jeder Glaube gibt einem Halt und hilft einem, seine inneren Überzeugungen zu bewahren. Gerade in schwierigen Zeiten.

SZ: Kann sich Dortmund in der deutschen Spitze festsetzen? Oder greifen nächste Saison weniger schöne Mechanismen: Verlust der Unbekümmertheit, höhere Ansprüche und Begehrlichkeiten?

Hitzfeld: Für Spieler wie Sahin, Barrios oder Götze werden Angebote großer Vereine kommen, das ist normal. Und als Meister kann im Ligabetrieb eine gewisse Zufriedenheit aufkommen, nächste Saison sind die Highlights Real oder Inter! Dortmunds Team hat Charakter, aber auch dort wird es menschliche Probleme geben. Die Schlagzeile "Hitzfeld warnt Klopp!", die ich kürzlich gelesen habe, hat mich allerdings geärgert. Ich warne niemanden. Das ist nicht meine Aufgabe, und die Verantwortlichen in Dortmund machen ihre Sache sehr gut.

SZ: Sagen Sie dennoch: So wunderbar, wie die Dinge in Dortmund laufen, das funktioniert im Fußball nur temporär?

Hitzfeld: Ja, Märchen heißt ja: Es ist nicht die Normalität.

SZ: Zweimal Meister in Serie war außer den Bayern zuletzt Dortmund: 1995 und '96. Die Borussia betrieb in dieser Zeit jedoch eine teure Personalpolitik, die den Verein beinahe ruiniert hätte.

Hitzfeld: Daraus hat man sicherlich die Lehren gezogen. Damals glaubten wir, dass es unser Ziel sein muss, mit Bayern Schritt zu halten, jedes Jahr Meister zu werden und Champions League zu spielen. Das geht nicht. Es wäre der falsche Ansatz, das heute wieder so zu planen. Die Nummer eins bleibt auch im nächsten Jahrzehnt Bayern München.

SZ: Sie gewannen 1997 mit Dortmund noch die Champions League, obwohl es in der Liga bereits ein schwieriges Jahr war. Darin dürften Sie jetzt eine aktuelle Parallele zu Schalke 04 erkennen.

Hitzfeld: In der Champions League ist es möglich, dass man in einem Jahr mal über sich hinauswächst, dass einem alles gelingt. Den Titelgewinn zu planen, ist dagegen fast unmöglich - auch nicht mit viel Geld, siehe Chelsea oder Real.

SZ: Kann Schalke im Halbfinale Manchester United und Ihren alten Trainerfreund Alex Ferguson ausschalten?

Hitzfeld: Ich drücke in diesem Fall Schalke die Daumen. Ferguson weiß, wie schwierig diese Aufgabe ist, er ist nicht ohne Grund letzte Woche selbst zur Spielbeobachtung nach Gelsenkirchen geflogen. Die Gefahr ist, dass seine Spieler unbewusst denken: Bei Schalke spielt Raúl - und wer bitte sonst noch? Manchester ist Favorit, aber in einem Halbfinale ist die Chance immer fifty-fifty. Auch Schalke kann ein Märchen schaffen.