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Interview mit Ottmar Hitzfeld:"Diesen Kampf kann man nicht gewinnen"

Der Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld erklärt, warum beim FC Bayern Schweigen oft die beste Streitkultur ist - und wie Dortmunds Meistertitel Jürgen Klopp zum Trainer-Doktor macht.

Ein Café in Riehen bei Basel. Reporter erkennt die Frau hinter der Theke hier sofort. "Kommt ER wieder?", fragt sie, "ER sitzt am liebsten dort in der Ecke und trinkt Kaffee!" ER, das ist der Schweizer Fußball- Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld, 62, der gleich hinter der Grenze in Lörrach wohnt. Und der zu vielen Themen, mit denen die Bundesliga gerade beschäftigt ist, eigene Erfahrungen beizusteuern hat.

Ottmar Hitzfeld FC Bayern

Ottmar Hitzfeld, bei seinem Abschied vom FC Bayern.

(Foto: imago sportfotodienst)

Dortmund kann schon an Ostern den Titel holen - ER hat die Borussia zu zwei Meisterschaften (1995, '96) geführt und zum Champions-League-Erfolg 1997. Der FC Bayern und Präsident Uli Hoeneß treffen am Samstag auf Frankfurt mit Christoph Daum - ER war als Bayern-Trainer mit dabei, als die Feindschaft der beiden Männer eskalierte. Von 1998 bis 2004 und 2007 bis 2008 trainierte Hitzfeld den Rekordmeister. Welche Strategien ein Trainer braucht, um langfristig in München zu bestehen, ist derzeit auch Debattenthema. ER muss es wissen.

SZ: Herr Hitzfeld, zunächst ein Kompliment. Viele sagen aus heutiger Sicht, der ideale Bayern-Trainer waren: Sie!

Hitzfeld: Das ehrt mich. Ich hatte in München eine tolle Zeit.

SZ: Keiner Ihrer Nachfolger - drei grundverschiedene Typen: Magath, Klinsmann, van Gaal - sorgte für die angestrebte Kontinuität. Die Preisfrage lautet: Wie muss ein Bayern-Trainer sein?

Hitzfeld: Bayern-Trainer zu sein ist eine große Auszeichnung, man hat die beste Mannschaft in Deutschland zur Verfügung. In Ruhe arbeiten kannst du aber nur auf dem ersten Tabellenplatz. Das Wichtigste ist deshalb: Du darfst dich als Bayern-Trainer nicht überschätzen. Du musst dir bewusst sein, wie viel Fachkompetenz der Vorstand hat und dass dieser Vorstand alle Trainer überleben wird. Wenn von diesen Leuten Kritik geäußert wird, darf man nicht zu sensibel sein.

SZ: Louis van Gaal hatte großen Erfolg, scheiterte dann aber schnell. Er sah sich als Chef des Hauses und wirkte im Umgang mit dem Vorstand reizbar.

Hitzfeld: Meine Haltung war immer, Aussagen von oben, die mir nicht passten, öffentlich nicht zu kommentieren. Das ist van Gaal nicht gelungen. Man muss bei Bayern Kritik aushalten, ohne im Stolz verletzt zu sein. Und ohne in den Medien zu kontern, denn diesen Kampf kann man bei Bayern nicht gewinnen.

SZ: 2001 nannte Franz Beckenbauer Ihr Team in seiner Wut-Rede von Lyon "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft".

Hitzfeld: Das war eine Beleidigung. Aber was hätte ein öffentliches Wortgefecht gebracht? Das habe ich auch meinen Spielern erklärt: Zurückschlagen ergibt keinen Sinn! Das kostet nur unnötig Kraft. Der FC Bayern ist eine große Familie, aber eben auch ein sensibles Gebilde, das schnell explodieren kann ...

SZ: Mit einer heterogenen Führung: Mal grummelt Hoeneß, mal Rummenigge, mal Beckenbauer, mal Nerlinger. Macht das die Arbeit schwierig?

Hitzfeld: Du weiß zumindest nie, was nächsten Tag in der Zeitung steht (lacht) und an welcher Stelle das Gebilde Risse bekommt. Daher ist es eine Hauptaufgabe des Trainers, für Ruhe zu sorgen.

SZ: Sie haben als Kind am Tisch Ihrer Familie einmal monatelang geschwiegen, weil Sie fanden, Ihnen als Jüngstem höre sowieso niemand zu. War das ein Verhaltensmuster, das Sie später auch beim FC Bayern anwenden konnten?

Hitzfeld: Die Geschichte stimmt, mit diesem stummen Protest bin ich damals gut gefahren. Vielleicht war das wirklich eine Lebensschule, auch für Bayern, wo man manchmal besser nichts sagt.

SZ: Einmal konterten Sie Beckenbauer aber doch süffisant aus: Nach dem 0:4 im Uefa-Cup in St. Petersburg 2008 hatte er geätzt: "Wie Jogger auf dem Marienplatz!". Kurz darauf waren Sie Meister und sagten vor der Feier: Jetzt gehen wir ein bisschen auf dem Marienplatz joggen.

Hitzfeld: Das war spontan. Für sowas musst du bei Bayern einen Zeitpunkt abwarten, der nicht gefährlich ist.

FC Bayern: Louis van Gaal

Feierbiest und Sturkopf