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Interview mit Mehmet Scholl:"Von jetzt an gehe ich kegeln‘‘

Höhen und Tiefen hatte Scholl in der Nationalelf. Er war Europameister 1996, kam aber nur auf 36 Länderspiele.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Sie haben selbst bei Bayern-Hassern erstaunliche Sympathien ausgelöst. Wie erklären Sie sich das?

Mehmet Scholl: Können Sie Ihre Texte genau beurteilen und die Reaktionen darauf? Ich habe doch gar nichts dazu getan, wie ich spiele, das ist mir so zugefallen. Erklären kann ich es nicht, und ich weiß auch nicht, wie das aussieht, was ich auf dem Platz mache. Ich weiß nur, dass meine Hände schlenkern, dass ich Fäustchen mache, dass ich das Ärmel-Ende vom Trikot mit den Fingern festklemme.

SZ: Wie vereinbart sich Ihre Beliebtheit mit der Öffentlichkeitsverweigerung, die Sie seit Jahren praktizieren? Sie geben ja kaum noch Interviews.

Mehmet Scholl: Ich wollte mich eben nur dann äußern, wenn ich auch etwas zu sagen habe. Ich wollte das Gefühl haben, dass mir jemand zuhört. Viele Leute geben Interviews nicht, weil sie was zu sagen haben, sondern weil sie wo erscheinen möchten. Sie beziehen ihren Marktwert daher und werden mit Werbeverträgen belohnt. Das ist in Ordnung. Aber nichts für mich. Die 90 Minuten sind immer noch pure Freude. Aber das Drumherum hat halt immer weniger Spaß gemacht. Auch das Reisen, die Fliegerei - ich mag es nicht.

SZ: Der Teeniestar Scholl ist jetzt reif?

Mehmet Scholl: Alle Menschen müssen sich wandeln, da kann man doch als Fußballer nicht sagen, ich mach' mit 35 noch den gleichen Blödsinn wie mit 21. Dass ich mit 35 nicht mehr dem Schiedsrichter an die Kehle gehe oder nachtrete, das ist doch auch eine Sache der Einsicht.

SZ: Sagen Sie das auch dem anhaltend angriffslustigen Kapitän Kahn? Er ist 37.

Mehmet Scholl: Wir haben darüber diskutiert, weil er mir mal Gleichgültigkeit vorgeworfen hatte. Ich habe ihm erklärt, dass ich nur versuche, über Fehlentscheidungen drüberzustehen; dass ich versuche, den Druck der Zuschauer anders abzubauen - indem ich eine spektakuläre Aktion mache oder auch ein Scherzerl.

SZ: Ihre Reserviertheit hat es Ihnen immerhin ermöglicht, heute unbehelligt in irgendeinem Café im Münchner Glockenbachviertel mit Freunden zu sitzen oder abends in einen Club zu gehen.

Mehmet Scholl: Genau, ich habe aber auch andere Phasen erlebt. Es wäre ja absurd, wenn ich sagen würde, ich will nicht so im Fokus stehen - gleichzeitig gebe ich aber zehn Interviews. Mir ging es um den Erhalt einer gewissen Lebensqualität - und zudem darum, den Leuten nicht auf die Nerven zu gehen. Es gibt doch nichts Schlimmeres als nervende B-Promis.

SZ: Ihr Leben hat sich trotzdem öffentlich abgespielt. Sie waren der Bravo-Boy, Ihre Scheidung schlug beim Boulevard Wellen, ebenso jedes Bier zu viel.

Mehmet Scholl: Eben. Entweder lerne ich aus so etwas und ziehe mich in der Konsequenz zurück. Oder ich mache so weiter und schlage brutalsten Profit daraus.

SZ: Oder ich zerbreche daran. Sie sind sowieso jung mit einschneidenden Erlebnissen konfrontiert worden: das Verlassenwerden durch ihre damalige Frau, Todesfälle im Familien- und Freundeskreis, psychische und sportliche Abstürze. Gerade erst wurden Miroslav Kloses angebliche private Probleme thematisiert.

Mehmet Scholl: Das macht einen für eine Zeitlang auch kaputt. Jeder, der sich einen solch prominenten Namen gemacht hat - Leute wie Klose, Ballack oder Kahn -, hat ein seltsames Persönlichkeitsprofil: Du musst dich immer gequält haben im Training, du musst deine Ziele energischer verfolgt haben als andere. Mich hat es damals völlig zerlegt, aber wenn du es dann schaffst, dich wieder zu sammeln und auf Fußball zu konzentrieren - und du auch die Prügel einsteckst, wenn du schlecht spielst -, dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass die Leute sagen: Sieh' an, so kann man eine Krise bewältigen.

SZ: Waren Sie depressiv?

Mehmet Scholl: Da bin ich nicht der Typ für, auch wenn ich gerne mal schwermütig bin. Aber ich habe viel zu viel Freude an ganz einfachen Dingen. Das Leben hat mir immer gezeigt, dass selbst die negativsten Dinge für etwas gut waren. Du musst den Schmerz, die Trauer halt auch zulassen, um zu verarbeiten. Der größte Teil der zivilisierten Welt ist doch Weltmeister im Verdrängen. Das war noch nie meine Art der Konfliktbewältigung.

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