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Interview mit Mehmet Scholl:"Von jetzt an gehe ich kegeln''

Der 36-jährige Bayern-Profi zu seinem Karriere-Ende über Schmerzen, das Image eines Unvollendeten, und warum er nie mit Uli Hoeneß kicken will.

Im verabredeten Restaurant im Münchner Stadtteil Harlaching erscheint zunächst der Falsche: Stefan Effenberg nebst Gattin Claudia statt Mehmet Scholl, der nach 15 Jahren beim FC Bayern die Karriere beendet. Die spannende Frage: Dreht Scholl wortlos wieder um, wenn er seinen angeblichen Intimfeind Effe sieht? Scholl bleibt, nachdem er die Effenbergs ausgesprochen herzlich begrüßt hat: "Wir haben uns oft gefetzt'', sagt er über das Verhältnis zu seinem ehemaligen Kapitän, "aber es ist nichts hängengeblieben.'' Das wiederum kann man vom anschließenden zweieinhalbstündigen Gespräch eher nicht sagen.

Abschied nach 18 Jahren Profi-Fußball: Mehmet Scholl macht am Samstag gegen Mainz sein letztes Bundesliga-Spiel.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Herr Scholl, jeden Montag findet an der Säbener Straße ein Fußballspielchen mit einstigen Bayern-Größen wie Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge statt. Sind Sie ab übermorgen dabei?

Mehmet Scholl: Ich hab da ja schon mal mitgespielt, und da wäre Uli Hoeneß beinahe auf mich draufgeflogen - fast wäre also das passiert, was man an der Börse Kapitalvernichtung nennt. Uli Hoeneß ist ein sehr netter Fußballer, aber das Bremsen ist nicht mehr so seine Sache. Da ist mir meine Gesundheit zu wichtig.

SZ: Welchem Beruf werden Sie denn nach Ihrem letzten Bundesligaspiel an diesem Samstag nachgehen?

Mehmet Scholl: Dem Beruf des Vaters, des Freundes. Und ganz sicher werde ich nicht an die Decke starren und sagen: ,Mein Leben ist vorbei, was tu' ich jetzt?'

SZ: Der FC Bayern will Sie einbinden. In welcher Funktion?

Mehmet Scholl: Man wird doch nicht glücklich, wenn man mit dem einen aufhört und gleich ins Nächste reinspringt. Ich brauche jetzt Zeit für mich, um die Eindrücke der letzten Jahrzehnte zu verarbeiten. Und man nimmt sich doch ein Stück Romantik, wenn man alles durchplant.

SZ: Werden Sie denn Ihren Sohn Lucas, der in der U11 des FC Bayern kickt, so stark fördern, wie es Ihr Stiefvater Hermann mit Ihnen getan hat?

Mehmet Scholl: Ja, und meinem Vater habe ich viel zu verdanken. Er hat mich Fußball spielen sehen, als ich acht Jahre alt war und dann mit 13 zum KSC gebracht. Da haben sie mir bald erzählt, dass mir zum Profi so gut wie alles fehlt: die Physis, das Laufen, Springen, Kopfball. Aber mein Vater hat mich stets ermutigt.

SZ: Ihr erster Profitrainer beim Karlsruher SC war damals Winfried Schäfer.

Mehmet Scholl: Von Schäfer wurde ich erst links liegen gelassen. Heute sagt er dazu: erzieherische Maßnahme. Ich akzeptiere das jetzt mal so. Geholfen hat mir Rainer Ullrich, der Amateurtrainer. Er ist mit mir in den Wald gegangen, 20 Minuten sind wir gelaufen und dann zwei Stunden spazieren gegangen. Er hat mir erklärt, was ich verändern muss, um mich durchzusetzen.

SZ: Könnten Sie denn Ihrem Sohn heute den Profifußball empfehlen?

Mehmet Scholl: Natürlich, es spricht ganz wenig dagegen.

SZ: Zum Beispiel, dass am Ende die Knochen kaputt sind, wie bei Ihnen?

Mehmet Scholl: Ich komme doch super raus aus der Nummer! Gut, mein rechtes Knie hat sich relativ früh verabschiedet, da hatte ich mit 15 die erste Operation. Als ich aus der Narkose aufwachte, hat der Arzt gesagt: ,Mehmet, mach dir keine Sorgen ums Knie - aber du kannst nie mehr Fußball spielen.' Nächste OP mit 20, Außenmeniskus, mit 23 Außenmeniskus und Knorpel, und dann habe ich noch mal mit 35 wieder nachgelegt mit Gelenkinnenhautentzündung.

SZ: Sie kommen wirklich gut raus!

Mehmet Scholl: Naja, Fredi Binder, unser Physiotherapeut und mein bester Freund beim Klub, sagt immer: Weißt du, warum du noch keine Schmerzen hast? Weil deine Muskeln noch so gut ausgebildet sind, dass sie das Gelenk halten. Später, sagt er, wirst du aus allen Löchern pfeifen.

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