Interview mit Angela Merkel "Ballack sächselt wenigstens noch"

SZ: Seit Kanzler Kohl die deutschen Spieler nach dem verlorenen WM-Finale 1986 in Mexiko City gegen Argentinien gnadenlos an seine Brust drückte, hat die Nähe der Regierenden zum Volkssport Nummer eins erkennbar zugenommen.

Angela Merkel, Ehrenmitglied bei Energie Cottbus.

(Foto: Foto: dpa)

Merkel: Die Sache ist doch ganz einfach: Auch wenn mir Fußball ziemlich gleichgültig wäre, würde ich einer EM oder einer WM im eigenen Land als Kanzlerin trotzdem die Ehre geben, ja sogar geben müssen, weil es auch darum geht, wie unser Land sich repräsentiert. Und nun kommt das Glück hinzu, dass ich mich dazu noch nicht einmal zwingen muss, sondern dass ich Spaß daran habe und seit vielen Jahren Europa- und Weltmeisterschaften im Fernsehen verfolge, nicht nur unsere Mannschaft, sondern auch Begegnungen mit Mannschaften von Italien oder Brasilien und vielen anderen. Und zu Ihrem Stichwort Männerdomäne: Ich kenne viele Frauen, die genauso begeistert dabei sind. Verlassen Sie doch einfach mal Ihre Klischees und unser Gespräch wird interessanter.

SZ: Was fasziniert Sie am Fußball?

Merkel: Die Spannung oft bis zur letzten Minute, dass sich immer wieder neue Möglichkeiten ergeben, dass man mit ganz unterschiedlichen Mannschaften gewinnen kann. Und dass sich sehr viel über den Kopf abspielt, über die innere Freiheit, das Selbstvertrauen.

SZ: Und welche Spieler faszinieren Sie? Den Holländer Johan Cruyff nannten Sie einmal das Idol Ihrer Jugend. Bei der WM 2006 lobten Sie Philipp Lahm.

Merkel: Ich habe einige Spieler unserer Mannschaft gelobt, aber ich werde jetzt sicher nicht an einzelne Spieler Zensuren verteilen.

SZ: Aber Ballack muss Ihnen doch am vorigen Samstag beim 2:1-Sieg gegen Serbien imponiert haben.

Merkel: Hat er ja auch. Und ich wünsche mir, dass er während der ganzen EM in so guter Verfassung ist. Das wäre für die Mannschaft schon sehr, sehr wichtig.

SZ: Eigentlich schwärmen Frauen mehr für Italiener und Portugiesen, weil die schöner als Holländer sind. Was hat Ihnen an Cruyff so gefallen?

Merkel: Cruyff hat mich beeindruckt. Ich glaube, ich war auch nicht die Einzige in Europa.

SZ: Wie erleben Sie Emotionen im Stadion? Wenn sich wildfremde Leute im Torrausch umarmen oder Ottmar Hitzfeld beim Abschied vom FC Bayern hemmungslos weint.

Merkel: Das ist ein starkes Gefühl von Gemeinschaft. Emotionen haben wir auch in der Politik bei bewegenden Anlässen. Und wenn langjährige Chefredakteure ihre Karriere beenden, gibt es doch auch in der Redaktion schon mal Tränen...

SZ:...mitunter auch Freudentränen.

Merkel: Dass jemand wie Ottmar Hitzfeld, der mit Bayern München ja nun wirklich eine lange Geschichte erfolgreich beendet hat, seine Gefühle zeigt, finde ich richtig und verstehe ich sehr gut. Da gehen ihm die großartigen Erfolge wie die bitteren Niederlagen durch den Kopf.

SZ: Wer mit einem Verein oder eben der Nationalmannschaft fiebert, in ein vollbesetztes, brodelndes Stadion kommt, kann kaum ruhig bleiben. Wie ist das bei Ihnen? Müssen Sie Ihre Bewegung unterdrücken, weil Sie wissen, dass die Kameras wieder auf Sie gerichtet sind?

Merkel: Nein, ehrlich gesagt geht mir mehr durch den Kopf, wie sich die jungen Spieler in dieser gewaltigen Kulisse fühlen. Ein Fußballspiel ist sehr komplex. Beim Fußball stehen elf Menschen auf jeder Seite unter einer großen Anspannung, die alle das Beste geben wollen, und trotzdem ist nicht gesagt, ob sie auch harmonieren.

SZ: Schimpfen Sie schon mal auf den Schiedsrichter, den Gegner? Oder auf die eigenen Spieler, wenn sie eine dicke Chance versiebt haben?

Merkel: Ja, ich schimpfe zu Hause vor dem Fernseher mehr als im Stadion, weil ich dort natürlich unter Beobachtung stehe. Und ich möchte nicht gleich als Kronzeugin herangezogen werden können, wenn es mal nicht so gut läuft.

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