Interview mit Ancillo Canepa:"Ich halte nichts von Mäzenatentum"

SZ: Die Sache wäre noch schöner, brächte die Champions League nicht auch Ausgaben mit sich: Man bewegt Spieler mit teuren Verträgen zum Bleiben, die Begehrlichkeiten steigen. In Wolfsburg hat man gerade gesehen, wie viele goldene Handschläge nötig sind, um eine Meisterelf zusammen zu halten.

Canepa: Bei uns hatten alle Spieler noch weiter laufende Verträge. Und wir wussten ja bis vor zwei Wochen noch gar nicht, ob wir die Gruppenphase erreichen. Wir mussten erst die vier Qualifikationsspiele gegen Maribor und Ventspils überstehen. Aber ich habe immer kommuniziert: Ich will in die Champions League, ich verkaufe keine Spieler! Basta! Im Rahmen der normalen Saisonplanung haben wir drei hochkarätige Neue geholt: Xavier Margairaz, Johan Vonlanthen, beide Nationalspieler, und einen jungen Serben, Milan Gajic. Da bin ich ein gewisses Risiko gegangen. Man muss das Risiko quantifizieren und qualifizieren. Ich führe den FC Zürich wie ein KMU, ein kleines und mittleres Unternehmen, wie heißt das in Deutschland?

SZ:  Mittelstand?

Canepa: Genau. Da ist es ja auch oft so, dass der Familienunternehmer eigenes Kapital reinsteckt, und wenn es schiefgeht, muss er auch dafür gerade stehen. Ich halte nichts von Mäzenatentum. Aber wir haben zum Beispiel vor drei Jahren eine Kapitalerhöhung durchgeführt, da habe auch ich als Präsident maßgeblich Aktien gezeichnet, um neue Liquidität in den Klub zu bringen. Und der Not gehorchend wurden in der Vergangenheit Transfers von privater Seite finanziert. Also, ja: Es brauchte eine gewisse Risikobereitschaft. Aber ich wusste: Im worst case, wenn wir uns nicht qualifizieren, kostet uns das so und so viel.

SZ: Nämlich wie viel?

Canepa: Es wären zwei bis drei Millionen Euro gewesen. Also zu verkraften.

SZ: Die Champions League hat schon in vielen Klubs eine Kosten-Dynamik in Gang gesetzt, an deren Ende man sich sportlichen Misserfolg nicht mehr leisten konnte. Müsste man als Berater nicht auch warnen: Champions League kann abhängig machen wie eine Droge!

Canepa: Das ist ja der Fehler gewisser Vereine. Als europäischer Spitzenklub können Sie auch mal ein, zwei schwache Jahre überbrücken. Aber wenn Sie als kleiner Klub wegen der Champions League kurzfristig massiv aufrüsten: Das ist das Dümmste, was man machen kann.

SZ: Sie haben vermutlich den Madrider Sommer verfolgt: Fast 260 Millionen Euro hat Real für neue Spieler ausgegeben, alleine 94 Millionen für Cristiano Ronaldo, 65 Millionen für Kaká. Wären Sie bereit, die Verantwortung für ein solches Investment zu übernehmen?

Canepa: Niemals. Es muss ein vernünftiges Verhältnis bestehen zwischen Wert und Preis. Und der Wert eines Ronaldo ist nicht annähernd so hoch wie das, was bezahlt wurde. Ich finde die Zahlen absurd. Kein Spieler ist derart matchentscheidend. Mega-Transfers können neue Marketing-Einnahmen generieren, aber das Gesamtpaket, Lohn und Transfer, werden sie kaum wieder einspielen.

SZ: Ihr Madrider Kollege Florentino Pérez ist offenbar eher bereit, wirtschaftliche Entscheidungen auf die Grundlage sportlicher Träume zu stellen.

Canepa: Ich werde ja auch oft gefragt: Bist du mehr Fußball-Fan oder mehr Wirtschafts-Mann. Natürlich bin ich auch Fan, natürlich habe ich Lieblingsspieler, die ich gerne holen würde. Aber dann kommt der Präsident in mir durch und fragt: Bis du noch ganz bei Trost? Weißt du, was das kostet?

SZ: Was genau kommt dann durch: Der Präsident oder der Schweizer?

Canepa: Ich hoffe, der Präsident.

SZ: Ist die Champions League auch ein Charaktertest?

Canepa: Unbedingt. Ich habe schon früher viele Vorträge gehalten über corporate governance und ähnliche Aspekte, in denen ich gesagt habe: Ihr könnt noch so viele Ethikregeln auf Hochglanzpapier drucken, am Ende geht es um ein einziges Kriterium: die persönliche Integrität der Schlüsselpersonen.

SZ: Aber ist dieses Von-Erfolgen-Träumen nicht Kern des Sportgeschäfts? Sportlicher Optimismus führt zu wirtschaftlichem Optimismus. Und am Ende gibt es Verlierer, auch wirtschaftliche?

Canepa: Es ist im Profifußball tatsächlich schwierig, nachhaltig zu planen. Der Ball geht an die Latte, du wirst nicht Meister, du verlierst Millionen. Das ist der Casino-Aspekt des Sports. Dennoch, das Risiko muss begrenzbar bleiben, und wenn es in die Hose geht, muss man Lösungen parat haben. Sonst verliert man die Kontrolle über ein Unternehmen.

© SZ vom 15.09.2009/thi
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