Interview:"Ich war ein verdammter Idiot"

Der schottische Radprofi David Millar über seine Dopingvergangenheit, die Umstände seiner Läuterung und sein Comeback bei der Tour de France.

Interview: Andreas Burkert

Im Juni 2004 veränderte sich das Leben von David Millar dramatisch. Bis dahin zählte der Schotte zu den beliebtesten und erfolgreichsten Radprofis, doch dann wurde er in seinem damaligen Wohnort Biarritz im Restaurant verhaftet.

David Millar, dpa

"Mein erster Sieg nach meiner Sperre wäre ganz speziell. Auf ihn wäre ich sehr stolz": Der schottische Radprofi David Millar, der bei der Tour sein Comeback gibt.

(Foto: Foto: dpa)

Zu Beginn des Jahres 2004 hatte ein Dopingskandal seinen Cofidis-Rennstall erschüttert, Teamkollege Philippe Gaumont gestand bei der Polizei und nannte Namen. Der prominenteste gehörte dem britischen Pilotensohn David Millar, geboren auf Malta, aufgewachsen in Hongkong, dreimaliger Etappensieger bei der Tour de France, Träger des Gelben Trikots, Weltmeister 2003 im Zeitfahren.

Dieser Titel wurde ihm aberkannt, nachdem die Polizei in seinem Keller Epo-Ampullen fand und er schließlich nach 48 Stunden im Gefängnis mehrjähriges Doping zugab. Aus dem früheren Dandy, der gerne T-Shirts trug mit der Aufschrift It's Millar time, ist ein nachdenklicher Mensch geworden. Im SZ-Interview spricht er über sein Vergehen und erläutert, weshalb er als mahnendes Beispiel dienen möchte. Millar, 29, lebt heute zurückgezogen nahe Manchester. Seine Dopingsperre lief erst am 23. Juni aus, die Tour de France fährt er für das spanische Team Saunier-Duval.

SZ: Herr Millar, Erik Zabel hat uns erzählt, Sie hätten ihn im Gespräch beeindruckt. Haben die übrigen Kollegen Sie ebenfalls willkommen geheißen?

Millar: Die Kollegen waren wirklich fantastisch, sehr respektvoll. Sie haben akzeptiert, dass ich über das gesprochen habe, was ich getan habe. Sie geben mir eine zweite Chance. Ich denke, wenn man es ernst meint, dann kommt es auch so rüber. Ich kann jetzt nicht alle überzeugen, das braucht Zeit. Ich kann aber Interviews wie dieses geben, ich kann mich öffnen. Aber es hat Jahre gebraucht, bis ich meine Form auf einem Top-Level hatte, und so lange wird es nun wieder dauern, bis ich die gleiche Stimme und ein Standing im Feld habe wie früher.

SZ: Glauben Sie, das Fahrerfeld ist jetzt halbwegs sauber?

Millar: Das ist eine verdammt unrealistische Hoffnung, denn das wäre so, als wenn Schweine fliegen könnten! Hey, das ist Profisport, und glaubt mir: So lange Geld zum Sport gehört, wird es Doping geben. Und wenn du etwas anderes glaubst, bist du leider ein verdammter Idiot. Aber glücklicherweise, das glaube ich wirklich, wird es in fünf, sechs Jahren nicht mehr diese bestimmten Ärzte geben, es wird dann kein organisiertes Teamdoping mehr geben. Ich möchte daran glauben, dass, wenn ich mal meine Karriere beende, junge Kerle hochkommen und nicht mehr an die alten Champions glauben. Dann gäbe es nicht alle vier, fünf Jahre solche Dopingskandale.

SZ: Haben Sie das Gefühl, Sie können ohne Doping wieder Rennen gewinnen?

Millar: Ich habe schon viele Rennen ohne Doping gewonnen, zum Beispiel zwei Etappen bei der Tour de France, das ist ja die Ironie. Ich habe vielleicht 75 Prozent meiner Rennen ohne Doping gewonnen, und die Teamchefs wissen das auch, sie haben mich als 18-Jährigen gesehen, als ich bei großen Nachwuchsrennen in Frankreich siegte. Ich denke, dass sie mich auch deshalb willkommen heißen. Ich war kein Fahrer, der aus dem Nichts plötzlich oben auftaucht.

SZ: Aber warum dopt ein Fahrer, wenn er doch vorher angeblich sauber ist und Erfolg hat?

Millar: Weil Doping Resultate garantiert. Wahrscheinlich tat ich es, weil ich kein Verantwortungsbewusstsein hatte. Ich war im falschen Umfeld, ich lebte allein in Frankreich und konnte machen, was ich wollte. Ich hatte keinen Respekt vor Abmachungen, vor Autoritäten, vor der Moral.

SZ: Und nun kommen Sie zurück zur Tour, in ein Umfeld, das gerade den größten Dopingskandal zu verarbeiten hat.

Millar: Das hier ist eben immer noch ein seltsames Umfeld. Ehrlich, ich war wirklich geschockt, dass jetzt Ivan Basso und Jan Ullrich in die Sache involviert sind, das hat mich überrascht. Aber es zeigt nun immerhin den Leuten, die dachten, dass die Tour korrupt sei, dass die Tour das eben nicht mehr ist. Es ist gut, was jetzt passiert ist, dass die spanischen Behörden nun endlich gehandelt haben. Frankreich hat es getan, Italien hat es getan, zuletzt Belgien - und nun Spanien. Spanien war die letzte Bastion des Dopings, das war dort ein echter Wilder Westen, es war unglaublich. Fußballer werden auffliegen, Tennisspieler ebenfalls, aber ich denke, vor allem für den Radsport ist es an der Zeit, sein größtes Problem zu lösen.

SZ: Wie gut kennen Sie Jan Ullrich?

Millar: Nicht besonders. Ich weiß aber, was Ullrich und Basso jetzt durchmachen. Glauben Sie mir, das ist schrecklich. Denn wenn die Vorwürfe stimmen, verdienen sie es, bestraft zu werden. Aber das Wichtigste für ihr eigenes Wohlbefinden ist jetzt, dass sie diese Sache annehmen; sie müssen es zugeben, sie können es nicht ihr ganzes Leben leugnen. Denn sonst werden sie jämmerlich enden. Ich weiß, wie das ist.

SZ: Wie ist das? Wie hat damals Ihre Familie reagiert, als Sie aufflogen?

Millar: Meine Mutter wusste es immer, ich habe es ihr mal gesagt.

SZ: Und wie reagierte sie?

Millar: Das sagt Ihnen lieber meine Mutter selber. Mein Vater und meine Schwester wussten es wohl auch, denn sie sind ja nicht dumm; sie haben gesehen, wie mein Leben allmählich explodierte. Sie waren dann sehr dankbar, als ich es nach meinem Geständnis auch vor ihnen zugegeben habe. Mein Vater war sogar stolz auf mich. Sie haben doch mitbekommen, wie ich mich drei Jahre lang selbst zerstört habe. Ich war eine andere Person. Sie waren deshalb richtig froh, dass es mir nichts ausmachte, als ich plötzlich mein ganzes Geld verlor. Ich war so erleichtert, als es raus war.

SZ: Wie haben Sie davor mit den Lügen leben können?

Millar: Die Ironie ist ja, dass ich mir nach der Weltmeisterschaft 2003 geschworen hatte, nie wieder zu dopen. Weil ich das Zeitfahren mit so großem Vorsprung gewonnen hatte, hab' ich mir wirklich gesagt: Himmel, das tue ich nie wieder! Ich begann sogar, mit dem britischen Nationalteam zusammenzuarbeiten. Sie gaben mir, was Cofidis gar nicht hatte. Sie hatten gute Trainer, sie haben mich großartig unterstützt. Aber dann hat mich eben dieser Skandal um Cofidis gefangen, und ich glaube wirklich, dass es gut für mich war. Ich hatte danach ein hartes Jahr, aber jetzt fühle ich mich besser. Ich weiß, dass ich drei Jahre lang in jedem verdammten Interview gelogen habe. Du kannst das machen, klar, aber innerlich gehst du fast kaputt.

SZ: Hatten Sie niemals Angst um Ihre Gesundheit, als Sie dopten?

Millar: Nein, und mein Körper ist jetzt fitter denn je. Ich habe ein Jahr geraucht und gesoffen, und danach war mein Lungenvolumen größer als davor - stimmt wirklich! Und wenn ich höre, was andere genommen haben, war es bei mir eher wenig. Ich hatte in jedem der drei Jahre nur einen Dopingblock, im ersten Jahr nahm ich etwa 10 000 Einheiten Epo - im Vergleich zu anderen ist das nichts. Ich habe es wohl eher konservativ getan.

SZ: Wenn Cofidis später aufgeflogen wäre, hätten Sie nach den neuen ProTour-Regeln zwei plus zwei Jahre bekommen. Ihre Karriere wäre wohl vorbei.

Millar: Sicher, ich werde der letzte Fahrer sein, der jemals zurückgekommen ist. Und deshalb bin ich auch der Meinung, dass ich darüber reden muss. Ich muss eine Stimme sein, denn ihr Journalisten habt doch kaum jemanden, mit dem ihr über Doping reden könnt. Das ist immer noch tabu. Meine Mission ist die Verantwortung; ich habe die Leute zu überzeugen, dass es möglich ist, ein großer Radfahrer zu sein, ohne zu dopen. Ich hoffe, die Leute glauben mir, weil ich früher gelogen habe und diesen Dreck gemacht habe. In meiner Story ist vielleicht mehr Aufrichtigkeit als in anderen.

SZ: Wie hat Sie diese Story verändert?

Millar: Ich war ja damals ziemlich durch den Wind. Ich habe zwei Monate seriös gearbeitet - und dann war ich drei Wochen betrunken. Ich hatte einen extremen Lebensstil. Wenn mich nach einem Rennen ein Freund aus Paris angerufen hat, dachte ich mir: Fuck, ja, ich flieg nach Paris und verbringe ein paar Tage mit ihm! Es gab keine Stabilität in meinem Leben, dazu war ich unfähig. Ich war eine verdammte Zeitbombe. Nach den ersten zehn, elf Monaten meiner Sperre war ich dann wirklich am Tiefpunkt angelangt. Ich hatte nichts mehr.

SZ: Sie meinen materielle Dinge?

Millar: Ja, und plötzlich entspannte ich mich. Ich dachte: Cool, du musst dich wohl erneuern. Und es war auf einmal ganz einfach: Ich hatte mein Haus nicht mehr, kein Auto, alles war weg, bis auf mein Fahrrad und den Radsport. Mein Leben ist glücklicher geworden, denn ich hatte die Lügen nicht mehr. Ich bin in ein kleines Dorf in Nordengland gezogen, keiner kannte mich dort. Ich stand mit ganz wenigen Menschen in Kontakt, eigentlich war ich nur mit mir selbst in Kontakt. Ich erkannte, was für ein verdammter Idiot ich gewesen bin. Aber das letzte Jahr hat mich sehr aufgebaut, und ich bin jetzt sehr froh darüber, was mir passiert ist. Ich habe diese schreckliche Erfahrung verdient, und sie hat mich hoffentlich zu einer besseren Person gemacht.

SZ: Gab es weitere Schlüsselmomente, Sie waren ja zwei Tage im Gefängnis?

Millar: Ich kann mich an den Moment im Gefängnis erinnern, als ich realisierte: Es ist alles aus. Ich hatte zwei Jahre an meinem schönen Traumhaus in Biarritz gebaut, ich hatte mir gerade einen neuen Jaguar geordert, solche Sachen waren mir damals sehr wichtig. Das alles habe ich innerhalb von 48 Stunden verloren. Und jetzt interessiert es mich einfach nicht mehr. Vor zwei Jahren musste ich mein Haus verkaufen, und die französische Steuer hat mein Geld kassiert. Ich habe jetzt keins mehr, die Steuer zieht mein Gehalt noch einige Jahre ein. Denn Cofidis hat mich richtig verarscht: Sie haben mein Gehalt vier, fünf Jahre immer nach Luxemburg gebracht und mir gesagt, alles sei okay. Jetzt kann ich die Steuer zurückzahlen, plus 40 Prozent Strafe. Ich lebe jetzt in einem kleinen Apartment bei Manchester, ich teile mir ein Auto mit meiner Freundin. Und ich habe mein Fahrrad.

SZ: Würden Sie immer noch dopen, wenn Cofidis nicht aufgeflogen wäre?

Millar: Ich wäre immer noch dabei, bestimmt, aber als Mensch wäre ich wohl längst kaputt gegangen.

SZ: Was bedeutet Ihnen der Sport heute?

Millar: Wenn ich morgen aufhören werde - dann wird das niemanden interessieren, bis auf meine Freunde und meine Familie. Was ich während meiner Sperre am meisten vermisste habe, ist das Gefühl, eine Leidenschaft für etwas zu haben, für etwas hart zu arbeiten. Meine Mutter zum Beispiel, die arbeitet in der Buchhaltung, sie arbeitet so verdammt hart, 14, 15 Stunden am Tag. Und ich habe früher immer gesagt: Mann, Radsport ist so hart. Dabei ist es so einfach.

© SZ vom 8.7.2006
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