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Interview:"Für mich ist das eine Berufung"

Jan Beumer.

(Foto: oh)

Physiotherapeut Jan Beumer vom TSV Nördlingen über seine lange Zeit ohne Fußball.

Der Physiotherapeut Jan Beumer, 54, genießt beim Bayernligisten TSV Nördlingen großen Respekt. Er gilt als fachlich kompetent und sei ein "Fußballverrückter", sagt Abteilungsleiter Andreas Langer. Der gebürtige Niederländer betreut seit drei Jahrzehnten nebenberuflich Langläufer, Biathleten, Fußballer oder Eishockeyspieler, weil er sich dazu berufen fühle. Die Krise aber stellt auch ihn nun vor eine neue Situation. Am Telefon erklärt Beumer, wieso er seine Mannschaft trotz der Kontaktlockerungen vorerst nicht sehen kann.

SZ: Herr Beumer, seit dem letzten Punktspiel sind bald zweieinhalb Monate vergangen. Vermissen Sie die Arbeit mit der Mannschaft schon?

Jan Beumer: Ich vermisse sie schon, aber gleichzeitig bin ich auch Realist. Ich halte es für richtig, dass wegen der Ansteckungsgefahr nicht gespielt wird. Man kann die Situation ja nicht ändern. Ich finde sogar, dass wir teilweise schon zu locker mit der Pandemie umgehen. Die Leute sind sehr ungeduldig.

Sie hätten die Bundesliga also nicht wieder angepfiffen?

Für mich sollte auch die Bundesliga aussetzen, wenn schon Amateure nicht spielen dürfen. Ich kenne viele Leute, die kein Verständnis dafür haben, dass die Bundesligaspieler mit Körperkontakt übereinander herfallen dürfen. Aber da geht es natürlich um viel Geld.

Die Bayernliga setzt jedenfalls aus. Bringt Sie das in finanzielle Probleme?

Nein. Ich mache das nicht wegen Geld. Ich arbeite ja hauptberuflich in einer Klinik. Beim Fußball bekomme ich nur eine kleine Aufwandsentschädigung. Aber die habe ich auch verdient. Ich bin zweimal die Woche abends beim Training und bei 80 bis 90 Prozent der Spiele mit dabei.

Behandeln Sie die Spieler in der Krise?

Nein, ich habe gerade kaum Kontakt zu der Mannschaft - außer über die Chatgruppe, in der es aber auch relativ funkstill ist. Grundsätzlich würde ich das aber auch nicht machen, weil ich in der Klinik mit Risikopatienten arbeite. Ich möchte niemanden gefährden. Ich selbst wurde auch schon zwei Mal auf Corona getestet, glücklicherweise negativ.

Geben Sie Tipps aus der Ferne, wie sich die Spieler in der Pause verhalten sollen?

Nein, in der Bayernliga ist das alles schon sehr professionell. Die Trainer sind gut ausgebildet; die Spieler lernen viel über Gymnastik, Ausdauer und Stabilisierungstraining. Die kennen sehr viele Übungen. Da muss ich nicht viel machen.

In einer Klinik im Landkreis Donau-Ries kümmern Sie sich um Komapatienten, die lange beatmet wurden und davon abgewöhnt werden müssen. Das klingt aufreibend genug. Warum tun Sie sich das überhaupt an, nebenbei einen Bayernligisten zu betreuen?

Für mich ist das eine Berufung, Menschen und besonders Sportlern zu helfen. Es fühlt sich nicht an wie Arbeit, sondern ist eine Leidenschaft und Herausforderung, dafür zu sorgen, dass die Spieler fit auf den Platz gehen. Ich war auch schon immer ein Teamplayer. Und wenn die Mannschaft am Ende erfolgreich ist, hat man seinen Anteil daran.

Und wieso Fußball?

Ich habe selbst lange Fußball gespielt, aber mit 28 Jahren habe ich aufgehört, weil ich nicht mehr die nötige Zeit und auch nicht das Talent hatte. Schon damals habe ich Mannschaften betreut. In Nördlingen habe ich noch dazu die Gelegenheit, schönen, gepflegten Fußball zu sehen. Der fängt meiner Meinung nach in der Landesliga und Bayernliga erst an. Ich sehe talentierte Spieler und komme dabei rum in Bayern. Ich finde das einfach schön.

Stand jetzt ist Ihre Mannschaft abgeschlagen Tabellenletzte in der Bayernliga Süd. Sie sind vermutlich für eine komplette Annullierung der Saison?

Ich finde, das wäre die fairste Lösung. Nördlingen ist zwar Letzter, es sind aber noch 33 Punkte zu vergeben. Wenn alles passt, könnten wir aber auch sportlich die Relegation noch schaffen. Ein weiteres Jahr in der Bayernliga zu spielen, käme unserem Verein jedenfalls sehr gelegen.

Ohne Massagen nach dem Training und lange Auswärtsfahrten haben Sie jetzt deutlich mehr Zeit. Ist das nicht auch manchmal schön?

Ich habe kein großes Problem mit den Beschränkungen. Ich bin ein Familienmensch und keiner, der jeden Abend ausgehen muss oder unbedingt einen Stammtisch oder so etwas braucht. Wir fahren in der Familie jetzt viel Rad oder machen Sport miteinander. Dass ich sonst so oft beim Fußball bin, unterstützt meine Frau zwar, aber sie findet es nicht immer sexy.

© SZ vom 20.05.2020

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