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Interview: Felix Magath:"Der Eindruck von Schalke aus der Ferne war natürlich schlecht."

SZ: Zuletzt hat sich landesweit der Eindruck verfestigt, dass Schalke als Verein unkontrollierbar und seine Mannschaft schwer erziehbar ist. Wie war Ihr Eindruck aus der Ferne, und wie ist er jetzt aus der Nähe?

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Rechte Hacke, linker Schuh

Magath: Der Eindruck aus der Ferne war natürlich schlecht. In der letzten Saison ging es hoch her in Schalke, mit Entlassungen, Freistellungen und all dem, was dort passiert ist. Aber dass die Spieler und die Mannschaft nicht richtig funktionieren, wenn der Rahmen nicht mehr stimmt, das ist für mich völlig klar. Wenn es so drunter und drüber geht, muss das kein Spieler verantworten, dann liegen die Gründe im Verein.

SZ: Haben Sie deswegen so viele Spuren des alten Systems - man muss sagen: beseitigt? Langjährige Mitarbeiter und alte Helden wie Mulder und Reck mussten gehen, auch der Publikumsliebling Büskens nahm gekränkt Abschied. Das wirkte wie ein gewaltiges Aufräumen.

Magath: Es hatte sich halt etwas aufgestaut, weil zum Ende der Saison keiner in Schalke Entscheidungen treffen wollte - und ich dazu nicht in der Lage war, weil ich noch voll in Wolfsburg engagiert war. Deswegen musste ich das zu Beginn meiner Tätigkeit hier tun. Mir war klar, dass nicht nur in der Mannschaft einiges verändert werden muss.

SZ: Dazu nun eine harte Kritik aus dem Fachblatt kicker, wenngleich von der Leserbriefseite: "Auf so schäbige Art verdiente Schalker abzuservieren spricht Bände", schreibt ein Leser aus Kürnach und setzt fort: "Wie alle Diktatoren sammelt Magath Günstlinge um sich, die nach seiner Pfeife tanzen und von seiner Huld abhängig sind." Das ist drastisch kommentiert, gibt aber einen herrschenden Eindruck wieder.

Magath: Aber wenn in der Gesellschaft Verantwortung übertragen wird und etwas verändert werden soll, braucht man Mitstreiter und die Macht, etwas durchzusetzen. In einem Verein wie Schalke, der seit hundert Jahren existiert und uralte Strukturen hat, schafft man das allein nicht. Es ist wie mit dem Steuerrecht: Seit 30 Jahren höre ich mir an, dass das System ungerecht, zu kompliziert und verkehrt ist - aber es passiert nichts. Null. Genauso wäre es in Schalke auch gewesen, wenn man alles belassen hätte - obwohl man eigentlich nicht zufrieden ist. Und was mich betrifft: Ich hatte ja nicht die Not, irgendwo unterzukommen, als mich Schalke angesprochen hat. Ich hätte in meinem schönen Wolfsburg bleiben und mit VW im Hintergrund auch dieses Jahr wieder Millionen ausgeben können. Und meinen eigenen Hofstaat hätte ich auch gehabt. Ich hätte bloß sitzen bleiben müssen, das wäre ein schönes, bequemes Leben gewesen ...

SZ: ... das Sie aber nicht mehr haben wollten ...

Magath: ... ob ich dann noch mal Erfolg gehabt hätte, weiß ich allerdings nicht. Aber ich weiß, dass ich für den Erfolg Menschen um mich herum brauche, die mich kennen und verstehen, und die nicht jede Entscheidung hinterfragen oder kritisieren oder gar hintertreiben.

SZ: Mit der Hilfe ihres bewährten Teams - von den Co-Trainern Hollerbach und Eichkorn bis zum Konditionscoach Leuthard - kämpfen Sie nun um Sein oder Nicht-Sein. "Entweder ich schaff' Schalke oder Schalke schafft mich" - dieses alte Zitat von Rudi Assauer trifft auch auf Ihre Mission zu, oder?

Magath: Das trifft vollkommen zu. Mein Ziel ist die Meisterschaft mit Schalke, und mir ist klar, dass ich meine Arbeit nicht gut gemacht habe, wenn ich dieses Ziel in den nächsten vier Jahren nicht erreiche. Falls es so kommt: Dann hat mich Schalke geschafft.

SZ: Schalke hat sich aus finanziellen Gründen in diesem Sommer nur eine große Investition leisten können - nämlich in Sie und Ihren Stab. Reicht das? Können Sie als Trainer so viel bewegen?

Magath: Klar. Sonst würde ich es nicht machen. Dass wir nicht viel Geld ausgeben könnten, wusste ich. Das ist Teil der Herausforderung. Aus meiner Sicht war es immer eine der größten Leistungen von Uli Hoeneß und dem FC Bayern, dass sie den sportlichen mit dem wirtschaftlichen Erfolg verbunden haben. Leider gibt es zu viele Vereine, die sich den Erfolg mit Schulden erschleichen und erkaufen - das stört mich. Man muss den Sport mit den Finanzen in Relation setzen, um eine Leistung zu beurteilen.

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