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Fußball-Bundesliga:"Händewaschen ist essenziell"

Bundesliga Symbolbild

Die Deutsche Fußball Liga will Mitte/Ende Mai den Fußball in der ersten und zweiten Bundesliga mit Geisterspielen wieder ermöglichen.

(Foto: dpa)

Lange war er Profifußballer, nun ist er Arbeitsmediziner: Tim Göhlert bewertet die DFL-Pläne zur Bundesliga-Rückkehr und erklärt, wo dabei Gefahren liegen könnten.

Interview von Johannes Kirchmeier

Tim Göhlert, 35, ist neben seinem Medizinstudium als Profifußballer mit dem 1. FC Heidenheim von der Oberliga bis in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Seit seinem Karriereende im Jahr 2016 arbeitet er als Arzt, derzeit in der Facharztausbildung in einer arbeitsmedizinischen Praxis in Heidenheim, die etwa 100 Firmen betreut. Die verschiedenen Betriebe im Arbeitsschutz zu unterstützen, ist in der Corona-Zeit gerade eines seiner wichtigsten Themen.

Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) wappnet sich in diesen Tagen für die Rückkehr ins Arbeitsleben. Sie will Mitte/Ende Mai den Fußball in der ersten und zweiten Bundesliga mit Geisterspielen wieder ermöglichen und hat dafür ein medizinisches Sicherheitskonzept entwickelt, das 41 Seiten umfasst. Ein Gespräch mit Göhlert über die Pläne der Liga und deren Umsetzbarkeit aus Sicht eines Ex-Fußballers und Arbeitsmediziners.

SZ: Herr Göhlert, wie finden Sie es, dass ihr alter Arbeitgeber, die Fußballbranche, wieder mit Geisterspielen starten will?

Tim Göhlert: Aus wirtschaftlicher Sicht ist es natürlich wichtig, dass zumindest die Saison zu Ende gespielt wird. Und ich denke, mit den Maßnahmen, die jetzt im Profisport getroffen werden, ist das auch okay.

Und aus medizinischer Sicht?

Auch aus medizinischer Sicht ist es vertretbar. Das Konzept selbst ist tiefgreifender als all das, was man in anderen Betrieben durchführen kann. Im Endeffekt werden die Spieler während der Saison mehr oder weniger in Quarantäne leben. Die werden sich gegenseitig sehen und haben auch ihre Familien, aber alle anderen Kontakte wird es nicht geben. So besteht auch nicht die Gefahr, dass falls doch mal einer positiv getestet wird, das Virus an die Gesellschaft weitergegeben wird. Wichtig war ohnehin immer, dass für die Gesellschaft kein Schaden entsteht. Aber das ist ja definitiv nicht so, auch die Testkapazitäten sind da. Jetzt sind auch die Reagenzien dafür langsam wieder verfügbar.

Tim Göhlert

2016 tauschte Tim Göhlert das Trikot des 1. FC Heidenheim gegen den Arztkittel.

(Foto: dpa)

Sie merken wahrscheinlich auch in Ihrer Arbeit, dass die Testmöglichkeiten wachsen.

Ja, aber die Nachfrage lässt ein bisschen nach, ehrlich gesagt.

Ehrlich?

Dadurch, dass jetzt weniger Leute infiziert sind, gibt es auch weniger Verdachtsfälle. Das wird die nächsten Tage oder Wochen vielleicht wieder zunehmen, wenn wir wieder ein bisschen mehr raus dürfen. Aktuell gibt es aber sehr wenige Menschen, die man überhaupt testen muss.

Wie bewerten Sie es daher, dass es nun bereits nach den ersten Tests drei positive Fälle beim 1. FC Köln gibt?

Wenn wir uns anschauen, wieso wir die Tests überhaupt machen, ist die Erkenntnis, dass wir positive, gesunde Menschen rausfiltern, um sie unter Quarantäne zu stellen, eigentlich eine gute Nachricht. Die nächste Testreihe wird schon in wenigen Tagen anstehen und man wird sehen, wie sich hier die Folgeinfektionen entwickeln.

Denken Sie, dass solche Ergebnisse jetzt noch öfter vorkommen könnten - zumindest bis die von Ihnen angesprochene Quarantäne-Situation greift?

Natürlich wird es in der nächsten Zeit noch positive Fälle geben. Die Quarantäne-Empfehlungen greifen auch hier frühestens nach 14 Tagen. Bis dahin - und natürlich in Einzelfällen - wird es auch darüber hinaus immer wieder Fälle geben. Durch die intensive Testung sollten diese aber rechtzeitig erkannt werden, um ein kumulierendes Infektionsgeschehen zu unterbinden.

Von der Testkapazität her erscheint ein Bundesliga-Neustart also vertretbar, aber ist es auch ethisch und moralisch vertretbar, dass Fußballer wieder spielen dürfen?

Das ist eine Frage, an der sich die Geister scheiden. Ich verstehe beide Seiten. Einerseits die angesprochene wirtschaftliche Seite, aber andererseits auch die Vorbildfunktion. Wenn wir davon reden, kann man ganz offen diskutieren: Mein Kind darf zum Beispiel nicht in den Kindergarten, aber die Profis spielen schon wieder Fußball.

Und das Kind darf ja auch nicht Fußball spielen.

Genau. Ich trainiere selbst eine Bambini-Mannschaft. Wir haben jetzt seit März kein Training mehr - und das ist für die Kinder schon hart. Ich freue mich auch, wenn ich am Samstag wieder Bundesliga gucken kann, das gibt uns einfach ein Stück Normalität zurück. Nur: Wenn ich dann mit meinem Sohn vorm Fernseher sitze und er mich fragt, warum er jetzt selbst nicht spielen darf, wird die Argumentation schwierig. Aber vielleicht dürfen wir ja, wenn die Bundesliga beginnt, immerhin in kleinen Gruppen wieder kicken, ohne dass die Polizei vorbeikommt. Wir können nur hoffen, dass da Vernunft einkehrt. Vernunft in dem Sinne, dass wir einfach wieder ein bisschen lockerer werden.

Sie plädieren also eher für den Stil von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet als für den härteren des bayerischen Amtskollegen Markus Söder. Mehr öffnen also...

In dem Punkt definitiv. Wir haben uns in den letzten Wochen Maßnahmen angeeignet, die die Übertragung hoffentlich auf ein gesundes Maß senken werden. Wir werden das Virus nicht ausrotten, das wird kein Land der Welt schaffen. Aber wir müssen die Infektionen in einem erträglichen Maß halten. Und die Maßnahmen - Abstand halten, zu keinen Massenveranstaltungen gehen, Mund-Nasen-Schutz tragen - sind Verhaltensweisen, die uns die nächsten Monate und wahrscheinlich das nächste Jahr helfen werden, die Infektionsraten so zu begrenzen, dass unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Natürlich wäre es fatal, alles sofort wieder auf hundert Prozent hochzufahren. Aber ein bisschen Normalität wäre schön.

Sie waren Verteidiger. Wie viel Kontakt gibt es da mit dem gegnerischen Stürmer eigentlich?

Grundsätzlich haben wir beim Fußball schon das Glück, dass ganz enge Kontakte relativ selten sind. Das mag man gar nicht glauben, aber die bekannte Zweikampfsituation gibt's gar nicht so oft. Anders als beim Handball oder Basketball, wo das Feld viel kleiner und so die Infektionsgefahr viel höher ist. Klar, bei Freistößen stehst du schon enger zusammen. Aber grundsätzlich bietet der Fußball Abstand.

Trotzdem lassen sich die Freistöße ja nicht verhindern. Was halten Sie vom Fußballspielen mit Mund-Nasen-Schutz?

Das habe ich mir auch mal eine Zeit lang überlegt. Aber ne, das geht nicht. Es kommt zu wenig Luft rein und er würde auch verrutschen. Das entspricht halt den Maßnahmen, die wir ansonsten in jeder Firma im Arbeitsschutz treffen. Wenn man seinen Abstand von anderthalb Metern nicht halten kann, hat man einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Der Torwart könnte ihn also immer wieder runternehmen, der Manndecker müsste ihn die ganze Zeit aufhaben...

... der Torwart legt ihn dann hinten zur Trinkflasche ins Tor...

...(lacht) genau. Spannend wird dabei, überspitzt gesagt, auch das Thema Rudelbildung. Das wäre wohl ein Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz.

Aber der müsste ja durch die Tests vorm Spiel gedeckt sein, oder?

Das System ist schon so aufgebaut, dass der Test zeitnah zum Spiel gemacht wird. Man hat dann eine annähernd hundertprozentige Sicherheit, dass da in dem Moment keiner ansteckend ist - wobei das mit den Tests aus der medizinischen Praxis heraus auch nicht alles so einfach ist. Aber das System ist das Maximale, das man zurzeit verlangen kann - und auch als Sicherheit bieten kann.

Die DFL hat sich ja tatsächlich viel für die Sicherheit überlegt. Im 41 Seiten langen Konzept der Taskforce steht zum Beispiel für den Spieltag im Stadion, dass die Nutzung der Fitnessgeräte nur noch mit Einmalhandschuhen geschehen soll. Was halten Sie davon?

Das ist Aktionismus. In den Firmen, die ich betreue, sind diese Handschuhe kein Thema, weil sie nicht sinnvoll sind. Denn auch mit den Handschuhen fasst man sich wieder ins Gesicht und zurück ans Gerät - und so ist der Übertragungsweg der gleiche. Die Gefahr an Einmalhandschuhen ist auch, dass sie Sicherheit suggerieren. Eigentlich reicht in dem Fall Händewaschen, zur Not auch mal Hände desinfizieren und sich nicht in Mund und Nase zu fassen.

Händewaschen ist auch nach dem Toilettengang wichtig, lehrt die DFL-Taskforce den Fußballern. Muss man ihnen das wirklich erklären?

Warum nicht? Das ist grundsätzlich ein Thema, das ich als Arbeitsmediziner in den letzten Jahren mitbekommen habe. Wir predigen in fast jeder Situation, dass Händewaschen essenziell ist, da geht es nicht nur um Corona, auch in jeder Grippesaison. Händewaschen gehört in Deutschland anscheinend nicht in der Bandbreite zur Erziehung, in der es gerade gefordert ist.

Wie meinen Sie das?

Klar, lernen wir irgendwann mal, dass wir uns nach dem Toilettengang die Hände waschen sollen oder wenn wir zurück ins Haus kommen. Aber sind wir mal ehrlich: Wie oft schauen wir darüber hinweg? Da ist die ganze Gesellschaft gefragt, nicht nur die Fußballer. Und es wäre falsch, jetzt nicht in jeder Situation einfach darauf hinzuweisen. Deswegen gehört das wahrscheinlich auch in dieses Papier mit rein. Ich habe mir früher auch nicht jedes Mal die Hände gewaschen, wenn ich von draußen in die Kabine gekommen bin. Man kann das nicht zu oft erwähnen.

Und die Fußballer müssen künftig auch ihre Wäsche wieder selber waschen oder zumindest eigenständig in die Waschmaschine legen...

... (lacht) steht das drin? Da habe ich noch nichts davon gehört. Das trifft die Fußballer hart. Das sind Maßnahmen, die man nicht verstehen muss. Aber im Endeffekt ist die DFL ja Betteln gegangen, um wieder spielen zu dürfen. Und je mehr und je ausführlicher sie arbeitet, umso besser. Und wenn das jetzt gefordert ist, um weiterspielen zu können, dann wird jeder Fußballer seine Wäsche selbst in die Waschmaschine stecken.

In Spanien gibt es beim FC Cádiz in der zweiten Liga auch den Fall, dass ein Spieler nicht mehr antreten will, solange es keinen Impfstoff gibt. Wie würden Sie den beraten?

Das entspricht so ein bisschen dem Durchschnitt der Gesellschaft, finde ich. Manche haben mehr Angst, manche weniger. Arbeitsrechtlich ist das aber wahrscheinlich nicht ganz so einfach. Man hat ja in jedem normalen Betrieb kein Recht darauf, nicht zur Arbeit zu kommen. Angst ist da kein Grund, den Arbeitsplatz nicht aufzusuchen.

Und Homeoffice geht im Profifußball dann auch nicht.

Das wird schwierig. Auch da denke ich an die Wirtschaft: Wir als Praxis haben auch Arbeitgeber, bei denen kein Home-Office möglich ist. Wenn da Leute kommen und sagen: "Ich habe Angst", dann antwortet keiner: "Okay, dann bezahle ich dich weiter und du bleibst daheim." Schutzmaßnahmen, die in der Firma in Form von Masken natürlich einfacher als im Fußball umzusetzen sind, müssen eingehalten werden. Aber wenn die eingehalten werden, dann sollte man auch zur Arbeit kommen.

© SZ vom 03.05.2020
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