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Interview:"Da darf man sich nicht wegducken"

Vorfahrt für Bunt: die Kölner Klub-Geschäftsführer Philipp Walter (Haie, links) und Alexander Wehrle (FC) mit jeweils einem Sondertrikot des anderen Klubs.

(Foto: Thomas Faehnrich/oh)

Alexander Wehrle und Philipp Walter, Geschäftsführer der Kölner Erstligisten 1.FC und Haie, über Gründe und Ziele ihrer gemeinsame Anti-Diskriminierungs-Initiative "Diversity Day"

Von Philipp Selldorf

SZ: Am Wochenende begehen der 1. FC Köln (Fußball-Bundesliga) und die Kölner Haie (Eishockey, DEL) zum zweiten Mal einen "Diversity Day". Für die erste Ausgabe im September 2019 gab es eine Auszeichnung durch den Verein "Kölner Lesben- und Schwulen-Tag". Was ist der Anlass für die Fortsetzung?

Alexander Wehrle, 45, Geschäftsführer des 1.FC Köln: "Lebe, wie Du bist", heißt unser gemeinsames Motto. Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, ist leider nach wie vor notwendig. Wir wollen helfen, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Dabei geht es nicht nur um Homophobie, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz: um Herkunft, Weltanschauung, geschlechtliche und sexuelle Orientierung, auch Altersdiskriminierung.

Philipp Walter, 46, Geschäftsführer der Kölner Haie: Eishockey hat sich bei diesem Thema zwar längst auf den Weg gemacht, steckt aber - im Vergleich zum Fußball - sicher eher in den Kinderschuhen. In unserem Sport ist es auf diesem Feld noch recht still, es gibt nicht so viele Initiativen in die Richtung. Als Haie wollen wir ein Stück weit Vorreiter in der Liga sein. In Nordamerika bei der NHL ist man da etwas offener. Hier geht es also nicht nur ums Farbe bekennen, auch die Innenwirkung ist ganz wichtig.

Gibt es denn Symptome - etwa von Schwulenfeindlichkeit beim Eishockey-Publikum?

Walter: Das ist mir nicht aufgefallen. Wir haben im Eishockey eine andere Fankultur als im Fußball, nicht schlechter oder besser, aber bei uns kann der Kölner neben dem Düsseldorfer sitzen, das ist kein Problem. Der Eishockeyfan an sich ist sehr sportliebend. Energie, Aggressivität und Power werden auf dem Eis ausgelebt. Es herrscht dadurch aber auch ein gewisses Klischee vor: das der starken, unverletzlichen Männer. Daraus ergibt sich schon Gesprächsbedarf, und wir als gesellschaftlich relevante Sportvereine haben dann auch eine Verantwortung.

Die sich mit Aktionstagen abgelten lassen?

Wehrle: Würden wir nur einmal im Jahr diesen Tag veranstalten, wären wir nicht glaubwürdig. Wir tragen das Thema Vielfalt in die Arbeit des Vereins, etwa mit der Hilfe von Sozialpädagogen und Workshops für die Jugendspieler, um ihnen klarzumachen, was es bedeutet, sich auf dem Spielfeld oder außerhalb davon homophob zu verhalten. Damit fangen wir bei der U 15 an. Wir wollen den Spielerinnen und Spielern auch dabei helfen, ihre sexuelle Orientierung zu teilen - wenn sie das denn möchten.

Im Fußball gehören Debatten mit gesellschaftspolitischem Bezug längst zum Diskurs. Eishockey ist bisher weniger als politisierter Sport aufgefallen.

Walter: Aber auch im Eishockey stellt sich die Frage nach der Positionierung zwischen Sport und Politik. Ich kenne beide Welten aus der Nähe, ich habe auch zwei Jahre beim SC Freiburg in der Fußball-Bundesliga gearbeitet, bevor ich 2018 zu den Haien zurückgekehrt bin. Beim Sportclub besagt die Satzung, der Verein sei "politisch neutral". Darüber haben wir viel gesprochen. Heißt das: parteipolitisch neutral? Oder auch gesellschaftspolitisch neutral? Am Ende, finde ich, geht es um Haltung. Was ist denn nicht politisch? Der Frage kann man sich als großer Sportverein nicht entziehen, da darf man sich nicht wegducken.

Wie hat das Publikum der Haie auf die erste Ausgabe des Diversity Day reagiert? Hat es überhaupt reagiert?

Walter: Hat es, sogar sehr lebendig.

Wehrle: Wir beide wurden im Stadion und in der Halle sogar bejubelt, als wir das Thema in der Halbzeit beziehungsweise Drittelpause gemeinsam vorgestellt haben.

Walter: Es gab natürlich auch jede Menge Reaktionen auf Social-Media. Ich will den repräsentativen Status von Social Media wirklich nicht überbewerten, aber wenn das Verhältnis bei hundert Kommentaren pro und kontra ungefähr 95 zu 5 war, dann sagt das auch etwas. Unter anderem, dass das Thema bunte Gesellschaft noch nicht ganz angekommen ist.

Homosexualität ist im Kölner Leben seit Langem etwas Selbstverständliches. Die Stadt rühmt sich ihrer Toleranz. Besteht da nicht auch die Gefahr, dass Ihre Feier der Vielfalt zum Selbstlob wird?

Wehrle: Wir machen das nicht nur für die Kölnerinnen und Kölner, sondern als Botschaft aus Köln ins Land und über Deutschland hinaus. Es gibt im europäischen Kontext nach wie vor unfassbare Diskriminierungen und Übergriffe. Solange das so ist, muss der Sport seine Stimme erheben. Und was Köln angeht: Wir haben die Erlöse aus den Trikotverkäufen des ersten Diversity Day an das schwul-lesbische Jugendzentrum "Anyway" gestiftet. Man muss wissen: Die Selbstmordrate von homosexuellen Jugendlichen ist 20 Mal höher als die von heterosexuellen Jugendlichen. Daran sieht man, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen auch in Köln längst noch nicht in Ordnung sind.

Sorgt das Thema Vielfalt für Debatten in den Kabinen der Profis? Gibt es vielleicht Vorbehalte gegen ein Engagement, weil Homosexualität abgelehnt wird?

Wehrle: Ich würde es Ihnen sagen, wenn es so wäre, aber das habe ich nicht erlebt in den acht Jahren, in denen ich hier bin. Beim FC hatten wir unseren ersten Aktionstag 2014, damals in der zweiten Liga. Seitdem sind wir auch regelmäßig mit eigenem Wagen beim CSD dabei, dem Christopher Street Day. Das ist völlig normal geworden. Ich werde nie vergessen, wie Toni Schumacher (früherer Nationaltorwart des FC) mitgefahren ist beim ersten CSD. Toni war ja ein Symbol für den männlichen Fußball ...

...für den Typ Macho-Fußballer ...

Wehrle: ... ist er ja gar nicht, wenn man ihn kennt. Da standen unter den zig Tausenden am Straßenrand auch einige, die das gar nicht verstanden haben, ihn dort zu sehen. Die dachten wahrscheinlich: Toni bei den Schwulen - das macht doch keinen Sinn! Genau darum ging es: Vorurteile aufzubrechen. Toni ist dann übrigens jedes Jahr mitgefahren, auch Spieler wie Dominik Maroh und Patrick Helmes waren dabei.

Walter: Vorurteile entstehen durch Unwissenheit. Ich komme aus einem Dorf am Fuße des Schwarzwalds. Da sind die Menschen offen, dennoch war auch für mich der CSD etwas Neues, als ich nach Köln zog, oder die WG mit einem offen schwul lebenden Mitbewohner. Ich habe das als Bereicherung für mein Leben empfunden.

Gesellschaftspolitisches Engagement der Vereine wird zunehmend eingefordert. Sollte die Deutsche Fußball-Liga (DFL) - deren Präsidium Sie angehören, Herr Wehrle - über mehr Einsatz im politischen Raum nachdenken?

Wehrle: Es gibt ja außer der Stiftung längst eine Reihe von gebündelten Aktionen der DFL, etwa den Erinnerungstag zum Gedenken an die Opfer der Nazi-Verbrechen, der bald wieder ansteht. Ökologie und Nachhaltigkeit spielen auch eine immer größere Rolle.

Wie überzeugt man die Leute im Publikum, die anders denken und Aufklärung als Belehrung ablehnen?

Walter: Indem man das Klima für Toleranz schafft. Wenn man sich daran erinnert, was vor ein paar Jahrzehnten in den Fankurven los war - da hat sich doch sehr viel verändert. Es geht nicht ums Bekehren, aber auch wir beim KEC lernen durch den Diversity Day dazu. Auch durch den Austausch mit dem FC, der in diesem Thema einen Schritt weiter ist als wir, vielleicht auch zwei.

SZ: Seit Jahren wird quasi verlangt, dass sich schwule Sportler offenbaren, es passiert aber nicht. Der dänische Eishockey-Torwart Jon Lee-Olsen und der frühere DFB-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger sind seltene Beispiele geblieben. Haben Sie eine Erklärung für die Zurückhaltung?

Walter: Es ist die persönliche, intime Entscheidung jedes Einzelnen. Man sollte da niemanden drängen.

Wehrle: Da gibt es auch den medialen Faktor. Als sich Thomas Hitzlsperger nach seiner Karriere geoutet hat, fehlte ja nur noch ein ARD-Brennpunkt. Die Nachricht hatte eine enorme Dimension, sie wurde sogar in der Tagesschau gemeldet. Sein Interview mit der Zeit hatte er jahrelang vorbereitet. Wir würden natürlich jeden unterstützen, der sich irgendwie offenbaren will. Aber es wäre wahrscheinlich klug, wenn sich Sportler zusammentäten, um die mediale Wucht gemeinsam aufzufangen. Und klar: In der Kabine werden noch immer gewisse Sprüche gemacht. Das sorgt für Bedenken bei Betroffenen. Außerdem gibt es Spieler, die sich in ihren eigenen Familien nicht geoutet haben, auch aus kulturellen Gründen. Man darf da niemanden drängen. Die Frage "Wann outet sich endlich jemand?" bringt uns nicht weiter. Wir müssen es möglich machen. Etwa durch den Diversity Day.

In der Kabine und auf dem Platz herrscht eine spezielle Sprache. Wenn einer schwächlich aufs Tor schießt, war das ein "schwuler Schuss", und wenn sich einer empfindlich zeigt, soll er sich nicht "wie eine Schwuchtel" aufführen. Sollte ein Verein darauf ausdrücklich reagieren?

Wehrle: Man muss ein Bewusstsein schaffen. Aber man sollte auch nicht zu schnell verurteilen. Es gibt Emotionen, Sprüche im Affekt, die Sprache des Sports. Wenn ich so etwas hören würde, "schwuler Pass", dann würde ich sagen: Es gibt einen guten und einen schlechten Pass, aber erklär mir mal, was ein schwuler Pass ist.

Walter: Nach meiner Wahrnehmung hat sich die Kabinensprache im Eishockey schon sehr verändert. Die Sprache ist immer noch rau, aber sehr viel aufgeklärter als früher.

In England wird gegen diskriminierende Sprache streng vorgegangen. Der Urugayer Edinson Cavani wurde jetzt mit einer Sperre und 100 000 Pfund Strafe belegt, weil er auf Spanisch ein Wort getwittert hatte, das in seiner Heimat als freundschaftliche Anrede gilt, in England aber rassistisch verstanden werden kann. Der englische Fußballverband hat zugestanden, dass Cavani es nicht abwertend gemeint hatte - aber die Strafe trotzdem bestätigt. Ist das sinnvoll?

Wehrle: Wenn Grenzen überschritten werden, muss gehandelt werden, um ein Signal zu setzen. Aber man sollte genau hinschauen, um nicht blind jede Art von möglichem Vorurteil zu sanktionieren. Auch da braucht es eine gewisse Toleranz, nicht alle Akteure im Fußball haben die gleiche Sozialisation und Bildung.

Walter: Auch im Eishockey gibt es eine Charta, die Regeln enthält. Nach der wird verfahren. Wir hatten neulich den Fall eines Spielers aus Ingolstadt, der eine abfällige Geste gemacht hatte. Er hat es aus seiner Perspektive anders interpretiert, aber da hat die Liga klare Kante gezeigt, auch der betroffene Verein hat sich nach außen und innerhalb der Liga klar positioniert. Das war ehrlich gemeint, das fand ich gut, weil es ja auch diesen Mythos gibt, dass Profivereine solche Strafen nur für die Medien und Außenwirkung aussprechen.

Solche Vorwürfe könnten auch dem Diversity Day gelten: dass es nicht zuletzt ums Marketing der Klubs geht.

Wehrle: Wenn man das über einen so langen Zeitraum macht wie wir, dann erübrigt sich das eigentlich. Das ist ja keine einzelne Aktion. Wir werden das fortsetzen, und ich bin mir sicher, der 1. FC Köln wird das auch dann machen, wenn der Geschäftsführer nicht mehr Alexander Wehrle heißt, der vielleicht einen anderen Zugang zu der Thematik hat.

Und wer holt die sogenannten alten weißen Männer aus ihrem Weltbild? Gibt es eine Chance, mit Aktionstagen die Donald Trumps dieser Welt zu gewinnen?

Walter: Ich glaube, den kriegen wir nicht rum.

Wehrle: Da setzen wir uns lieber realistische Ziele.

© SZ/mok
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