bedeckt München 29°

Internationaler Fußball:Achtung: Spannung!

Eine Rundreise durch die großen und kleinen Ligen Europas, in denen es anders als in Deutschland noch um etwas geht - jedenfalls in manchen.

Portugal

Ganz weit außen in Europa, da wo die Wellen des Atlantiks auf portugiesische Melancholie treffen, kann man noch richtig spannenden Fußball schauen. Mit je 64 Punkten liegen Benfica und der FC Porto gleichauf an der Tabellenspitze. Dahinter brauchen die Verfolger wie Braga oder Sporting (46) zwar ein Fernglas, aber dafür lohnt es sich aus deutscher Sicht erst Recht, hinzuschauen: Bei Benfica spielt seit mehreren Monaten Julian Weigl, der einstige Münchner Löwe und Dortmunder - und er erzielte unlängst sein erstes Tor. Er wird wohl auch dabei sein, wenn es am letzten Spieltag Ende Juli ein sogenanntes "Herzschlagfinale" gibt - da empfängt sein Klub nämlich ausgerechnet Sporting zum Derby in Lissabon.

jonas Beckenkamp

Benfica Lissabon - CD Tondela

Benficas Julian Weigl (l) in Aktion gegen Tondelas Joao Pedro.

(Foto: Tiago Petinga/dpa)

Kosovo

Liegt eingepfercht zwischen Serbien, Montenegro, Nordmazedonien und Albanien das Land, in das man für den spannendsten Fußball reisen muss? Im Kosovo trennen die ersten vier Klubs gerade einmal vier Punkte nach dem 24. Spieltag. Drita, der Hauptstadtklub und Rekordsieger Pristina, Ballkani Suhareka und KF Gjilani rechnen sich noch Chancen in der Superliga e Kosoves aus. Vielleicht gelingt dem Viertplatzierten aus Gjilan gar die Aufholjagd. Ein paar Tipps vom berühmtestes Fußball-Kind der Stadt könnten jedenfalls nicht schaden: Xherdan Shaqiri steht schließlich in England vor der Meisterschaft und reüssierte schon in der Schweiz und Deutschland. Neben einem nervenaufreibenden Titelkampf bietet die Liga auch einen ungewöhnlichen Modus. Die zwölf Teams spielen je dreimal gegeneinander. Bis zum 33. Spieltag kann also noch viel passieren.

Tim Brack

November 17, 2019, Pristina, Pristina, Kosovo: A general view (GV) of Fadil Vokrri Stadium before the UEFA EURO, EM, Eur; Pristina, Kosovo, Fußball

Das Fadil-Vokrri-Stadion in Pristina.

(Foto: Imago)

Färöer

Fußball der ganz anderen, ja völlig ungewohnten Sorte gibt es draußen im Nordatlantik. Auf den Färöer wird in der obersten Liga namens "Betri Deildin" seit einiger Zeit wieder gespielt, und zwar mit Zuschauern. Das Archipel im Ozean ist coronafrei und reichlich fußballbegeistert. So fanden sich kürzlich beim Derby HB gegen B36 in der Hauptstadt Torshavn mehr als 1000 Fans ein. Ein Deutscher war auch dabei: Der frühere Bundesliga-Profi Kevin Schindler (einst Bremen, Augsburg, St.Pauli) ist Co-Trainer bei B36. Im Interview mit der Zeit berichtete er von einem - ja, tatsächlich - ganz normalen Match mit Rivalitäten, maskenlosen Menschen und allem, was dazu gehört. Und spannend ist's auch noch: HB führt mit fünf Punkten Vorsprung vor Runavik und Klaksvik, auch Schindlers Klub ist noch nicht abgeschlagen. Es sind auch erst acht Spieltage gespielt, am 28. August ist nochmal Derby in Torshavn.

Jonas Beckenkamp

Spanien

So spannend ist das Titelrennen in der spanischen Liga schon lange nicht mehr gewesen: Nur zwei Punkte Vorsprung hatte der FC Barcelona vor Real Madrid, als die Primera División im März pausieren musste. Zweimal hat der FC Barcelona inzwischen gespielt: zweimal gewonnen, sechsmal getroffen, zwei Tore erzielte Lionel Messi. Auch Real startete nach der Pause mit einem Sieg gegen Eibar, den Toni Kroos mit einem Treffer einleitete. Beim zweiten Spiel am Donnerstagabend soll der Rückstand auf Barcelona nun wieder auf zwei Punkte verkürzt werden, es geht gegen den FC Valencia.

Allerdings nicht vor 80 000 Zuschauern im Bernabeu Stadion, sondern vor leeren Rängen im kleinen Trainingsstadion. Zum direkten Duell zwischen Barca und Real kommt es nicht mehr, gut möglich also, dass der spanische Meister erst am letzten Spieltag am 19. Juli fest steht - mehr als einen Monat nach der Entscheidung in der Bundesliga.

Lisa Sonnabend

Türkei

In der Süper Lig bahnt sich derzeit eine Sensation an: Erstmals seit zehn Jahren könnte ein Klub Meister werden, der keiner der großen Istanbuler Traditionsvereine ist. Galatasary ist Vierter nach dem 27. Spieltag mit sechs Punkten Rückstand auf die Spitze, Besiktas Fünfter und Fenerbahce, wo Max Kruse kickt, sogar nur Siebter. An der Spitze duellieren sich dafür Trabzonspor und der Basaksehir derzeit punktgleich.

Jose Sosa of Trabzonspor during the 2019-2020 Turkish Super League Football Match between Basaksehir and Trabzonspor at; c

José Enesto Sosa.

(Foto: imago images/Seskim Photo)

Die Kader der Titelanwärter sind auch etwas für Bundesliga-Nostalgiker: Bei Trabzonspor lenkt ein 34 Jahre alter José Enesto Sosa das Mittelfeld (im Bild, ehemals FC Bayern) und bei Basaksehir schießt Demba Ba die Tore (ehemals Hoffenheim). Und wer sich schon immer mal gefragt hat, was Robinho gerade treibt: Der ist beim Erdoğan-Klub Basaksehir Einwechselspieler.

Tim Brack

Schweiz

Acht Mal ist der FC Bayern in Serie Meister geworden und Bundesliga-Beobachter fragen sich, wann die Serie reißen wird. Dass alle Serien endlich sind, zeigt ein Blick in die Schweiz. Der FC Basel ließ zwischen 2010 und 2017 keine Meisterschaft aus. Und seitdem? Keinen Liga-Titel mehr gewonnen. Der BSC Young Boys wurde zweimal Erster - und auch in dieser Saison sieht es nicht gut aus für den ehemaligen Serienmeister aus Basel. Die Berner führen gemeinsam mit St. Gallen die Tabelle nach 23 von 36 Spieltagen an. Basel hat fünf Punkte Rückstand. Bis Anfang August wird noch gespielt - die Schweiz freut sich, dass wieder Spannung in ihrer Liga herrscht.

Greenkeeper beim Rasenmähen, St. Jakob Park, FC Basel, Super League, Fussball, 08.06.2020 *** Greenkeeper mowing the la

Nicht mehr die Heimat des Meisters: Der St. Jakob Park in Basel.

(Foto: Pius Koller/Imago)

Lisa Sonnabend

Italien

In Italien gähnen die Tifosi sogar noch ausgiebiger als die deutschen Fußball-Beobachter, wenn es um den Titelkampf geht. Die alte Dame aus Turin sammelte zuletzt acht Meisterschaften in Serie und zeigt auch auf dem Weg zur neunten kaum Verschleißerscheinungen. Zwei Hoffnungsschimmer auf Abwechslung gibt es dennoch: Im Pokalfinale unterlag Juventus dem SSC aus Neapel. Die titelhungrigen Mannen um Cristiano Ronaldo sind also zu schlagen! Und Lazio Rom liegt in der Serie A nur einen Punkt hinter Juventus. Allerdings sind noch zwölf Spieltage zu gehen. Und dass die Turiner einen langen Atem haben, das demonstrierten sie in den vergangen acht Jahren unerbittlich.

Tim Brack

Slowenien

Ewiges Derby, Večni derbi, nennen die Slowenen es, wenn Maribor und Olimpija Ljubljana aufeinandertreffen - und das machen die beiden erfolgreichsten Klubs des Landes, die in den vergangenen Jahren die Meisterschaft stets unter sich ausspielten, oft. Die zehn Mannschaften der Prva Liga treten nämlich pro Spielzeit nicht nur zweimal, sondern viermal gegen jedes Team an. In dieser Saison haben Maribor und Olimpija Ljubljana bereits dreimal in der Liga gegeneinander gespielt: Einmal gewann Maribor, zweimal ging es unentschieden aus.

Am 28. Juni gibt es das nächste ewige Derby. Gut möglich, dass es die Meisterschaft vorentscheidet. Olimpija Ljubljana steht mit 53 Punkten an der Spitze, Maribor hat 49 Punkte, allerdings ein Spiel weniger. Die lange, umkämpfte Geschichte des Večni derbi geht weiter.

Lisa Sonnabend

Österreich

Ende Mai konnten geneigte Zuschauer in Österreich erstmals bestaunen, wie das mit dem Feiern so läuft in Zeiten der Distanzierung: Beim Pokalsieg von RB Salzburg standen die Sieger auf einem Podest und, nun ja, sie jubelten. Aber derart steril, dass es fast unheimlich war. Dass überhaupt gespielt wurde, liegt daran, dass Österreich die Krise relativ gut überstanden hat. In der Meisterschaft geht es auch unterhaltsam zu: Salzburg führt mit fünf Zählern Vorsprung auf Rapid Wien, auch der Linzer ASK ist noch dabei.

Pokalfinale: RB Salzburg - Austria Lustenau

Jubeln auf Abstand: Pokalsieger RB Salzburg.

(Foto: Erwin Scheriau/dpa)

Apropos: Der Klub von Trainer Valerien Ismael hinkt nur deshalb sechs Punkte hinterher, weil er ebenso viele abgezogen bekam. Es waren Bilder von Mannschaftstraining in voller Stärke aufgetaucht, als im Mai Übungseinheiten nur in Kleingruppen erlaubt waren. Am 5. Juli steigt der Gipfel gegen Salzburg.

Jonas Beckenkamp

Weißrussland

Als wegen der Coronavirus-Pandemie in den Fußballligen in Europa der Ball gestoppt wurde, pfiff Weißrussland einfach die Saison an - und das sogar vor Zuschauern. Staatschef Alexander Lukaschenko spielte die Krankheit als "Psychose" herunter, obwohl sich auch in seinem Land immer mehr Menschen infizierten. Inzwischen sind in der Liga 13 Spieltage absolviert. Normalerweise herrscht hier Langeweile, da Bate Borissow die Konkurrenz dominiert, zwischen 2006 und 2018 häufte der Klub 13 Meisterschaften in Serie an. Doch im Vorjahr wurde überraschend Dynamo Brest Meister, nun hat Bate Borissow nur zwei Punkte Vorsprung vor Schachzjor Salihorsk. Die Zuschauer im Stadion fiebern vor Ort mit - die Kritik daran ist weiterhin laut.

Lisa Sonnabend

12.04.2020 MINSK, BELARUS. Football fans in a face mask is seen during a 2020 Belarusian Premier League Round 4 football; Bate

Szene beim Spiel zwischen Minsk und Bate Borissow.

(Foto: Misha Alexandrov/Imago)
© SZ vom 19.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite