Süddeutsche Zeitung

Italienische Meisterschaft:Inter ist zurück

Inter Mailand wird nach elf Jahren wieder Meister und bricht die Dominanz von Juventus - die Fans feiern dicht an dicht, als gäbe es keine Pandemie. Über ein Team, das erst in der Finanzkrise des Klubs so richtig zusammenwuchs.

Von Oliver Meiler, Rom

Mailand ist zurück, und wenn das für einmal nichts mit Schönheit im Allgemeinen und mit fußballerischer Ästhetik im ganz Besonderen zu tun hat, dann: Pazienza! Gemach. Inter Mailand beendet mit dem 19. italienischen Meistertitel seiner Vereinsgeschichte die lange Dominanz von Juventus Turin, Macht und Monster des Calcio. Wahrscheinlich freuen sich darüber etwa drei Viertel des Landes.

Die Piazza del Duomo füllte sich am Sonntag in kurzer Zeit, das Fernsehen übertrug die Bilder live. Es waren befremdliche Bilder, Tausende Menschen eng an eng, Petarden, Gesänge, nicht alle trugen Masken. Im Studio von Sky Sport sagten improvisierte Virologen, sie verstünden ja die Freude, ein Jahrzehnt Erfolglosigkeit sei eine verdammt lange Zeit: "Aber, ragazzi, passt doch auf: Es ist Pandemie!"

Mailand ist also zurück, wobei man sagen muss, dass es Juve der Konkurrenz diesmal auch unfassbar leicht gemacht hat. Eine Zeit lang hieß es sogar, Inter müsste sich schämen, wenn es nicht Meister würde, mit seinen vielen ausländischen Stars und den großen italienischen Nachwuchshoffnungen, schließlich habe kein Verein einen imposanteren Kader. Und mit einem Trainer wie Antonio Conte, 51 Jahre alt, Apulier aus Lecce, der den Seinen in jedem Spiel so unentwegt hinterherschreit, dass ihm bei den Interviews nach Abpfiff oft die Stimme fehlt. Conte nennt die Meisterschaft "ein Kunstwerk", und man soll sich nicht täuschen: Er meint natürlich sein Kunstwerk.

Inter hatte seit elf Jahren nicht mehr den Titel geholt, diesmal gewann es ihn vier Spieltage vor Saisonende. Da blendet man auch großherzig aus, dass es in der Champions League schon im Herbst rausgeflogen war, in der Gruppenphase, hochkant. Zwei Turniere gleichzeitig, das wäre wohl zu viel gewesen.

Gelungen ist das Comeback mit Geld aus dem Ausland

Mailand ist also zurück und wieder zentral auf der Fußball-Landkarte, was ganz gut zum grandiosen Selbstverständnis der stolzen Stadt passt. Die Mailänder Gazzetta dello Sport macht dazu 23 Seiten. Was hingegen nicht so gut dazu passt: Gelungen ist das Comeback nicht mit Geld aus der Mailänder Borghesia, wie das früher bei Inter mit den Morattis der Fall war, sondern mit Kapital aus dem Ausland, aus China. Seit 2016 gehört der Verein dem Konzern Suning der Familie Zhang aus Nanjing, einem großen Einzelhändler für Elektronikgeräte. 712 Millionen Euro hat Suning in den vergangenen fünf Jahren in Inter gesteckt, für immer neues Personal. Und so sind die Zhangs jetzt die ersten ausländischen Eigentümer in der Geschichte des italienischen Vereinsfußballs, die es zu einem Scudetto bringen, dem dreifarbigen Meisterabzeichen der Serie A. Allerdings schafften sie das am Ende nur knapp.

In den vergangenen Monaten hatten die Zhangs versucht, Inter an den erstbesten Investor zu verkaufen, der ihnen dafür eine Milliarde Euro hinlegen würde. Egal, wie nahe der Triumph war, so schlecht laufen die Geschäfte seit Ausbruch der Seuche. Ihren Klub in China, den Jiangsu FC, mussten die Zhangs in der Not bereits dichtmachen, über Nacht, nachdem er nur drei Monate zuvor Meister geworden war - hat es das schon mal gegeben? China wollte ja mal zur Weltmacht in diesem Sport werden, eine globale Charmeoffensive mit Ball. Es gab dafür einen Dreißig-Jahre-Masterplan, von ganz oben befohlen, vom fußballaffinen Staatschef Xi Jinping. Nun drehte Xi alles zurück: zu teuer, zu aussichtslos. Und alle desinvestieren.

Die Zhangs konnten in Mailand zuletzt nicht einmal mehr die Saläre der Spieler bezahlen, mehrere Monate stehen aus. Im winterlichen Transfermarkt kaufte Inter nur deshalb kein frisches Personal, weil dafür kein Geld vorhanden war, gar keines. Sponsoren aus China, die von Suning angeworben worden waren, überwiesen plötzlich ihre zugesagten Millionen nicht mehr. Die Totalebbe.

Aber vielleicht, und das ist nun eine der meistverhandelten Thesen in Italien, trugen diese prekäre Finanzlage und die vielen offenen Fragen zur Zukunft wesentlich dazu bei, dass die Mannschaft zusammenwuchs. Als Schicksalsgemeinschaft, wobei der Begriff in dieser spielerischen Welt einigermaßen strapaziert klingt, um nicht zu sagen: völlig deplatziert. Steven Zhang, der erst 29 Jahre alte Präsident, Sohn des Konzernchefs, zeigte sich monatelang nicht in Mailand. Oft soll man ihn nicht einmal am Telefon erreicht haben. So entstand das ideale Klima für Conte, der nie besser ist, als wenn alles rund um ihn herum gegen ihn ist, Umstände und Fachwelt. In der Widrigkeit wirkt seine Motivationskraft doppelt, kein Spieler beklagte sich über ausgebliebene Lohnzahlungen. Der Fußballerklärer Paolo Condò nennt Conte einen "Leader für Kriegszeiten", einen General, und wenn militärische Metaphern auch fürchterlich unzeitgemäß sind: Conte selbst sieht sich genauso. "Mein Credo ist: Opfer, Schweiß, Arbeit. Ich treibe alle an ihre Grenzen, das stimmt schon."

Zuletzt gewann Inter oft 1:0 - müde, mit letzter Kraft, aber solide

Schön anzusehen ist das selten. Contes Meistermannschaft steht immer sehr tief, massiert in der Verteidigung, und wartet auf Konterchancen. Dann soll der Ball jeweils schnell und hoch zu Romelu Lukaku, dem belgischen Mittelstürmer, "Inters Atlas", wie er auch genannt wird, weil er das Team auf seinen gewaltigen Schultern trägt wie der Riese aus der griechischen Mythologie die Welt, alles andere ergibt sich dann schon von selbst. Ballbesitz? Hält Conte für sinnlos überbewertet, philosophisch und taktisch. "Wer Ästhetik will, soll ins Schönheitsstudio gehen", sagte er auf dem Höhepunkt der Debatte über das oftmals hässliche, aber eben auch unerhört erfolgreiche Spiel seines Teams. Conte hämmert seinen Teams eine Siegermentalität ein, mit Pressluft. Seine eigene Verbissenheit soll sich im Biss der Spieler spiegeln, er holt alles aus ihnen heraus, bis zur Heiserkeit. Zuletzt gewann Inter oft 1:0 - müde, mit letzter Kraft, aber solide. Der Ergebniszynismus gilt in Italien immer noch als Tugend.

Seit Conte Inter coacht, verzichtet man auf die alte Hymne, die früher vor Heimspielen der Nerazzurri, der Schwarzblauen, das Giuseppe-Meazza-Stadion ausfüllte: "Pazza Inter", heißt sie, verrücktes Inter. Conte stritt zwar einmal ab, dass er es war, der die Platte auswechseln ließ, aber muss man ihm das glauben? "Pazza Inter" galt den Interisti immer als perfekte Selbstbeschreibung, man hat eben oft dumm verloren in der Vergangenheit. Man klagt gerne über eigenes Unvermögen, weil die kleinen und mittleren Tragödien so wohl ein bisschen besser zu ertragen sind. Der Süditaliener Conte aber, davor schon dreimal Meister mit Juventus und einmal mit dem FC Chelsea, ist kein Gefühlsdusler.

Anstelle von "Pazza Inter" wird nun "C'è solo l'Inter" aufgelegt. Bald soll es aber eine neue Hymne geben, es zirkulieren schon Namen möglicher Interpreten. Ein neues Logo hat man sich bereits gegeben: Das I von Internazionale sticht durch das M von Milano, das F und das C von FC fallen weg. Soll besser sein fürs Marketing, schlichter, moderner.

Fanden jedenfalls die Zhangs. Dabei ist gar nicht sicher, wie das mit den Zhangs weitergehen soll. Der Junior reiste für die Meisterfeier an, im Privatjet aus Nanjing, lag dann doch im Budget. Suning hat bei einem amerikanischen Investmentfonds einen Kredit auftreiben können: 250 Millionen Euro. Aber ob das reicht, um in Europa mitspielen zu können? Um Conte und den belgischen Atlas zu halten? Es braucht nicht viel, dann ist wieder "Pazza Inter".

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