Champions League gegen Porto:Inters wilde Geschmacksvielfalt

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Als die Welt für Romelu Lukaku noch in Ordnung war, stürmte er mit Lautaro Martínez gemeinsam, wie hier im Europa-League-Halbfinale 2020. (Foto: Lars Baron/Getty Images)

Lukaku? Dzeko? Lautaro Martinez? Mit allerlei Tricks halten die Mailänder ihren Sturm in der Gegenwart konkurrenzfähig. Zukunftsplanung? Kaum vorhanden - im Duell mit Porto ist der Einzug ins Champions-League-Viertelfinale deshalb zwingend nötig.

Von Thomas Hürner

Der italienische Starkoch Massimo Bottura hat mal eine Ode ans Scheitern geschrieben, sie findet sich auf der Menükarte seiner Sternerestaurants: "Oops! I dropped the lemon tart" heißt ein Gericht. Es handelt sich um eine Tarte mit kandierten Limonen, die eine wilde Geschmacksvielfalt verspricht, von süß bis sauer sei in einem Bissen alles enthalten. Die genaue Komposition der Süßspeise, so geht Botturas eigene Legende, sei durch Missgeschick beim Servieren entstanden, deshalb auch der Name.

Die Kunst der Improvisation, aus der ein erfolgreiches Gesamtwerk hervorgeht: In Italien ist Botturas Limonen-Tarte längst zum Symbol des Alltäglichen geworden, aber neu ist, dass sich nun offenbar auch Fußballklubs ihrer Rezeptur bedienen. Oder ließe sich die Zusammensetzung des Sturms des FC Internazionale aus Mailand etwa anders erklären, auf Grundlage eines langfristigen Strategiepapiers gar? Wohl kaum, daraus machen auch die Verantwortlichen keinen Hehl. Und sie wissen: Romelu Lukaku, Edin Dzeko, Lautaro Martínez - Inter wird alle drei Mittelstürmer brauchen, wenn es an diesem Mittwoch den FC Porto zum Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales empfängt (21 Uhr/Dazn).

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Beginnen können allerdings nur zwei der drei, denn sein 3-5-2-System ist für Inter-Trainer Simone Inzaghi unverhandelbar. Laut den italienischen Gazetten, die traditionell schon Tage vor dem Anpfiff über die Aufstellung spekulieren, gilt die Kombination "LuLa" als die wahrscheinlichste: Lukaku und Lautaro, sie hatten schon vor zwei Jahren ein imposantes Duo gebildet, das Inter zum Meistertitel trug, den mehr als eine Dekade lang ersehnten Scudetto. Wucht und List, der Belgier und der Argentinier ergänzten sich perfekt. Entsprechend groß war im schwarz-blauen Volk dann auch der Schmerz, als Lukaku im Sommer 2021 zum FC Chelsea abwanderte, für eine Ablöse in Höhe von 113 Millionen Euro und ein selbst für englische Verhältnisse exorbitantes Gehalt.

Inters Sturm verursacht gewaltige Kosten in der Gegenwart, hat aber nur wenig Perspektive

Damals konnte niemand ahnen, was damit in Gang gesetzt würde: Die Limonen-Tarte war auf den Boden geplumpst - und beim finanziell schwer angeschlagenen Inter ist man seitdem dabei, die Bottura-Methode anzuwenden. Die Verantwortlichen um Sportchef Giuseppe Marotta bedienen sich allerlei Tricks, um den Angriff in der Gegenwart konkurrenzfähig zu halten, aber mit der Zukunftsplanung nimmt man es nicht so genau.

Die Frage ist, ob diese Kalkulation aufgehen wird. Falls nicht, droht Ungemach, schon in diesem Sommer, und zwar in geballter Form.

Die Ereigniskette beginnt beim Weggang Lukakus, danach wird es kompliziert. Als Ersatz für den Belgier wurde seinerzeit Edin Dzeko verpflichtet, ein alter Bekannter aus der Bundesliga, der gerade eine dröge Saison bei der AS Roma hinter sich hatte. Begeistert war zunächst niemand von dieser Idee. Doch Dzeko kostete kaum Ablöse, die hohen Gehaltskosten sollte er mit Toren amortisieren. Das klappte ordentlich: Der bald 37-Jährige traf zuverlässig und harmonierte gut mit Lautaro Martínez, 25, dem Übriggebliebenen des einstigen "LuLa"-Angriffs. Ein Sturmproblem schien Inter - trotz verpassten Meistertitels - nicht zu haben. Aber womöglich hat man sich im vergangenen Sommer eines geschaffen.

Mit fast 37 Jahren ist Edin Dzeko (links) immer noch durchsetzungsstark. (Foto: Marco Luzzani/Getty)

Denn da war Inter drauf und dran, den Argentinier Paulo Dybala, 29, zu holen, dessen Vertrag beim Erzrivalen Juventus Turin gerade ausgelaufen war. Alles war bereits ausgehandelt, doch Inter ließ ihn wochenlang zappeln. Der Grund: Lukaku, die alte Liebe, wurde in London nie glücklich und landete unverhofft wieder auf dem Markt. Inter verzichtete deshalb auf Dybala, der dann zur AS Roma ging, und lieh sich stattdessen Lukaku aus. Das Gesamtpaket aus Leihgebühr und Gehalt kostet den Klub über 20 Millionen Euro - für eine Saison. In Mailand waren sie hoffnungsfroh, dass sich die Wiedervereinigung des "LuLa"-Sturms sofort auszahlen würde, aber das vorläufige Ergebnis ist ernüchternd: Lukaku war entweder verletzt oder außer Form, aktuell steht er bei nur zwei Ligatreffern. Inter will jetzt mit Chelsea sogar einen kleinen Preisnachlass aushandeln.

Und nun? "LuLa" ist zwar theoretisch zurück, aber nur Lautaro Martínez und Dzeko liefern. Den Meistertitel hat Inter mit Blick auf das hoffnungslos enteilte Napoli bereits abgeschenkt, es bleiben allerdings gewaltige Kosten in der Gegenwart und nur wenig Perspektive. Denn nach aktuellem Stand bleibt nur Martínez dem Klub über den Sommer hinaus erhalten - Lukakus Leihe endet, Dzekos Vertrag läuft aus, und Dybala würde nun Ablöse kosten. Die neue Strategie im Hause Inter lautet daher: unbedingt weiterkommen in der Champions League gegen Porto, die daraus resultierenden Prämien einheimsen - und dann mal schauen, ob sich eine Tarte a la Bottura kreieren lässt. Von süß bis sauer ist alles drin.

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