Inklusionsfußball:Das schönste Eigentor der Welt

fc espanol inklusion

Michaela Ammer (li.), ihr Sohn Niklas (2. v. li., kniend) und Sportbürgermeisterin Verena Dietl (re.) flankieren den FC Español.

(Foto: privat/oh)

Im Münchner Süden trainiert Michaela Ammer eine der wenigen inklusiven Fußballmannschaften der Stadt - ehrenamtlich. Über eine selbstlose Frau, auf die viele Eltern sehnlichst gewartet haben.

Von Frederik Kastberg

Ein grauer Container ist Michaela Ammers ganzer Stolz. Der von außen eher an eine Baustelle erinnernde, rechteckige Kasten ist die neue Geschäftsstelle für Ammers Fußballmannschaft. Gemeinsam mit ihrem Sohn Niklas, 18, trainiert die 55-Jährige beim FC Español im Münchener Stadtteil Forstenried eines der wenigen inklusiven Fußballteams der Landeshauptstadt.

49 Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 25 Jahren spielen in der Inklusionsmannschaft des Vereins. Rund die Hälfte der Kinder hat eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung, das Down-Syndrom etwa, Muskelerkrankungen, Epilepsie oder eine Lernschwäche. So ganz genau weiß Ammer das aber auch nicht, weil es für sie keine Rolle spielt: "Egal, ob alt oder jung, beeinträchtigt oder nicht, egal welche Nationalität oder Religion: Bei uns soll einfach jeder spielen können", sagt sie.

Das neue Büro wurde in den Sommerferien zum Abschluss ihres fünftägigen Feriencamps eingeweiht. Dafür war sogar Münchens Sportbürgermeisterin Verena Dietl da, die Stadt hat den Aufbau des Containers finanziert. Von innen ist er bislang noch etwas spartanisch eingerichtet, ein Tisch steht da, ein paar Stühle, Regale und ein Kühlschrank. Doch im Vergleich zu vorher ist das schon viel: "Bislang haben wir die Mitgliedsanträge oder Gespräche mit den Eltern auf einer Bierbank in einem Materiallager zwischen Trikots, Hütchen und Taschen gemacht", berichtet Ammer.

25 bis 30 Stunden pro Woche arbeitet Ammer ehrenamtlich

Angefangen hat alles vor neun Jahren, als Ammer noch bei einem anderen Verein war und dort nebenbei die Gaststätte bewirtschaftet hat. "Da habe ich ein Mädchen gesehen, das immer sonntags mit ihrem Papa hier war, Fußball gespielt und danach bei mir einen Pfirsich-Eistee getrunken hat." Nina hieß das körperlich und geistig beeinträchtigte Mädchen, erzählt Ammer. "Ich habe vorher noch nie Kinder mit Beeinträchtigung gesehen, die in einem Verein spielen - und ich war im Fußball viel unterwegs. Das fand ich irgendwie doof."

Sie fragte beim Bayerischen Fußballverband nach, ob sie eine Inklusionsmannschaft gründen könne, und bekam schnell grünes Licht. Dann hat Ammer einfach angefangen. Vor vier Jahren ist sie mit dem Großteil der Mannschaft zum FC Español gewechselt. Heute, sagt sie, kämen Eltern weinend auf sie zu, um sie in den Arm zu nehmen und sich zu bedanken. "Die sagen dann oft: ,Endlich kann er mitspielen und gehört zum Team dazu.' Oft sitzen die Kinder sonst nur auf der Bank rum", erzählt sie. Dabei würden auch die gesunden Kinder von der Inklusion profitieren, meint Ammer: "Kinder ohne Beeinträchtigung lernen sehr viel in Sachen Umgang und Rücksicht miteinander. Das ist für die auch eine totale Bereicherung."

Menschen wie Michaela Ammer arbeiten meist im Verborgenen, doch ohne sie würde vieles in unserer Gesellschaft auf der Strecke bleiben. Das ehrenamtliche Engagement nimmt nahezu ihre komplette Freizeit in Anspruch. Ob sie eine soziale Ader habe? "Weiß ich nicht", lautet ihre knappe Antwort. Neben ihrem eigentlichen Beruf in der Buchhaltung eines Wein- und Spirituosenhandels steht sie fast jeden Tag auf dem Fußballplatz und trainiert Kinder, darunter auch die neu gegründeten Jugendmannschaften des Vereins. Wenn sie dann noch Zeit hat, hilft sie seit Kurzem auch noch in einem Second-Hand-Laden der Diakonie aus. "Ich bin wahrscheinlich 25 bis 30 Stunden pro Woche ehrenamtlich unterwegs", rechnet sie vor. "Wenn ich da Geld verdienen würde, wäre ich reich", sagt Ammer und lacht, "aber ich bin der Meinung, dass man im Leben nicht alles gegen Geld machen muss." Auch die sieben anderen Trainer arbeiten allesamt ehrenamtlich für den in den 1960er-Jahren von spanischen Gastarbeitern gegründeten Verein.

Wer die Philosophie von Ammers Inklusionsmannschaft verstehen möchte, muss sich dafür nur einmal mit Petra Angermüller unterhalten. Sie sitzt an einer der drei Bierbankgarnituren, die Michaela Ammer und ihr Team in pandemiekonformen Abständen am Platz aufgestellt haben. Angermüller erzählt von einer Situation bei einem Turnier in Hohenbrunn vor zwei Jahren: "Da war ein Kind mit Down-Syndrom und der Papa hat gesagt: ,Ich drück dir ganz fest die Daumen. Du schießt heute ein Tor!'", erzählt sie. "Dann haben die gespielt, der Kleine läuft aufs Tor zu - und schießt ein Eigentor. Der hat sich aber ohne Ende gefreut und alle haben sich mitgefreut, obwohl es das falsche Tor war. Aber das ist genau das, was zählt."

Jahrelang hat Petra Angermüller nach einem passenden Verein für ihren Sohn gesucht

Die 49-Jährige hat selbst zwei Söhne, die gerade auf dem Platz gegeneinander, aber sonst gemeinsam in der Mannschaft von Michaela Ammer spielen: Fabian, 11, und sein drei Jahre älterer Bruder Michael, der am Down-Syndrom leidet. Situationen wie jene in Hohenbrunn, "das würde woanders gar nicht gehen", sagt Angermüller. Jahrelang habe sie nach einem passenden Verein für Michael gesucht, denn inklusive Sportangebote, vor allem im Fußball, sind rar in München. Für viele Vereine lohnt sich eine Inklusionsmannschaft nicht. Manchmal gründen Eltern in Eigeninitiative eine Mannschaft, lösen diese aber wieder auf, sobald sie wegziehen oder zu wenig Kinder kommen.

"Für den Fabian hätten wir jeden Tag fünf Vereine, die ihn nehmen würden, aber für Michi gar nichts", beklagt Angermüller. Es sei öfter vorgekommen, dass er bei anderen Kindern kurz mitspielen durfte, doch dann hätten die es doof gefunden, dass Michael den Ball nicht treffe. Zwar hätten "normale" Vereine ihn durchaus aufgenommen, allerdings mit der Einschränkung: Training: ja, aber Spiele am Wochenende: nein. "Man gewinnt mit ihm keine Spiele", sagt Angermüller ehrlich. Deswegen sei sie überglücklich und dankbar, dass ihre Söhne jetzt gemeinsam in der Inklusionsmannschaft kicken können.

Denn Gewinner und Verlierer gibt es hier ohnehin nicht, beim Feriencamp hat jeder und jede eine Medaille bekommen, sogar Verena Dietl, die Sportbürgermeisterin. "Natürlich können sich die gesunden Kinder schon ausrechnen, wo sie stehen, wenn sie alle Spiele gewonnen haben", sagt Michaela Ammer, "aber alle gehören zum Team, egal, ob wir gewinnen oder verlieren. Hauptsache, wir spielen alle zusammen Fußball."

© SZ/sewi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB