Ingrid Klimke hat es nicht nötig, Ausflüchte zu bemühen. „Dies war mein schlechtester Ritt“, sagte sie nach ihrem Auftritt bei den Dressur-Europameisterschaften in Crozet in Frankreich. Als erste des deutschen Quartetts sollte sie für einen sicheren Auftakt sorgen, um den folgenden drei Teamreitern ein wenig den Druck von den Schultern zu nehmen. Das ging schief. 69,348 Prozentpunkte – weniger hatte die 57-Jährige bei ihren bisher elf Prüfungen auf dem 14-jährigen Hengst Vayron noch nie erhalten. „Ich dachte heute Morgen, er ist super drauf, aber dann war er nicht so ganz bei mir und guckte hier und guckte da.“
Vayron ist mit 1,86 Meter Schulterhöhe vierzehn Zentimeter größer als seine Reiterin: ein Riese von Pferd, 700 Kilogramm schwer und manchmal nicht so beweglich und fix wie seine kleineren Artgenossen. Und seine Courage steht in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Körpergröße. Ein Gigant mit Hasenherz also, dem in Crozet der Schreck in die Glieder fuhr, als eine frische Treckerspur seinen Weg kreuzte, genau vor den Augen der Richter, wo er eigentlich anhalten und zu einem Reiterdenkmal erstarren sollte. Stattdessen versuchte er, den Spuren im Sand auszuweichen, was seine Reiterin nur knapp verhindern konnte.
Und auch im weiteren Verlauf der Aufgabe schielte Vayron jedes Mal wieder dorthin, wo er ein pferdefressendes Monster vermutete. Weitere kleine Versehen wie eine misslungene Pirouette kamen hinzu. Nach der Bekanntgabe der Noten war klar: Klimke musste hoffen, dass sie die nächste Prüfung – den Grand Prix Special am Freitag, in dem es um den ersten Einzeltitel geht – erreicht. Dort sind nur die besten 30 der 62 Reiter zugelassen; nach der Hälfte aller Starter lag Klimke dann am Mittwochabend immerhin auf Rang acht. Die Mannschaftsmedaillen werden bereits am Donnerstag verteilt.
Der Start beim Europa-Championat sollte für Ingrid Klimke ein weiterer Schritt in Richtung Dressursport ein, hat sie doch bisher vorwiegend Lorbeer in der Vielseitigkeit gesammelt. Erst beim CHIO Aachen im Juli schaffte sie es nach dem Sieg im Grand Prix Special in die Dressur-EM-Mannschaft. Seit Oktober 2024 steht ihr Vayron zur Verfügung. Der Hannoveraner hatte, geritten von dem Dänen Daniel Bachmann, bereits an den Olympischen Spielen 2024 teilgenommen; unter anderem seine schwachen Piaffen verhinderten eine vordere Platzierung. Diese sehr schwierige Lektion, quasi der Trab auf der Stelle, hat Klimke gut in den Griff bekommen, anderes wie die Pirouetten nicht. „Jetzt müssen die anderen die Kohlen aus dem Feuer holen“, sagt sie, „ich hatte mir das wirklich besser vorgestellt hier, nachdem er im Trainingslager so gut gegangen war.“

Die anderen, das sind die Championats-Debütantin Katharina Hemmer auf Denoix (die mit 75,699 Prozentpunkten am Mittwoch den besten Ritt des ersten Tages ablieferte und die Deutschen damit vorläufig auf Rang eins hob) sowie die beiden Olympiareiter Frederic Wandres auf Bluetooth und Isabell Werth auf Wendy. Letztere sind am Donnerstag an der Reihe. Die drei besten Ergebnisse zählen, das von Klimke wohl nicht, wenn es das erhoffte Teamgold geben soll. Es wäre die Goldmedaille Nummer 26 seit Bestehen des Europa-Championats ab 1963, ein beeindruckender Rekord. Dicht auf den Fersen sind den Deutschen die Briten, mit drei Olympiareitern im Team, und die dänischen Reiter. Für die deutsche Equipe macht es sich in diesem Jahr schmerzlich bemerkbar, dass ein Olympiasiegerpferd wie Dalera von Jessica von Bredow-Werndl fehlt. Die 18-jährige Trakehnerstute erwartet ihr erstes Fohlen. Spitzenpaare sind selbst im deutschen Dressursport nicht überrepräsentiert, und die Nachfrage von betuchten Kunden aus dem Ausland nach Ausnahmepferden ist groß.
Ingrid Klimke wird also weiter üben, weiter versuchen, Vayron auf ihre Seite zu bringen, sein Vertrauen zu gewinnen und in der Dressur ihrem Vater Reiner Klimke, dem Olympiasieger von 1984, nachzufolgen. Vor allem aber wird sie ihre Chancen wie bisher in der Vielseitigkeit suchen. Das ist ihre eigentliche reiterliche Heimat. Das forsche Galoppieren im Gelände, das Springen über feste Hindernisse ist das, was ihr nach wie vor am meisten Spaß mache, sagt sie. Zurzeit hat sie wieder zwei junge talentierte Stuten in ihrem Stall bei Münster, mit denen sie auf die Erfolge hofft, die ihr im Moment in der Dressur noch versagt sind.
Die Vielseitigkeit bleibt ihre eigentliche reiterliche Heimat. Das forsche Galoppieren im Gelände, das Springen über feste Hindernisse …
Ungeachtet der Tagesresultate ist Ingrid Klimke für viele das Ideal des vollendeten Reiters, in allen Sätteln zu Hause, olympisch in der Vielseitigkeit mit drei Mannschaftsmedaillen geschmückt. Wenn sie ihr Pferd für die Prüfung abreitet, kann jeder zuschauen und auch der ambitionierteste Tierschützer wird nichts aussetzen können. Sie trägt den seltenen Titel Reitmeisterin, den bekommt man erst, wenn man professionell Reiter und Pferde bis auf das höchste sportliche Niveau ausgebildet hat. Klimke ist darüber hinaus Buchautorin und Produzentin von Lehrvideos, hält Vorträge und Seminare. Fast 300 000 Menschen folgen ihr in den sozialen Medien. „Reite zu Deiner Freude“, heißt einer der Buchtitel. Das tut sie. Nach ihrem Ritt in Crozet sagte sie: „Ich galoppiere weiter, solange ich gute Pferde habe.“


