bedeckt München 23°

Relegation:Die zweite Tragödie in Ingolstadt

1. FC Nürnberg - FC Ingolstadt 04

Zum wiederholten Mal schwer getroffen: Ingolstadt-Trainer Tomas Oral.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Dem FC Ingolstadt fehlen gegen Nürnberg nur wenige Sekunden zum Aufstieg - und das bereits zum zweiten Mal binnen weniger Tage.

Von Johannes Kirchmeier, Ingolstadt

Mit einem breiten Grinsen marschierte der Ingolstädter Trainer Tomas Oral weit vor Spielbeginn zum ersten Mal auf den Rasen seines FC Ingolstadt 04, mit einem breiten Grinsen machte er sich zu den Tönen von "Hell's Bells" von AC/DC dann auch kurz vor der Partie auf den Weg in seine Coaching Zone. Er wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, dass er einen seiner bittersten Tage als Fußballtrainer erleben würde.

3:1 (0:0) gewann sein FC Ingolstadt 04 gegen den 1. FC Nürnberg im Rückspiel der Relegation um den letzten Zweitliga-Platz. Doch weil das Hinspiel 0:2 endete, bleibt sein FCI nach den weniger geschossenen Auswärtstoren Drittligist. Das Tor zum 1:3 für den Club fiel kurz nach dem Ende der angezeigten Nachspielzeit. "Ich habe keine Worte. Ich möchte dazu nichts mehr sagen. Das haben wir nicht verdient heute", sagte Oral nach dem Tiefschlag.

Der 47-Jährige stand weit nach Spielende noch auf dem Rasen, leerer Blick, die Hände in die Seiten gespannt. Völlig niedergeschlagen. Der Vorstandsvorsitzende Peter Jackwerth nahm ihn daraufhin in den Arm. Oral hatte sich das verdient, nach kräftezehrenden und eigentlich ja sehr erfolgreichen Wochen, in denen ebenjener Trainer den FCI erst auf den Relegationsplatz führte. Und nun hat es dieser Tomas Oral in der kurzen Relegations-Geschichte seit 2009 zu einer historisch tragischen Figur gebracht. Zweimal hintereinander verlor er im Kampf um einen Zweitliga-Platz, zweimal auch noch nach Auswärtstoren: Bereits im Vorjahr folgte ja der bittere Abstieg nach dem K.o. gegen den SV Wehen Wiesbaden (4:4), nun dieses bittere Déjà-vu gegen den FCN.

Doch der Reihe nach, man muss ja doch die ganze Geschichte von so einem vermaledeiten Samstagabend erzählen. Schließlich merkte man Oral anfangs noch an, dass er es genießt, dass ganz Deutschland auf ihn schaut. Er hatte sich und sein Team sogar ideal darauf vorbereitet. Es liegt ja alljährlich in der Natur der Relegation um den letzten Zweitliga-Platz, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wird, dass auch einmal ein Drittligist und sein Trainer deutschlandweit wahrgenommen werden.

Und dann startete er seine ganz eigene Show. Schon in der ersten Minute, nach einem Foul an seinem Stürmer Stefan Kutschke, beklagte er sich erstmals lautstark, er schrie viel, bald schimpfte er. Meist machten seine Spieler nämlich eher das Gegenteil von dem, was ihr Coach so laut aufs Feld rief. Aber die Zweikämpfe, die gewannen nun seine Ingolstädter meistens - anders als im Hinspiel, als sie fast alle verloren.

Die breite Öffentlichkeit kennt Oral ja vor allem wegen seiner Waschanlagen-Aktion beim FSV Frankfurt. Vor fünf Jahren ließ er einmal die gesamte Mannschaft vor dem letzten Spieltag durch die Waschstraße laufen, um sie "zu reinigen" nach den Niederlagen zuvor. Die Aktion funktionierte, Frankfurt blieb nach einem Erfolg in der zweiten Liga. Als großer Taktiker, das merkt man an dieser Anekdote, war Oral nie bekannt. Aber auf die Nürnberger hatte Oral seine Mannschaft perfekt eingestellt. Eine Halbzeit lang wollte er kein Gegentor zulassen, denn im vergangenen Jahr war das ja so etwas wie der Genickbruch im Rückspiel, da lagen seine Ingolstädter schon zur Halbzeit 1:3 gegen Wehen Wiesbaden hinten und stiegen so ab.

Diesmal ging der Plan auf, es stand 0:0 nach 45 Minuten. Und so mussten die Ingolstädter immer noch "nur" das 0:2 aus dem Hinspiel aufholen. Das gelang dann überraschend flink durch zwei Treffer nach Standards des Linksverteidigers Marcel Gaus: Angreifer Kutschke traf per Abstauber (53.), Innenverteidiger Tobias Schröck völlig frei per Kopf im Strafraum zum 2:0 (62.). "Wir wussten, dass wir so einen Moment kriegen", sagte Oral, der nun nicht mehr seine Spieler, sondern das in Corona-Zeiten karge Vereinspublikum anpeitschte und dann passierte tatsächlich das schier Unglaubliche, das "Wunder", wie es Oral am Vortag titulierte, war nahe: Denn auch Robin Krauße rannte einer Freistoßflanke von Gaus entgegen und köpfte sie ins Tor (66.). 3:0 - die Wende war geschafft, riesiger Jubel von Krauße, riesiger Jubel von Oral, der sich aber sofort wieder auf seine eigentliche Aufgabe als schreiender Coach besann: "Nicht zu tief", rief er. Immer wieder. Den Gegner weghalten, um das Gegentor zu verhindern.

Denn nun drückten die Nürnberger auf ihr Auswärtstor. Doch angeführt von den alten Kämpfern Stefan Kutschke und Mittelfeldspieler Robin Krauße, die das Team schon durch die vergangenen harten Wochen (13 Spiele in sechseinhalb Wochen) gelenkt hatten und daher im Laufe des Spiels nach dem 3:0 ausgewechselt wurden, wehrten sich die Ingolstädter. Bis tief in die Nachspielzeit, doch dann traf eben dieser Fabian Schleusener für den Club - nachdem sein Gegenspieler Nico Antonitsch auch noch im Strafraum ausgerutscht war. Oral und sein Team waren am Boden. Und konnten nicht mehr aufstehen. "Ich habe keine Gedanken. Momentan bin ich nur gelähmt", sagte Oral noch einmal.

Was den Abend noch schlimmer machte: Schon vor einer Woche war Ingolstadt zwei Minuten lang nach dem Spielende (zumindest virtuell) aufgestiegen, ehe die Würzburger Kickers auf einem anderen Platz dann noch durch ein Remis vorbeizogen. Nun wiederholte sich diese Bitternis gar. Vor einem Jahr beendete Oral das Engagement am Tag nach der Niederlage. Im März kam er dann zurück, um den Abstieg wiedergutzumachen. Dieses Mal hat er laut Vertrag noch ein weiteres Jahr, um seiner bitteren Geschichte doch noch eine Wende zu verleihen.

© SZ.de
Magath vor Gomez-Abschied vom VfB

Exklusiv
Würzburger Kickers
:Magath zieht die Fäden

Bei Würzburg ist ein alter Bekannter der Bestimmer hinter den Kulissen. Lange sorgte sein nebulöses Schweigen zur Zukunft von Trainer Schiele für Verwirrung - doch nun steht fest, dass der Coach bleibt.

Von Sebastian Leisgang

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite