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Ingolstadt in der Relegation:Zwei Minuten im Juli

04.07.2020, Fussball 3. Bundesliga 2019/2020, 38.Spieltag, TSV 1860 München - FC Ingolstadt, im Grünwalderstadion Münch

Aufstieg am Smartphone verpasst: FCI-Trainer Tomas Oral empfängt den Endstand aus Würzburg.

(Foto: imago)

Nach dem Abpfiff ist der FC Ingolstadt bereits kurzzeitig aufgestiegen - dann trifft Würzburg doch noch und schickt den FCI in die Relegation gegen Nürnberg. Das Wunder beim TSV 1860 München bleibt aus.

Von Johannes Kirchmeier, München

So ein Jubel, der kommt nach dem Schlusspfiff einer Saison bei erfolgreichem Abschneiden im Idealfall in Wellen. Und so jubelten die Ingolstädter nach ihrem Sieg in der dritten Liga beim TSV 1860 München auch erst einmal nur kurz. Zu interessiert waren sie am Ergebnis des Spiels in Würzburg. Erst danach würden sie sich richtig freuen können, 1:2 lagen die Würzburger Kickers hinten, der FC Ingolstadt hätte mit diesem Ergebnis die Rückkehr in die Bundesliga geschafft. Doch das Spiel lief eben noch - und so kam im Grünwalder Stadion eine Stimmung auf wie 2001 beim kurzzeitigen Meistertitel des FC Schalke 04 im Parkstadion. Wie die Schalker einst hatten die Ingolstädter in diesem Moment ihr Ziel erreicht. Doch das hieß gar nichts, denn nun erlebte Ingolstadt seinen Schalke-Moment, vier Minuten im Mai wurden diesmal zu zwei Minuten im Juni.

Statt eines Bildschirms im Stadion, schauten alle Auswechselspieler des FCI auf die Handys, der große und verletzt ausgewechselte Stefan Kutschke stand hinter den kleineren Kollegen. Doch dann drehte sich Kutschke weg, schaute niedergeschlagen aus - und scrollte über sein eigenes Smartphone. Was war passiert? Die Kunde verbreitete sich schnell: Elfmeter für Würzburg. Tor für Würzburg. Fünf Minuten später: Ende, 2:2 in Würzburg. Die zweite Jubelwelle der Ingolstädter verebbte, bevor sie überhaupt starten konnte. Wie der FC Schalke vom FC Bayern München waren sie in der Nachspielzeit durch ein Remis auf einem anderen Platz noch überholt worden in der Tabelle. Trainer Tomas Oral bewertete den Strafstoß auch als "keinen klaren Elfmeter" - aus der Ferne wohlgemerkt.

Der FCI muss als Tabellenvierter (Meister FC Bayern II darf nicht aufsteigen) also doch noch zwei Spiele nachsitzen im Kampf um einen Zweitliga-Platz. Er trifft nach dem 2:0 (0:0) beim TSV 1860 am Dienstag und am Samstag in der Relegation auf den 1. FC Nürnberg. "Die Mannschaft hat ein richtig geiles Gesicht gezeigt", sagte Oral trotzdem. "Wir hätten es absolut verdient gehabt, direkt hochzugehen, aber der liebe Gott will, dass wir nochmal nachsitzen und ich bin froh, dass wir die Situation trotzdem haben." Im vergangenen Jahr scheiterte er mit dem Team noch in der Zweitliga-Relegation am SV Wehen Wiesbaden und stieg ab - nun könnte er wieder in Liga zwei aufsteigen. "Wir sind Relegations-erprobt als Verein und diesen Vorteil wollen wir natürlich nutzen."

1860 will mit aller Macht verteidigen - und vergisst dabei das Fußballspielen

Sein Gegenüber Michael Köllner brauche nun "ein paar Tage Ruhe" von dieser langen, kräftezehrenden Saison, erzählte er. Anders als Oral baute er am Samstag auf eine Fünferkette und wollte so versuchen, den Ingolstädter Sturm zu stoppen. Auch die Sechziger hätten ja noch den Relegationsplatz mit einem Sieg erreichen können, "wir glauben natürlich noch an das Unglaubliche", sagte der Stadionsprecher Stefan Schneider. Die Löwen wären dann aber von anderen Ergebnissen abhängig gewesen (die nicht eintraten, weil Duisburg 4:0 gewann). Zwischen den beiden Außenverteidigern Phillipp Steinhart und Marius Willsch gruppierte Köllner Aaron Berzel, Felix Weber und Dennis Erdmann. Fünf Mann also, um die Wucht von Stefan Kutschke, Fatih Kaya, Maximilian Beister und Caniggia Elva zu stoppen. Genau so waren zuletzt schon der Aufsteiger Eintracht Braunschweig (0:0), der Absteiger Preußen Münster (0:0) und der 1. FC Magdeburg (2:0) gegen den FC Ingolstadt erfolgreich. Köllner verzichtete dafür jedoch auf die eigene Wucht im Mittelfeld: Stefan Lex und Efkan Bekiroglu ließ er vorerst draußen.

Dadurch spielten die Sechziger aber tatsächlich wenig mit - der FCI durfte im Gegenzug freiweg kombinieren. Schon in der zweiten Minute tauchte Beister gefährlich im Strafraum auf, weitere Chancen folgten. Verteidige fiel den Löwen offensichtlich schwer. "Wir waren ganz einfach viel zu passiv", sagte Günther Gorenzel in der Pause am BR-Mikrofon. Nach den zwei Gegentoren in Großaspach wollten die Löwen nun sicherer stehen, daraus wurde jedoch eine passive Haltung. Im Laufe der zweiten Halbzeit kamen folgerichtig Bekiroglu und Lex für Erdmann und Weber, die Fünferkette war nach 60 Minuten wieder aufgelöst - auch weil die Ingolstädter schon durch den fulminanten Weitschuss eines Ex-Löwen führten.

Maximilian Beister traf nach einem Querpass von Kaya aus 25 Metern links oben in den Torwinkel (50.) und jubelte ausgiebig vor der Westkurve. In diesen Minuten sollte sich ja alles auflösen, das diffuse Aufstiegsrennen der dritten Liga sollte Ergebnisse präsentieren. Doch dass das nicht so leicht fallen würde in dieser engen Liga, das war auch vorher schon allen klar. Und so blieb es diffus bis zum Schluss. Ab 15.15 Uhr war es nämlich so weit: Der FC Ingolstadt 04 schien aufgestiegen zu sein, als Halle dann plötzlich 2:1 in Würzburg führte.

Die Sechziger drückten nach dem Gegentor noch einmal, doch so recht wollte ihnen nichts gelingen - auch weil Ingolstadts Ersatztorwart Marco Knaller, für die Restsaison als Nummer Eins auserwählt, die Schüsse von Marius Willsch (61.) und dem Ex-Ingolstädter Stefan Lex aus dem Strafraum prächtig hielt (67.). Nachdem Herbert Paul als letzter Mann die rote Karte nach einem Foul an Dennis Eckert Ayensa, der nach einer halben Stunde für Kutschke kam, gesehen hatte, schien den Löwen doch die Luft für ein packendes Finale zu fehlen (80.). Eckert Ayensa schoss schließlich das 2:0 nach einem klasse Solo von Maximilian Thalhammer (82.).

"Ingolstadt ist der wirklich verdiente Sieger heute in dem Spiel", sagte Köllner. Doch da wusste auch er schon: Aufgestiegen ist der FCI noch nicht. Um 15.53 Uhr glichen die Kickers aus - und schickten Ingolstadt in die Saisonverlängerung. "Wir haben in den letzten vier, fünf Monaten alles getan, dass wir körperlich und mental in einer super Verfassung sind. Schauen wir mal, was passiert", sagte Oral. Die zweite Jubelwelle soll im besten Falle nur aufgeschoben, nicht aufgehoben sein.

© SZ vom 05.07.2020
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