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Fifa:Infantino und Lauber - ein Fall für den Sonderstaatsanwalt

Fifa-Präsident Gianni Infantino

Brisante Entwicklung um Fifa-Chef Infantino

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Die Berner Justiz fordert, dass ein Sonderermittler Strafanzeigen gegen den Fifa-Boss und den Schweizer Chefankläger prüft. Die Nervosität im Fußball-Weltverband ist groß.

Von Thomas Kistner

Seit Monaten müssen Gianni Infantino und Michael Lauber zittern, nun steht der Dammbruch bevor. Am Freitag wurden konkrete staatsanwaltliche Schritte gegen Bundesanwalt Lauber gefordert, und sie sollen den Fifa-Boss mit einschließen. Wiederholt hatten Infantino und der Schweizer diskrete Palaver abgehalten, deren Inhalt so geheim war, dass sie ein Treffen, im Juni 2017, ganz und gar vergessen haben wollen - kollektiv, mit mindestens zwei weiteren Gesprächspartnern.

Weil diese Treffen gegen die Regeln waren und auch nicht protokolliert wurden, läuft gegen Lauber bereits ein Amtsenthebungsverfahren, zudem ist er von diversen Fifa-Ermittlungen der eigenen Bundesanwaltschaft (BA) suspendiert. Nun eröffnet die Strafjustiz des Kantons Bern die nächste Front: Sie verlangt die Einsetzung eines außerordentlichen Bundesanwalts durch das Parlament. Dies steht in einem mehrseitigen Schreiben an National- und Ständerat, bestätigt der stellvertretende Generalstaatsanwalt Christof Scheurer.

Im Kanton liegen insgesamt drei Strafanzeigen vor, eine richtet sich explizit gegen Infantino, die anderen gegen Lauber. Die Berner Justiz will diese Anzeigen nach Prüfung jetzt an einen neu zu bestellenden Sonderermittler weiterleiten; die Kantonsjuristen sehen hier die Zuständigkeit bei der Bundesgerichtsbarkeit. Was Lauber betrifft, seien die fraglichen Straftatbestände ja von einem Vertreter einer Bundesbehörde begangen worden; auch für die Anzeige gegen Infantino gelte diese Zuständigkeit. Denn der Weltfußball-Boss soll Lauber zu den Treffen angestiftet haben, und damit, so der Vorwurf, zu Amtsmissbrauch, Amtsgeheimnisverletzung und Begünstigung.

Weil zwei der stillen Dates in einem Hotel in Bern stattfanden, gingen dort die Strafanzeigen ein

Tatsächlich ist sogar durch einen Walliser Sonderstaatsanwalt bezeugt, dass Infantino stille Treffen mit Lauber über seinen privaten Justizberater Rinaldo Arnold einfädeln ließ. Auch zu den Inhalten, die von den Beteiligten - soweit sich erinnern können - als profane Kooperationsgespräche dargestellt wurden, sind schon pikante Details publik. Denn Infantino hatte seinem Helfer Arnold kurz vorm zweiten Lauber-Date im April 2016 geschrieben: "Ich werde versuchen, es der Bundesanwaltschaft zu erklären, da es ja auch in meinem Interesse ist, dass alles so schnell wie möglich geklärt wird, dass klar gesagt wird, dass ich damit nichts zu tun habe." Diese E-Mail bezog sich auf ein Ermittlungsverfahren, das die BA nur Tage zuvor in Sachen Uefa eröffnet hatte. Es ging um einen dubiosen TV-Rechtevertrag mit korrupten argentinischen Marketendern, den Infantino einst als Uefa-Jurist signiert hatte.

Das Verfahren lief gegen "unbekannt". Aber Infantino war erst wenige Wochen Fifa-Boss, hätte Laubers BA gegen ihn persönlich ermittelt, wäre der Thron sofort weg gewesen. Wie groß die Aufregung war, zeigt eine Mail Arnolds, der Infantino mit den guten Drähten zur BA-Spitze zu beruhigen versuchte: "Wichtig ist nun die Sitzung in zwei Wochen. Wenn du willst, kann ich dich wiederum begleiten." Der Austausch zeigt, was bisher alle abstreiten: Dass Infantino Treffen mit der BA einfädeln ließ, bei denen es um persönliche Anliegen gehen sollte, wie besagtes Uefa-Verfahren. 2017 stellte Laubers BA die Sache ein.

Weil zwei der stillen Dates in einem Hotel in Bern stattfanden, gingen dort die Strafanzeigen ein. Den von der Kantonsjustiz geforderten Sonderermittler soll nun die Bundesversammlung einsetzen. Dieser außerordentliche Bundesanwalt soll dann entscheiden, ob hinreichender Tatverdacht für die Einleitung eines Strafverfahrens gegen Lauber und Infantino bestehe. Das würde er dann auch selbst führen.

Für unabhängige Fachleute ist die Sache klar. In einem Gastkommentar für die Zürcher Neue Zeitung beleuchten die Basler Strafrechtsexperten Mark Pieth und Markus Mohler die "Krise der Schweizer Strafjustiz", warnen vor dem Abrutschen in eine "Bananenrepublik" und rügen die "Methode Lauber". Der Bundesanwalt setze sich über Bestimmungen hinweg, zu den Fehlern im Umgang mit Infantino und den Fußballverfahren sei festzuhalten: "Geschäftliche Treffen finden im Büro und nicht im Restaurant statt, und dass sie protokolliert werden müssen, steht in der Strafprozessordnung. Die kollektive Amnesie hinsichtlich eines der Treffen ist unglaubwürdig, und dass der Bundesanwalt aus geleakten E-Mails darüber belehrt werden muss, dass es bei den Treffen darum ging, Herrn Infantino Gelegenheit zur Verteidigung zu geben, ist peinlich."

Wie groß die Nervosität ist, lässt sich an der auffallend scharfen Reaktion der Fifa ablesen

Womöglich mehr als das. Der Dammbruch für den Weltfußball rückt durch die Entwicklungen näher. Er träte ein, falls ein Sonderermittler eine Strafuntersuchung gegen das Duo eröffnet; dann wäre neben der austrudelnden Ära Lauber auch die von Infantino beendet. Denn laut Fifa-Ethikregeln wird ein Funktionär, sofern in einer Strafermittlung beschuldigt, für 90 Tage suspendiert. Das widerfuhr 2015 Infantinos Vorgänger Sepp Blatter, damals war auch Michel Platini suspendiert worden, obwohl der im betreffenden Ermittlungskomplex nur "Auskunftsperson" war. So heißt in der Schweiz der Status zwischen Beschuldigten und Zeugen.

Wie groß die Nervosität ist, lässt sich an der auffallend scharfen Reaktion der Fifa ablesen. Samstagnacht, viel zu spät für die Sonntagsmedien, gab sie Rückendeckung für den Boss: Infantino habe "nichts falsch gemacht", indem er Lauber traf, hieß es in einem Presse-Bulletin, sein Motiv sei gewesen, "den Schweizer Behörden jegliche Unterstützung anzubieten, um sicherzustellen, dass diejenigen, welche Millionen von der Fifa gestohlen und sie in Diskredit gebracht haben, zur Rechenschaft gezogen werden". Aber warum war der Kooperationswunsch so stark, dass es kaum genug Geheimtreffen geben konnte, und Infantino für eines, im April 2016, zwecks pünktlicher Anreise sogar den Privatjet des Emirs von Katar ausborgen musste? Das war das Treffen, bei dem er laut Mail an Arnold seine persönliche Version in Hinblick auf das Uefa-Verfahren erörtern wollte.

All diese Vorwürfe sind für die Fifa "völlig unbegründet", sie fügt dabei sogar an, was Schweizer Juristen am Sonntag als "Einschüchterungsversuch" bezeichneten: "Jeder, der solche Anschuldigungen vorbringt, sollte sehr sorgfältig überlegen, bevor er dies tut, da die Fifa alle rechtlichen Schritte einleiten wird (...) um sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit die Wahrheit erfährt".

Kennt die Welt also diese Wahrheit noch gar nicht? Sollte sie zweifeln an den bereits laufenden Justizmaßnahmen, und an den klaren Belegen, auf denen diese Maßnahmen beruhen? Das bleibt ebenso nebulös wie das Schweigen des Fußball-Weltverbandes zu einer weiteren Baustelle, die nach Experten-Einschätzung vom Fifa-Ethikkomitee beleuchtet gehört: Jüngst zeigten SZ-Recherchen, dass Infantino zum Heimflug von einer Karibik-Dienstreise 2017 einen teuren Privatjet nutzte - und dies gegenüber dem Compliance-Chef Tomaz Vesel (Slowenien) mit einem Treffen gerechtfertigt wurde, das nie stattfand. Bisher reagiert die Fifa auf den Vorwurf, ihre Aufsicht getäuscht zu haben, nur damit, dass der Flug für compliant erklärt worden sei. Aber die Frage ist ja, ob dies auf Basis einer Lüge geschah. Laut Regelwerk müsste sich das Ethikkomitee hier einschalten. Deren Chefanklägerin Claudia Rojas (Kolumbien) wird übrigens, ebenso wie der gutgläubige Compliance-Chef Vesel, binnen ihrer vierjährigen Fifa-Nebentätigkeiten mit rund einer Million Euro Salär entlohnt: für einen offenbar nicht allzu anstrengenden Aufpasserjob.

© SZ vom 08.06.2020

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