Fifa-Präsident zur WM:Infantino bezeichnet Kritik des Westens an Katar als "heuchlerisch"

Lesezeit: 2 min

In einer bemerkenswerten Pressekonferenz holt der Fifa-Boss zum Rundumschlag gegen Zweifler an dem umstrittenen Turnier aus. Und er erneuert Sicherheitsgarantien für queere Fans in Katar.

Fifa-Präsident Gianni Infantino hat einen Tag vor dem Eröffnungsspiel eine "Doppelmoral" westlicher Nationen gegen WM-Gastgeber Katar angeprangert. "Ich denke, was wir Europäer in den vergangenen 3000 Jahren weltweit gemacht haben, da sollten wir uns die nächsten 3000 Jahre entschuldigen, bevor wir anfangen, moralische Ratschläge an andere zu verteilen", sagte der 52-Jährige während einer bemerkenswerten Pressekonferenz am Samstag im Medienzentrum in Doha, bei der er einen gut einstündigen Monolog hielt. "Diese Art und Weise, einseitig Lektionen erteilen zu wollen, das ist heuchlerisch."

Es sei "traurig", diese "Doppelmoral" erleben zu müssen. Sein Statement eröffnete der Schweizer mit den Worten: "Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant" und wollte damit wohl ausdrücken, dass er sich für all diese Menschen einsetze.

Katar steht seit Jahren wegen Menschenrechtsverletzungen sowie den Lebensbedingungen für ausländische Arbeiter in der Kritik, die auch von unabhängigen Organisationen wie Amnesty International geäußert wurde. Die Regierung des Emirats weist das zurück. "Wie viele der westlichen Unternehmen, die hier Milliarden von Katar erhalten - wie viele von ihnen haben über die Rechte von Arbeitsmigranten gesprochen? Keiner von ihnen", sagte Infantino, ohne Beispiele anzuführen.

"Wer kümmert sich um die Arbeiter? Wer? Die Fifa macht das, der Fußball macht das, die WM macht das - und fairerweise muss man sagen, Katar macht es auch." Er verstehe nicht, wieso die Fortschritte in Katar nicht anerkannt würden, sagte der Fifa-Präsident, der in Doha einen Nebenwohnsitz hat. "Es fällt mir wirklich schwer, diese Kritik zu verstehen", sagte Infantino, sie sei "zutiefst ungerecht."

Infantino sprach in seiner Pressekonferenz eine Reihe von Themen an, unter anderem bezeichnete er die Entscheidung, kurzfristig doch kein Bier im Umfeld der Stadien zu verkaufen, als gemeinsame Entscheidung der Fifa mit dem Organisationskomitee. Außerdem hat Infantino allen queeren Menschen einen Tag vor der Eröffnung der Weltmeisterschaft zugesichert, dass sie im Land des WM-Gastgebers herzlich willkommen und sicher seien. "Ich kann bestätigen, dass hier alle willkommen sind", sagte Infantino. "Es ist eine klare Anforderung der Fifa, dass alle, die herkommen, willkommen sein müssen. Egal, welche Religion, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung sie haben."

Infantino begrüßt auch queere Menschen in Katar

Die katarische Regierung halte sich daran, betonte der Fifa-Chef. Infantino betonte, alle Menschen seien in Katar sicher. "Die Sicherheit ist von der höchsten Ebene des Landes garantiert. Das ist eine Garantie, die wir ausgesprochen haben und hinter der wir stehen."

Er sagte aber auch: "Wenn jemand denkt, es reicht, harsche Kritik zu üben, das nützt nichts, das wird als Provokation gesehen", sagte der Schweizer. "Die Reaktion wird dann eher sein, sich noch mehr zu verschließen." Wandel brauche Zeit, auch er selbst habe seine Haltung gegenüber diesen Themen im Laufe der Jahre verändert. "Natürlich bin ich überzeugt, dass es erlaubt sein sollte, aber auch ich habe einen Prozess durchlaufen", sagte er in Bezug auf drohende Strafen für Homosexuelle in Katar. Laut Gesetz ist Homosexualität in dem Land verboten und wird mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusKimmich im deutschen Nationalteam
:Die Welt auf seinen Schultern

Er muss alles machen, aber nicht zu viel: Joshua Kimmich wird bei der WM mehr denn je im Zentrum der deutschen Mannschaft stehen. Für den Turnierverlauf könnte entscheidend sein, ob Bundestrainer Flick die Balance im Mittelfeld gelingt.

Lesen Sie mehr zum Thema