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Fifa:Die Infantino-Mail, die alles ändern muss

In Bedrängnis: Gianni Infantino

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Was besprach Gianni Infantino bei den Geheimtreffen mit Bundesanwalt Lauber? Angeblich nur Formalfragen. Doch nun zeigt sich: Der Fifa-Chef wollte Einfluss auf ein Verfahren nehmen, das ihn betraf.

Nun endet das "Sommermärchen" doch im Tumult. Der Strafprozess zu der berüchtigten Millionen-Schieberei rund um die deutsche Fußball-WM 2006 ist am Montag in der Schweiz erwartungsgemäß versandet - die Vorgänge sind verjährt. Doch weil das, was als international vernetzte Großaufklärung zur Korruption im Weltfußball begann, nun als Justizposse endet, und weil diese Posse der Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) unter ihrem Chefankläger Michael Lauber zuzurechnen ist, schlägt der Fall weiter hohe Wellen. Zumal sich die Aktenlage zu den Skandalen in Laubers Behörde jetzt noch einmal erheblich verschärft.

Neu aufgetauchte Mails und Dokumente nähren den Verdacht, dass sich Lauber, seine operativen Ermittler und Topleute des Weltverbands Fifa unter Gianni Infantino sogar noch enger informell austauschten, als dies drei aufgeflogene Geheimtreffen des Fußballbosses mit dem BA-Chef ohnehin schon nahelegten.

"Ich werde versuchen zu erklären, (...) dass ich damit nichts zu tun habe", schrieb Infantino

Heikle Fragen wirft insbesondere eine Mail auf, die Infantino zehn Tage vor einem diskreten Meeting mit Lauber, das in einem Züricher Restaurant stattfand, verfasst hatte. Veröffentlicht wurde sie jetzt von Spiegel, Tages-Anzeiger und anderen mit der Plattform "Football-Leaks" vernetzten Medien. Die Mail datiert vom 12. März 2016, seinerzeit saß Infantino gerade sechs Wochen auf dem Fifa-Thron - und musste schon um diesen zittern: Ein paar Tage zuvor hatte Laubers Behörde eine Durchsuchung an Infantinos altem Arbeitsplatz in Nyon durchgeführt: am Sitz der Europa-Union Uefa. Verdacht erweckt hatte ein merkwürdiger TV-Vertrag mit der Offshore-Firma zweier argentinischer Rechtehändler, die bis zum Hals in den Fifa-Korruptionsverfahren der US-Justiz stecken (und dort mit der Geschäftsphilosophie vermerkt sind, es werde "immer Bestechungszahlungen geben"). Für die Uefa unterzeichnet hatte den für das Duo verdächtig günstigen Vertrag der damalige Uefa-Rechtsdirektor: Gianni Infantino.

Nun also, Tage nach Eröffnung eines Verfahrens durch die BA gegen Unbekannt, wegen "unlauterer Geschäftsführung" und "Vertrauensbruch", glühten zunächst die Drähte zwischen Infantino und einem Schulfreund, dem Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold. Der Kantonsjurist spielt in der Affäre eine trübe Rolle: Er hielt und pflegte die Verbindung zu Laubers BA, saß bei Geheimtreffen als Unbefugter mit am Tisch - und hatte sogar versucht, die BA nach Beginn der Uefa-Ermittlung zu einer Erklärung pro Infantino zu drängen: dass gegen diesen nicht ermittelt werde. Zumindest diesen Wunsch Arnolds lehnte die BA-Führung damals ab.

Als im Herbst 2018 Laubers erste Dates mit Infantino aufflogen, die im März und April 2016 stattgefunden hatten, versicherten die Beteiligten treuherzig, es sei dabei stets um Unverfängliches gegangen: übergeordnete, strategische Verfahrensfragen. Aber selbstverständlich nie um Dinge, die die Verfahren beschädigen könnten!

Doch nun liegt also eine Mail Infantinos an Arnold vor, verfasst zehn Tage vor dem zweiten Treff mit Lauber, in der es heißt: "Ich werde versuchen, es der Bundesanwaltschaft zu erklären, da es ja auch in meinem Interesse ist, dass alles so schnell wie möglich geklärt wird, dass klar gesagt wird, dass ich damit nichts zu tun habe."

Arnold, der für Infantino bereits das erste Lauber-Treffen Wochen zuvor eingefädelt hatte, erwiderte: "Wichtig ist nun die Sitzung in zwei Wochen. Wenn du willst, kann ich dich wiederum begleiten."

Infantino sah die Bedrohung - klar, als Unterzeichner eines Vertrages mit korrupten Geschäftsleuten, der ins Visier der BA gerückt war. Seinem Justizberater Arnold teilte er explizit mit, er wolle selbst seine Reinwaschung bei der BA betreiben. Hat Infantino also mit Lauber gar seinen eigenen Fall diskutiert? Fakt ist: Dem Fifa-Boss war dieses Treffen am 22. April 2016 so wichtig, dass er sich, aus Katar kommend, den Privatjet des Emirs samt Besatzung auslieh, um es ja nicht zu verpassen.

Ob auf persönliche Intervention hin oder nicht: Infantinos Hoffnung wurde bald erfüllt. Das Verfahren zu dem von ihm schon signierten TV-Vertrag stellte der BA-Ermittler Cédric Remund im Herbst 2017 geräuschlos ein. Nach Aktenlage wurde Infantino, der Unterzeichner, dazu nicht einmal ausführlich befragt.

Diese Mail wirft nicht nur neuerliche Fragen an den Bundesanwalt auf. Sie bringt den Fifa-Patron auch im eigenen Haus unter Druck. Längst schon hätte ja das Fifa-Ethikkomitee eine Untersuchung wegen Untreue-Verdachts zu der äußerst vorteilsreichen Beziehung Infantinos mit Arnold einleiten müssen. Denn Regel 45 des Fifa-Verhaltenskodex, unterschrieben von Infantino persönlich, hält fest: "Vorausgesetzt, es ist im Interesse der Fifa, kann der Präsident (...) jede Person zu Veranstaltungen einladen." Aber auch nur dann! Und Ziffer 5 verschärft diese Bestimmung explizit, etwa für das Beschenken von Staatsanwälten: "Besondere Sorgfalt ist geboten, wenn Einladungen an Personen oder Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes gerichtet werden."

Doch genau das geschah: Ende 2018 war die Walliser Justiz auf Arnolds Hilfen für Infantino aufmerksam geworden - und auf jede Menge hochpreisige Einladungen Infantinos an den Justizbeamten. Ein Sonderermittler musste ran, der Kanton wollte wissen, warum Arnold dem Fifa-Boss so viel Gutes tat und zugleich so viel Gutes zurückbekam - neben den Einladungen war sogar ein mit 75 000 Franken pro Jahr dotierter Fifa-Nebenjob in Vorbereitung, bevor die Sache aufflog. Um den Freund zu retten, musste Infantino seine Präsente als absolute Privatsache verkaufen. Arnold drohte ja eine Korruptionsermittlung - und in deren Folge hätte wiederum der Fußballboss selbst in seiner Fifa suspendiert werden müssen.

Jetzt zeigt die neue Mail: Infantinos Bund mit Arnold war keineswegs privat. Der Fußballboss teilte seine intimsten beruflichen Probleme mit dem Staatsanwalt, der für ihn nachweislich in just dieser Sache in Bern bei der BA tätig wurde. Und Infantino weihte Arnold sogar ein, dass er selbst auf die Anklagebehörde einwirken wolle. Auf dieser Basis müsste die Walliser Justiz die als Privatverbindung geschlossene Akte Arnold/Infantino wieder öffnen. Aber auch die Fifa-Ethiker wären endgültig gefragt. Denn entweder hat Infantino zulasten der Verbandskassen reihenweise Privatgeschenke ausgereicht, die das Regelwerk untersagt - oder sein Austausch mit Arnold war so glasklar dienstlich, wie es nun die Mails nahelegen. Dann lagen die Geschenke erst recht nicht im Fifa-Interesse, sondern im persönlichen Interesse eines Präsidenten, den ein trüber Vorgang aus seiner Uefa-Zeit eingeholt hatte.

Und Lauber? Beobachter in der Schweiz halten dessen Tage für gezählt. In den "Football-Leaks" findet sich auch ein Dokument, das nahelegt, die BA habe Bestimmungen in ihren Fußball-Verfahren fortwährend unterlaufen - sogar auf den heiklen operativen Ebenen. Es handelt sich um Abrechnungen einer Zürcher Großkanzlei, die die Verfahren für die Fifa führte - und die Telefonate einzeln in Rechnung stellte. Demnach pflegten nicht nur Lauber und der damalige BA-Abteilungschef Olivier Thormann direkte informelle Drähte zu Fifa-Repräsentanten, sondern auch die direkt ermittelnden Staatsanwälte. Laut Akten telefonierten Juristen aus Bern und Zürich zwischen Juli und September 2016 mehr als 20 Mal miteinander. Oft involviert: Staatsanwalt Remund, der die Anklage im nun blamabel gescheiterten Sommermärchen-Prozess geführt und auch das für Infantino heikle Uefa-Verfahren eingestellt hatte.

Ein enger Austausch zwischen Anklägern und Partei wäre mit dem Neutralitätsgebot für Strafverfolger unvereinbar. Nun fragt sich: Tauchen die Gespräche, die sich laut Aktenlage um Fälle wie das nun geplatzte WM-2006-Verfahren drehen, in den jeweiligen Strafakten auf? Das werden die vormals Beschuldigten prüfen. Anzeigen gegen die BA bereiten sie schon vor.

© SZ vom 28.04.2020
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