Fußball:Einer für Spanien, einer für Ghana

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Fußball: Nico Williams (rechts) entschied sich fürs spanische Nationalteam, sein Bruder spielt für Ghana.

Nico Williams (rechts) entschied sich fürs spanische Nationalteam, sein Bruder spielt für Ghana.

(Foto: Javier Soriano/AFP)

Die Brüder Iñaki und Nico Williams treten für verschiedene Nationalteams an - und feiern binnen 24 Stunden ihr Debüt. Es ist eine berührende Geschichte von Armut, Flucht und einem irren Aufstieg.

Von Javier Cáceres

Der Fußballer Iñaki Williams, 28, wurde in Bilbao geboren, und manchmal mag er es, den gängigen Stereotypen zu entsprechen. Bilbainos gelten als Menschen, die sich gern mal aus dem Fenster lehnen, die großmäulig sind, alles in der eigenen Stadt im Baskenland für größer halten als anderswo - und über andere genauso gut lachen können wie über sich selbst.

"Ich bin aus Bilbao!", sagte also Iñaki Williams, Profi bei Athletic, als er es sich vor einiger Zeit in einem Sessel der Late-Night-Show "La Resistencia" bequem gemacht hatte und erklärte, dass er deshalb die Antworten auf die Fragen des Moderators vorwegnehme: "Ich habe fünf bis zehn Millionen Euro auf dem Konto, und ich vögele vier Mal die Woche."

Das Publikum johlte, auch weil es zum größten Teil wusste, dass die Vita von Iñaki Williams nicht auf Luxus, Gefeixe und Lebensfreude angelegt war. Sondern auf Leid.

Iñaki Williams war in der TV-Show zu Gast, weil er in Spanien schon länger in aller Munde ist. Nun ist er es zusammen mit seinem Athletic-Kollegen und Bruder Nico Williams sogar weltweit. Denn am vergangenen Freitag debütierte Iñaki Williams, 28, zwei Monate vor der WM in Katar beim Test gegen Brasilien in der Nationalmannschaft von Ghana, die vom früheren Borussia-Dortmund-Profi Otto Addo trainiert wird.

Zwei Profis von Athletic Bilbao, zwei Nationalspieler für verschiedene Länder

24 Stunden später feierte dann der acht Jahre jüngere Nico Williams ebenfalls sein Nationalteamdebüt - aber nicht mit Ghana, sondern mit Spanien gegen die Schweiz. Am Dienstag stehen die nächsten Einsätze an: Iñaki absolviert mit Ghana im Südosten Spaniens, in Lorca, ein Testspiel gegen Nicaragua. Und Nico reist mit den Spaniern nach Portugal, wo es in Braga um die Teilnahme am Nations-League-Finalturnier geht.

Fußball: Iñaki Williams (links) im Test gegen Brasilien: Mit Ghanas Nationalteam verlor er allerdings 0:3.

Iñaki Williams (links) im Test gegen Brasilien: Mit Ghanas Nationalteam verlor er allerdings 0:3.

(Foto: Christophe Ena/AP)

Zwei Brüder, die quasi zeitgleich für zwei verschiedene Nationen in A-Länderspielen antreten? Es ist nicht so, dass es das noch nie gegeben hätte: Jérôme und Prince Boateng liefen für Deutschland beziehungsweise Ghana auf; Thiago spielt für Spanien, sein Bruder Rafinha probierte es in Brasilien; die Brüder Granit und Taulin Xhaka spielen für die Schweiz respektive Albanien; Paul Pogba wurde mit Frankreich Weltmeister, seine Geschwister Mathias und Florentin Pogba folgten dem Ruf Guineas; und Christian und Max Vieri spielten einst für Italien und Australien.

Doch es gibt im Fußball gewöhnlichere Geschichten als jene der Williams-Brüder, und das gilt doppelt und dreifach. Dass ihre Mutter Maria Arthuer im Norden Spaniens niederkam (Iñaki wurde in Bilbao, Nico in Pamplona geboren), war eine Folge der schrecklichen Armut in Subsahara-Afrika - oder eben "Schicksal", wie Iñaki Williams es einmal genannt hat. Mit seiner Präsenz als Fußballprofi hat er immer wieder daran erinnert, wie es dazu kam.

Die Eltern der Williams-Brüder durchquerten die Sahara auf der Suche nach einem würdigen Leben - barfuß

Er tat das zum Beispiel zu Beginn dieses Jahres, als er mit seinem Bruder Nico und Athletic Bilbao in Dubai um den spanischen Supercup spielte. Auch Mutter Maria war dabei. Sie weinte nicht nur, als Nico ein Tor schoss, sie weinte auch, als sie die Wüste sah - weil alles wieder hochkam, was sie erlebt hatte. Sie war mit ihrem Ehemann Felix in Accra aufgebrochen, hatte die Sahara zu Fuß durchkreuzt, barfuß. Sie hatte den "Zaun" übersprungen, mit dem die Europäische Union schon damals, Mitte der 1990er Jahre, ihre "Werte" verteidigte, so wie sie es bis heute tut - mit immer mehr Stacheldraht, Waffen und mit eifriger Kooperation der marokkanischen Sicherheitskräfte.

Als sie den Boden der spanischen Exklave auf nordafrikanischem Boden betrat, war sie im siebten Monat schwanger. Sie gaben sich als Liberianer aus, die damals als Kriegsflüchtlinge anerkannt waren, und wurden nach Bilbao geschickt, in die wichtigste Industriestadt des Baskenlands. Dort nahm die katholische Hilfsorganisation Caritas die Familie auf, vor allem aber nahm sie ein angehender Priester namens Iñaki Mardones in Empfang, der nicht groß Fragen stellte, sondern sich um die junge Familie kümmerte - so rührend, dass Iñaki aus Dankbarkeit nach ihm benannt wurde.

Dann zogen sie aus Bilbao nach Sesma in der Navarra und von dort nach Pamplona, wo Iñaki als Bub in einem Verein spielte, der eine Art Filiale von Athletic ist. Der Klub der Rotweißen holte Iñaki später in die eigene Akademie und formte einen Spieler, der Geschichte schrieb, was die Familie aller finanziellen Probleme entledigte. Und diese waren groß.

Er wisse, dass sein Leben als Profi nichts mit der Realität zu tun habe, sagte Iñaki mal. Die Realität habe er als Bub erlebt. Er begleitete seine Mutter, wenn sie als Putzfrau arbeitete, und seinen Vater Felix habe er in einem Zeitraum von zehn Jahren nur vier oder fünf Mal gesehen, weil der seinen Job verloren hatte und in Großbritannien Geld und Arbeit suchte. Bis der Fußball zur Rettung der Familie wurde.

Denn Iñaki war so talentiert, dass ihm der große, noch nie aus der ersten spanischen Liga abgestiegene Athletic Club de Bilbao einen Profivertrag anbot - jener Klub also, der ausschließlich Fußballer einsetzt, die im Baskenland geboren oder aufgewachsen sind. Williams wurde Profi - und im Februar 2015 der erste schwarze Spieler, der in der mehr als 120-jährigen Geschichte des Klubs ein Tor für Athletic schoss. Mittlerweile hat auch sein Bruder nachgezogen, vor der Länderspielpause trafen beide beim 3:2 gegen Rayo Vallecano. Sie wurden damit das erste Bruderpaar, das für Athletic in einer Partie traf, seit Eneko und Antón Arieta im März 1965.

Iñaki ist Stürmer, schnell und begehrt - sein Bruder Nico ist es ebenfalls, möglicherweise ist er sogar noch besser. Beide durchliefen Spaniens Jugendnationalmannschaften, und Iñaki wurde 2016 vom damaligen Trainer Vicente del Bosque bei einem Freundschaftsspiel gegen Bosnien im A-Team eingesetzt. Doch seit 2020 gilt die Regel, dass ein Fußballer auch dann noch für ein anderes Land spielen darf, wenn er bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres nicht häufiger als drei Mal für das erste gespielt hat. Dies gilt, sofern zwischen den Debüts für beide Mannschaften mindestens drei Jahre liegen, und wenn zuvor keine EM oder WM gespielt wurde.

Die WM in Katar war der große Traum Iñakis, auch deshalb erklärte er sich im Mai dieses Jahres bereit, für Ghana zu spielen, für "das Land meiner Eltern, meines Blutes, der Werte, die uns unser Vater und unsere Mutter mitgegeben haben", sagt er. Vielleicht schmerzte ihn, dass sich die Tür zu Spaniens Nationalteam nicht mehr öffnete, aber es ist, wie es ist. "Iñaki gefällt mir, Nico gefällt mir sehr. Die Familie wird begeistert sein, wenn sie zur WM fahren", sagte Spaniens Trainer Luis Enrique dieser Tage: "Und es wäre der Hammer, wenn sie sich auch dort im Finale sehen würden."

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