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·:"Ich nenn' das mal Commercial Krampf"

Helge Schneider ist enttäuscht von den Fußballsongs der WM - er bevorzugt Nationalhymnen und Lieder, bei denen die Spieler noch selbst gesungen haben.

Plüschlöwen tanzen durch Musikvideos, Deutschrocker röhren minutenlang "olé olé olé". Die Sportfreunde Stiller, Oliver Pocher und angeblich fast 70 weitere Musiker und Nichtmusiker haben zur Fußball-WM eigene Mitgrölhymnen fürs Stadion eingespielt.

Helge Schneider.

(Foto: Foto: ddp)

Helge Schneider, 50, Komiker und Jazzmusiker aus Mülheim an der Ruhr, sprach mit der SZ auch über Fußballsongs. Aber eigentlich wollte er viel lieber über den ganzen Kommerz reden, weil der seine Freude am Ballspiel ziemlich trübe.

SZ: Grönemeyers WM-Hymne "Zeit, dass sich was dreht" bereitet einigen Leuten Kopfschmerzen. Andere singen gern mit. Gefällt Ihnen das Lied?

Helge Schneider: Alles muss sich drehen, singt er ja immer, das ist sicher auf den Fußball bezogen, und auch auf die Freundschaft zu diesem Spiel und zu dem Ball an sich. Gleichzeitig hat so eine Hymne für mich auch etwas sehr Kommerzielles, wie auf jeder Massenveranstaltung sonst auch.

Wenn ein Fußballturnier stattfindet, an dem so viele Leute teilnehmen, würde ich es begrüßen, wenn die Musik auch etwas volkstümlicheren Charakter hätte. Eigentlich ist Fußball ja Ballspielen auf der Straße. Natürlich höre ich mir so was also nicht an.

SZ: Die Fifa hat sich eine Doppel-Ettikettierung ausgedacht, um den Musikverkauf anzukurbeln: Neben der "offiziellen Hymne" gibt es noch einen "offiziellen WM-Song". Eine Herzschmerz-Nummer von Toni Braxton und Il Divo.

Helge Schneider: Das kann ich mir gut vorstellen! Diese Leute von der Fifa haben für mich ja sowieso schon mal ein Rad ab! Was ist das eigentlich, eine offizielle Fifa-Hymne? Mit so was will ich ja gar nichts zu tun haben!

Ich lasse mir doch nicht von irgend jemandem diktieren, was offiziell ist und was nicht. Wo leben wir denn? Man kriegt da ganz schön was aufdiktiert. Ich nenn' das mal: Commercial Krampf. Ein kommerzieller Krampf elektrisiert die Bürger.

SZ: Glauben Sie nicht, dass sich die Leute von dem Grönemeyer-Song elektrisieren lassen?

Helge Schneider: Nö. Die meisten sitzen so wie ich sowieso nur dickbäuchig auf der Couch, essen bisschen Salzstangen, und wenn einer ein Tor daneben schießt, sagt man: Hättste ja auch alles besser machen können.

SZ: Passt das bekannte Grönemeyer-Pathos zu afrikanischer Ethnomusik ?

Helge Schneider: Ich bin ja sowieso mehr Swingmusiker und fühle mich leider bei der heutigen Popmusik nicht rhythmisch angesprochen. Passen tut das schon, Herbert und Afrika: Man kann ja nicht sagen, der Grönemeyer sollte ewig bei seiner einseitigen Sache bleiben und die Currywurst noch mal aufwärmen und vervollkommnen, anstatt plötzlich rührselig zu werden. Alles passt irgendwie zu allem. Nur ich hör mir das nicht so gern an.

SZ: Gab es mal einen Song, der wirklich zum Fußball passte?

Helge Schneider: Ja. Als die Spieler vor 30 Jahren mal gesungen haben "Fußball ist unser Leben", hatte das irgendwie was. Etwas Erbarmungswürdiges, so wie der Fußball selber ja irgendwie zu einem erbarmungswürdigen Kommerzartikel geworden ist. Die Jungs, die da mitspielen, sind ja übrigens wirklich Superartisten. Es gibt ja auch Spieler, die sind später aus dieser Szene völlig ausgestiegen, so wie Toni Schumacher. Weil das nämlich ein Mensch ist. Deswegen passt Popmusik und Fußball wahrscheinlich doch ganz gut zusammen: Popmusik und Fußball sind Sachen, die die Menschen brauchen. Genau so wie Olivenöl als Lebensmittel.

SZ: Jack Whites Schlagersong von 1974 gefällt Ihnen besser, weil er offensichtlicher "erbarmungswürdig" war als die jetzigen Songs?

Helge Schneider: Es gefällt mir einfach gut, wenn die Fußballmannschaft selbst mitsingt. Genau die, die da spielen müssen, sollen singen! Und der Trainer! Und vielleicht auch der Masseur.

SZ: Gefallen Ihnen auch die singenden Fans?

Helge Schneider: Ja, unbedingt. Aber das muss auch etwas sein, was einen anrührt. Und das darf dann nicht so platt getreten werden, wie dieser Song von Queen, "We Are The Champions". Am liebsten sind mir noch die Nationalhymnen der einzelnen Länder, wenn die Spieler versuchen, laut mitzusingen.

SZ: Werden Sie trotz Ihres Kommerzfrustes etwas Freude an der WM haben?

Helge Schneider: Ja, ich guck ab und zu mal ins Fernsehen rein. Aber ich interessiere mich nicht so für den Löwen, der da verkauft wird.

SZ: Da gibt es noch so ein Lied zur Weltmeisterschaft, das Sie kennen könnten: Love Generation, das pfeifen sie im Radio schon seit Monaten.

Helge Schneider: Nie gehört, das gibt's ja gar nicht. Ist man mit 50 denn schon zu alt für Fußball? Ich würde ja auch gern wieder selbst Fußball spielen, aber heute vermisse ich das Spielerische. Wir haben früher barfuß auf der Wiese gespielt, ich als alter Hippie-Schwarm. Das hat Spaß gemacht!

SZ: Keine Angst, der Bolzplatz stirbt schon nicht.

Helge Schneider: Klar, was ich aber vermisse an der Weltmeisterschaft ist: Da ist keine Freude mehr drin. Nach dem 2:0 der Deutschen. . .

SZ: . . .dem 4:2 gegen Costa Rica. . .

Helge Schneider: . . .da waren die Gesichter der Spieler so wie vor dem Spiel. Die haben sich nicht gefreut, sondern geschämt dafür, dass sie nur 4:2 gegen so 'ne schäbige Mannschaft gespielt haben. Die deutschen Spieler könnten vielleicht wieder lachen, wenn sie zusammen einen Song aufnehmen würden.

Helge Schneider: Ja. Ich würde mich bereit erklären, mit der deutschen Nationalmannschaft einen Song aufzunehmen. Aber ich selber sing' da natürlich nicht mit. Den komponiere ich nebenbei. Da wäre dann nicht so viel Moll drin wie bei Grönemeyer. Und drei Akkorde müssten reichen, so drei bis vier Akkorde.

SZ: Zum Schluss lese ich Ihnen etwas Grönemeyer und etwas Love Generation vor. Sie sagen, was Ihnen lieber ist: "Wer jetzt nicht lebt/ wird nichts erleben/ bei wem jetzt nichts geht/ geht was verkehrt". Oder: "Feel the Love Gerneration/ yeah yeah yeah/ feel the love generation/ come on come on come on".

Helge Schneider: Und da soll ich jetzt sagen, wer der Doofere ist? Was Herbert da verzapft hat, beschwört so ein Heldentum herauf und ist auch so ' ne Lebenshilfe - jetzt oder nie und so. Das könnte man auch einfacher ausdrücken. Außerdem schwingt da so ein komischer Innendruck mit, der mich erschaudern lässt. Das hat etwas merkwürdig Anmutendes: Jeder muss unbedingt, und wenn du da nicht mitmachst, dann bleibst du klein. Da ist mir das andere mit Love Generation schon lieber. Das ist so richtig krass bekloppt, und so harmlos und so dumm, dass man schon meinen könnte, man hört gar nichts. Und eines sollte man nicht vergessen: Fußball, und generell das Ballspiel, ist schon eine tolle Sache und ist auch eine Lebenshilfe für viele. Mal abgesehen von dem ganzen Profittum.

Interview: Jan Grossarth