IAAF Brisante Folgen für den Weltsport

Staatliche Eingriffe waren derart üblich, so Pound, dass Witali Mutko, der russische Sportminister, unmöglich nichts von all dem habe wissen können; Mutko soll sogar angeordnet haben, Proben zu vernichten. Und die Sommerspiele 2012 waren vermutlich "sabotiert" von einer "Laissez-Faire-Politik der IAAF", die verdächtige Blutwerte russischer Athleten sowie der Türkin Asli Alptekin zuvor nicht ausreichend verfolgt hatte. "Wir empfehlen der Wada, dass der russische Verband für 2016 suspendiert wird", folgert der Bericht nüchtern; außerdem solle man dem Labor in Moskau die Akkreditierung zu kündigen. Zudem rät die Kommission, fünf russische Mittelstreckenläufer sowie fünf Trainer lebenslang zu sperren, darunter Olympiasiegern Marija Sawinowa. Pound ergänzte: "Wir hoffen, dass Russland sein Problem attackiert, dass das Potenzial hat, den Sport zu zerstören."

Manche Befunde waren derart brisant, dass die Wada-Ermittler zuletzt die französische Staatsanwaltschaft alarmiert hatten. Die setzte daraufhin in der vorigen Woche die alte Administration der IAAF fest, allen voran Lamine Diack, den ehemaligen Präsidenten, der 1,2 Millionen Euro damit erlöst haben soll, positive Dopingtests verschwinden zu lassen; dazu Gabriel Dollé, Ex-Chef der medizinischen Abteilung. Interpol teilte am Montag mit, man werde ebenfalls in die Ermittlungen eintauchen. Es dürften also neue Wellen heranrollen, nicht nur aus Russland. "Wir haben erst die Spitze des Eisbergs gesehen", sagte Pound. Die 16 Jahre währende Ära Diacks dürfte schon jetzt als verloren gelten. Denn welchen Bildern kann man noch trauen, wenn die Verbände selbst das größte Problem im Anti-Doping-Kampf waren?

Die an Russland adressierten Forderungen bergen große Brisanz für den Weltsport, auch für Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Der Sport verbrüdert sich ja seit langem mit dem Kreml. Staatschef Putin hat zig Führungsposten bei internationalen Verbänden und im IOC mit Vertrauten bestückt. Wada-Chef Craig Reedie hatte seinem Freund Mutko zudem im Sommer eröffnet, man werde schon nichts unternehmen, was die Freundschaft trüben werde. Es war kein Zufall, dass Pound nun vor allem ARD-Journalist Hajo Seppelt beglückwünschte, der die Ermittlungen von Pounds Kommission angeschoben hatte.

Coe, der Seppelts Recherchen einst als "Kriegserklärung" klassifiziert und zuletzt den Eindruck erweckt hatte, er sei eher Teil des Problems als der Lösung, sagte: Er habe das IAAF-Council gedrängt, "Sanktionen gegen Russland zu erwägen". Aus Russland trafen Botschaften ein, die weniger einsichtig klangen; man halte das für einen politisch motivierten Schlag gegen den russischen Sport. Und Minister Mutko sagte, man habe die Proben auf Geheiß der Wada vernichtet. Fortsetzung folgt.