Hamburger SV:Das HSV-Theater bleibt geöffnet

HSV: Marcell Jansen auf einer Mitgliederversammlung des Hamburger SV

Mit 799 von 1289 Stimmen zum jüngsten HSV-Präsidenten der Geschichte gewählt: Marcell Jansen.

(Foto: Axel Heimken/dpa)
  • Der Hamburger SV leistet sich mitten in der Corona-Zeit die nächste Führungskrise.
  • Diesmal dabei: Präsident Jansen, der auf Distanz zu Klubchef Hoffmann geht, und Sportchef Boldt, der mit Hoffmann ebenfalls kaum harmoniert.
  • Hoffmanns Verhalten ist teilweise nur schwer nachvollziehbar.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Als Dieter Hecking um die Jahreswende kundtat, er könne sich auch eine Fortsetzung seines Trainerjobs beim Hamburger SV vorstellen, selbst wenn es mit einer Rückkehr in die Bundesliga 2020 erneut nicht klappen sollte, da kam das im Vorstand nicht so gut an. Schließlich sollte ein möglicher Misserfolg nicht öffentlich zum Thema gemacht werden. Nun, einige Wochen später und mitten in der Corona-Krise, hat Vorstandsboss Bernd Hoffmann, 57, in eigener Sache nachgezogen. Er erklärte der Sport Bild, er habe ja schon während seiner ersten Amtszeit vor zehn Jahren gesagt, "dass ich beim HSV gern in Rente gehen würde. Das gilt auch heute noch".

Die Parallele zu Hecking: Auch Hoffmanns Treuebekenntnis freute in der HSV-Führung eher niemanden, weder seine Vorstandskollegen Frank Wettstein und Jonas Boldt noch die Aufsichtsräte. Denn auch wenn Hoffmann inzwischen zurückgerudert ist ("Es gibt beim HSV aktuell 1000 wichtigere Dinge, als über meinen Vertrag zu sprechen"), wurde sein Wortbeitrag als Egomanie eingestuft. Zudem harmoniert Hoffmann mit Boldt und Wettstein in einigen Bereichen ungefähr so gut wie die FDP mit den Grünen, also gar nicht.

Der seit vielen Jahren theatererprobte HSV leistet sich sogar jetzt, inmitten der schwierigen Corona-Zeit, eine interne Führungskrise. Möglich, dass Bernd Hoffmann seine Rentenpläne bald ein zweites Mal ändern muss, nachdem er wegen seines von manchen als selbstherrlich empfundenen Führungsstils schon im Jahr 2011 beim HSV erstmals gehen musste. Damals war er zuvor acht Jahre im Amt.

Bleibt Hoffmann - oder gehen Boldt und Wettstein von sich aus?

Ende der Vorwoche kamen Aufsichtsrat und Vorstand zusammen, um über die wirtschaftlichen Folgen der Saisonunterbrechung zu reden. Doch während Finanzvorstand Wettstein dabei die kleine Entwarnung gab, der HSV könne auch bei einem Saisonabbruch eine Mindereinnahme von 20 Millionen Euro verkraften, war das Hauptthema der fast sechsstündigen Sitzung das gestörte Verhältnis der Vereinsführung. Hoffmann beschrieb sein Verhältnis zu Sportchef Boldt öffentlich so: Es sei ihm klar gewesen, dass er mit dem langjährigen Leverkusener Kaderplaner Boldt "ein Alphatier" verpflichtet habe, "das immer seine eigene Meinung haben wird und diese auch vertritt". Andererseits sei auch Boldt "klar gewesen, dass er mit mir nicht in einen diplomatischen Corps eintritt".

Das Problem ist aber nicht nur das atmosphärische Miteinander. Hoffmann mischte sich wiederholt in Arbeitsbereiche von Boldt ein - so, wie er dies schon 2009 beim damaligen Sportvorstand Dietmar Beiersdorfer getan hatte. Beiersdorfer forderte seinerzeit den Aufsichtsrat auf, sich zwischen den Lenkern zu entscheiden, also zwischen ihm und Hoffmann - und verlor.

Diesmal dagegen könnte Hoffmann seinen Job verlieren. Obwohl Gremiumschef Max-Arnold Köttgen in der Causa auf Zeit spielen wollte, zeichnet sich inzwischen ab, dass nach weiteren Einzelgesprächen recht rasch eine Entscheidung fallen könnte, vielleicht sogar noch in diesem Monat. Zudem könnte Hoffmanns bis Juni 2021 geltender Vertrag gekündigt werden, wenn der HSV ein zweites Mal nicht aufsteigen sollte. Vier Stimmen unter den sieben Aufsichtsräten würden ausreichen, um den Vorstandschef zu entlassen.

Hoffmanns Verhalten wirkt schwer nachvollziehbar

Was aber ist eigentlich hinter den HSV-Kulissen passiert? Los ging es im Juni 2019, als Hoffmann sich in den Verkauf des Spielers Douglas Santos einmischte. Während er mit Spielervermittler Marcus Haase über den Verkauf des Brasilianers an Zenit St. Petersburg verhandelte, um schnell ein paar Millionen für die leere Vereinskasse zu beschaffen, wollte Jonas Boldt das Angebot der Russen ablehnen. Denn er wusste aufgrund seiner guten internationalen Kontakte, dass auf dem Markt damals mehr als neun Millionen Euro Ablöse zu erzielen waren. Schließlich verkaufte der HSV Douglas Santos für zwölf Millionen Euro - aber der dabei ausgebootete Agent Haase verklagte den Klub auf Zahlung einer sechsstelligen Provision.

Weitere Dissonanzen ergaben sich aus einem Gespräch zwischen Hoffmann, Köttgen und Präsident Marcell Jansen mit HSV-Investor Klaus-Michael Kühne - Boldt erfuhr davon nur aus der Zeitung. Und Hoffmann mischte sich weiter in die Transferpolitik ein: Er hätte im Januar gerne den Kölner Stürmer Simon Terodde ausgeliehen, um den Kader mit einem zweitligaerfahrenen Torjäger für den dringend benötigten Wiederaufstieg aufzupeppen. Boldt hingegen entschied sich für den Leverkusener Angreifer Joel Pohjanpalo.

Hoffmanns Verhalten wirkt an dieser Stelle auch deshalb schwer nachvollziehbar, weil er es einst im Rückblick auf seine erste HSV-Amtszeit als "eine meiner schlechten Entscheidungen" bezeichnet hatte, dass er 2009 die Aufgaben des entlassenen Sportlichen Leiters Beiersdorfer mitübernommen hatte. Aber diese Einsicht äußerte Hoffmann, bevor er 2018 zum HSV (zunächst als Präsident) zurückkehrte.

Ob Hoffmann auf Dauer bleiben darf oder Boldt und Wettstein von sich aus gehen, darüber könnte maßgeblich der junge Präsident Marcell Jansen, 34, mitentscheiden. Der frühere Nationalspieler, der auch im Aufsichtsrat sitzt, galt ursprünglich als Anhänger Hoffmanns. Doch bei der jüngsten Sitzung soll er den Vorstandschef laut Bild heftig kritisiert haben. Hoffmann sei "für die schlechte Stimmung im Vorstand verantwortlich", soll Jansen gesagt haben; zudem sei Hoffmann bei den Geschäftsleuten in der Stadt nicht sonderlich beliebt. Kolportiert wird rund um den Klub auch, Jansen könnte Hoffmanns gut dotierten Posten auch für sich selbst reklamieren.

Seit seiner Rückkehr als Klubboss im September 2018 hat Hoffmann bereits zwei Trainer entlassen (Christian Titz, Hannes Wolf) - ebenso den Sportvorstand und Boldt-Vorgänger Ralf Becker (unter Mithilfe des Aufsichtsrats). Jetzt ist fraglich, ob er selbst noch eine Zukunft beim HSV hat. Die sportlichen Mitarbeiter stehen klar auf der Seite von Boldt. Als Hoffmann jüngst nach den Niederlagen gegen St. Pauli und Aue eine "sportliche Krise" ausrief, widersprach sogar der diplomatische Trainer Dieter Hecking öffentlich. "Aber Bernd kennt die Hamburger Verhältnisse besser als ich", fügte er doppeldeutig hinzu.

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