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HSV und St. Pauli:Land unter

Der eine versagt, der andere stagniert: Die zweitklassigen Vereine in der Fußballstadt Hamburg suchen nach Auswegen. Während St. Pauli den Trainer entlässt, könnte es beim HSV mit Dieter Hecking weitergehen.

Klaus-Michael Kühne, 83, ist ein launischer Mann. Wenn es schlecht läuft bei seinem Lieblingsklub, dem Hamburger SV, und das ist in den vergangenen Jahren meist der Fall gewesen, dann hat er das als enttäuschter Fan mitgeteilt - und gern auch die Verantwortlichen gemaßregelt. Nach dem 1:5 gegen Sandhausen, das die Relegation zur ersten Liga endgültig verbaute, hat der Investor Kühne zunächst gar nichts gesagt. Es heißt, er habe die Lust an seinem teuren Hobby - Kühne besitzt 20,57 Prozent Anteile der HSV AG - verloren. Der Vertrag, durch den er jährlich vier Millionen in der ersten und zuletzt 2,5 Millionen Euro in der zweiten Liga dafür zahlte, dass das Volksparkstadion weiter Volksparkstadion heißt und keinen Firmennamen übergestülpt bekommt, lief am Dienstag aus. Gespräche über eine Verlängerung sind im Sande verlaufen. Es heißt, Kühne prüfe auch, seine Anteile zu verkaufen.

So ist das, wenn in Hamburg Land unter ist im Fußball und selbst Idol Uwe Seeler davon spricht, das Team habe den HSV "bis auf die Knochen blamiert". Die zweitgrößte Stadt Deutschlands bleibt nach dem HSV-Blackout weiterhin nur eine Adresse der zweiten Liga. Auch beim Lokalrivalen FC St. Pauli hat man nach dem Saisonende eine verheerende Bilanz gezogen. Die Morgenpost feierte das "zehnjährige Stagnations-Jubiläum" des Klubs vom Millerntor, der als Tabellenvierzehnter mal wieder so gerade an der dritten Liga vorbeischrammte. Am Montag entließ St. Pauli erwartungsgemäß Trainer Jos Luhukay, einen Tag später trat Vizepräsident Joachim Pawlik zurück. So ist das, wenn mal wieder Wunden geleckt werden in Hamburg.

Dramatischer ist es aber im Volkspark. Da auch die Fluglinie Emirates, seit 2006 Hauptsponsor des einstigen Spitzenklubs HSV, den Vertrag nach dem erneut ausgebliebenen Aufstieg kündigte, würden zusammen mit Kühnes Ausstieg 5,5 Millionen Euro fehlen. Der Profi-Etat soll von 30 auf 23 Millionen Euro zusammengestrichen werden. Immerhin soll Sportvorstand Jonas Boldt, 38, bleiben - anders als im Vorjahr sein Vorgänger Ralf Becker. Das ist schon deshalb eine positive Botschaft, weil in nur zehn Jahren 16 Trainer, acht Sportchefs, sechs Vorstandschefs, elf Aufsichtsratsvorsitzende und 128 Spieler den HSV mehr durcheinander brachten, als ihm ein neues Gesicht zu geben.

Hamburger SV - SV Sandhausen

Klassenziel deutlich verfehlt: HSV-Trainer Dieter Hecking.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Grundsätzlich ist Boldt bereit, einen anderen Weg zu beschreiten. Mit Trainer Dieter Hecking, 55, kann er sich vorstellen, weiterzumachen. Man habe "in dieser Konstellation sehr gut zusammengearbeitet", betont er, auch wenn es, wie vor einem Jahr, kein gutes Ende nahm. 2019 sagte der inzwischen entlassene Vorstandsboss Bernd Hoffmann, das Sportsystem sei "kollabiert". Solche Sätze gibt es beim ehemaligen Leverkusener Sportchef Boldt nicht. Gleichwohl soll Hecking noch diese Woche eine Analyse des Scheiterns abliefern. Für einen wirklich neuen Weg - auch mit einem Trainer, der das ausgegebene Ziel im ersten Anlauf nicht erreicht hat - könnte Hecking jetzt mit der Verlängerung seines Vertrages sogar ein Signal setzen.

Aber es gibt womöglich zwei sehr unterschiedliche Ansätze für den nächsten Anlauf. Während Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel - auch wegen der finanziellen Schieflage - fast nur noch auf Talente bauen wollen, die notfalls gewinnbringend verkauft werden können, sieht Hecking auch Bedarf an Routiniers in einer Mannschaft, die im dritten Versuch aufsteigen soll. Die Debatten haben bereits begonnen. Öffentlich wurde noch keine Alternative zu Hecking konkret genannt. Die Statistik sagt zudem nichts Gutes für den HSV: 32,4 Prozent der Bundesliga-Absteiger kehrten schon ein Jahr später in zurück, 12,7 Prozent nach zwei Spielzeiten - aber nur noch 4,9 Prozent im dritten Jahr.

Um solche Zahlen muss sich St. Pauli (zuletzt 2010/11 in der ersten Liga) nicht kümmern - obwohl auch dort das Ziel Bundesliga so weit im Hinterkopf ist, dass man Luhukay vor einem Jahr auftrug, einen anderen Leistungssportgedanken in den Klub zu bringen. Weil der Trainer beim Beklagen von Missständen aber oft über das Ziel hinausschoss und Empathie vermissen ließ, war er bei aller Kompetenz nicht der Richtige für ein Umdenken am Millerntor.

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Übers Ziel hinausgeschossen: der gefeuerte Pauli-Coach Jos Luhukay.

(Foto: Jan Huebner/imago)

Noch immer ist St. Pauli vor allem für perfekte Eigenvermarktung und politische Statements bekannt. Auch die überzeugten Fans, die dem Team eine "Wattebausch-Kritikkultur" (Morgenpost) entgegenbringen, sind vermutlich nicht nur leistungsfördernd. Präsident Oke Göttlich ist dem HSV zumindest in einem Punkt auf den Fersen: Er hat in fünfeinhalb Jahren auch schon fünf Trainer entlassen. Als Luhukays Nachfolger wird der Trainer von 1860 München, Michael Köllner, gehandelt. Der arbeitete schon zusammen mit Paulis Sportchef Andreas Bornemann beim 1. FC Nürnberg. Köllner kennt sich aus mit Auf- und Abstiegen - beim Club musste er einst gegen Bornemanns Widerstand vor dem Absturz in Liga zwei gehen.

Beim HSV hat man noch eine kleine Hoffnung: dass Klaus-Michael Kühne launisch ist. Nächste Woche, ist zu hören, will Finanzvorstand Frank Wettstein den Kontakt zum Milliardär wieder aufnehmen. Vielleicht gibt es doch noch die Chance für eine weitere Zusammenarbeit - wenn Kühnes erste Wut über das neuerliche Versagen verflogen ist.

© SZ vom 01.07.2020
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