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Daniel Thioune:Einer für die harten Hamburger Zeiten

Daniel Thioune beim Spiel VfL Osnabrück gegen Holstein Kiel

Will es nun beim HSV versuchen: Trainer Daniel Thioune.

(Foto: dpa)

Daniel Thioune ist ein Trainer, der mit überschaubaren finanziellen Mitteln schon viel erreicht hat - jetzt übernimmt er ausgerechnet den Hamburger SV.

Von Carsten Scheele

Dieter Hecking hat seinem Nachfolger einen Gruß dagelassen. Er, Hecking, sehe sich prinzipiell als Erstliga-Coach und sei nur für den Hamburger SV in die zweite Liga gegangen. Nun, da dieses Projekt gescheitert sei, müsse der Klub in anderen Dimensionen denken. Mit seinem eigenen Namen sei "immer der Aufstieg erwartet" worden, sagte Hecking der Hamburger Morgenpost, "diese Erwartung ist beim HSV nicht hilfreich". Was wohl heißen sollte: Jetzt kann sich sein Nachfolger mit den neuen Realitäten in der Hansestadt herumschlagen. Und er wird definitiv ein Zweitligacoach sein.

Um den Mann zu finden, der beim HSV den Übertritt in diese neue Zeit anleiten soll, hat der Klub nur wenige Tage gebraucht. Erfahrene Bundesliga-Trainer à la Hecking standen diesmal nicht auf der Shortlist; erst galt der frühere HSV-Profi Dimitrios Grammozis als Favorit; manche sahen bereits ein Wettbieten mit dem Lokalrivalen FC St. Pauli aufziehen, der ebenfalls Interesse an Grammozis haben soll. Da hatte der HSV aber längst Kontakt zu einem anderen Mann aufgenommen. Daniel Thioune, 45, Trainer des VfL Osnabrück, wird von Sommer an eines der schwierigsten Trainerämter der Republik übernehmen: Er soll beim HSV ein neues Team formen, mit viel weniger Geld als zuletzt, am Ende aber - klar - trotzdem um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielen.

Thioune, geboren in Georgsmarienhütte als Sohn einer Deutschen und eines Senegalesen, gehört zu den interessanteren Trainerneulingen im deutschen Profifußball. 2016 erhielt er seine Fußballlehrer-Lizenz, weitere Absolventen des Lehrgangs waren Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco. Nach einem Jahr als Co-Trainer bei Rot-Weiß Ahlen hat er sich beim VfL Osnabrück, für den er mal in der zweiten Liga gekickt hat, vom U17-Trainer zum Chef hochgearbeitet. Größter Erfolg: der Aufstieg 2019 in die zweite Liga, mit einem Drittliga-Mittelklasse-Team. Ebenso wichtig: der ziemlich locker geschaffte Klassenverbleib in dieser Spielzeit.

"Er passt zu unserer veränderten Möglichkeiten", sagt Sportvorstand Boldt

Am Ende waren es drei Punkte Vorsprung auf den Relegationsrang, plus das viel bessere Torverhältnis. Der VfL lässt ihn entsprechend ungern ziehen, man könne die "sportliche Entscheidung von Daniel" aber verstehen, erklärte Sportdirektor Benjamin Schmedes. Thioune weiß, was er in Osnabrück verliert, sagt aber: "Man muss sich auch einmal aus der Wohlfühloase lösen." Der VfL erhält eine Ablöse, die bei 300 000 Euro liegen soll. Eine Summe, die selbst die finanziell verlässlich knappen Hamburger aufbringen konnten.

Hätte Hecking gewusst, dass Thioune kommt, hätte er seinen Abschiedsgruß vielleicht anders formuliert. Beide kennen sich gut, ihre Wege kreuzten sich von 2002 bis 2004 beim VfB Lübeck, Hecking stand an der Linie, Thioune ackerte im defensiven Mittelfeld. Vom Werdegang seines früheren Spielers ist Hecking angetan. Thioune mache einen "sehr, sehr guten Job", lobte Hecking kürzlich; da hatte Thioune mit dem VfL Osnabrück gerade vier von sechs möglichen Punkten gegen Heckings HSV geholt. In der Hinrunde gab es ein schwer umjubeltes 2:1 im eigenen Stadion, in der Rückrunde ein achtenswertes 1:1 im Volkspark.

Thioune soll in Hamburg für den Start in eine bodenständigere Zukunft stehen, und setzt dabei einen interessanten Kontrapunkt: Während der HSV seit Jahren beständig zu wenig aus seinen Möglichkeiten macht, hat Thioune in Osnabrück mit wenig viel erreicht. Der Personaletat betrug gerade einmal acht Millionen Euro, Thioune machte als Teamentwickler von sich reden. Zuletzt standen acht Spieler im Kader, die den Weg aus der eigenen Jugend ins Profiteam geschafft haben. Ähnliches schwebt Sportvorstand Jonas Boldt auch in Hamburg vor. "Uns wurde zuletzt immer klarer, dass wir uns anders ausrichten müssen", sagte Boldt beim Pressetermin am Montag: "Wir wollen die Entwicklung in den Fokus stellen - und das verkörpert Daniel mit Haut und Haar."

Der Etat des HSV sinkt beträchtlich

Denn die Zeiten werden härter. Der HSV steuert auf eine Saison mit beträchtlich gesenkten Personalkosten zu. Die sind immer noch höher als alles, was Thioune aus Osnabrück kennt, sollen aber von 30 Millionen auf 23 Millionen Euro sinken. Große Transfers werden nicht drin sein, eher ablösefreie Spieler oder Leihgeschäfte. Einige der zuletzt größten Namen werden den HSV verlassen, darunter Jairo Samperio, Martin Harnik, Joel Pohjanpalo, wohl auch Louis Schaub und Adrian Fein. Von insgesamt 15 Spielern, die gehen sollen, ist die Rede. Ein Riesenumbruch.

Thioune will die Aufgabe "mit viel Fleiß, Teamwork und Herz" angehen, und der lästigen Aufstiegsfrage am liebsten ausweichen. "Dass der HSV zurück in die Bundesliga möchte, weiß jeder", sagte der neue Trainer, "aber davon zu reden, bringt uns den Zielen nicht näher."

© SZ vom 07.07.2020
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