Die Welt dreht sich weiter, nichts anderes hätte Uwe Seeler sich gewünscht. In Hamburg, so scheint es, wirkt diese Welt gerade nur eine Spur leiser. Sie ist auch dunkler geworden, was Seeler wiederum überhaupt nicht gefallen hätte. Doch die Menschen, die ihn liebten und bewunderten und niemals vergessen werden, wollen am Sonntag nun mal ihre Bewunderung ausdrücken, indem sie auf Farben verzichten. Fast alle tragen Schwarz.
Das heißt: Fast alle der knapp 60 000 Menschen, die in den ausverkauften Volkspark strömen, um sich das Heimspiel des Hamburger SV gegen Hansa Rostock anzusehen. Zweite Liga, welch ein Jammer. Seeler, der größte HSVer der Geschichte, war dennoch so ziemlich der Einzige in der Hansestadt, der darüber niemals schimpfte. Er war einfach nur traurig. Und hoffte bis zuletzt darauf, dass die Zeiten besser werden.

11 Uhr, noch zweieinhalb Stunden bis zum Anpfiff. Dutzende HSV-Fans versammeln sich, na klar, vor Seelers Bronzefuß, der seit 2005 vor dem Volkspark thront. Vier Tonnen schwer, 3,50 Meter hoch, 5,15 Meter breit. Ein Meer aus Blumen, Kerzen und HSV-Schals liegt vor dem Denkmal, aber auch Trikots von anderen Klubs, des FC Schalke 04 oder des Nordrivalen Werder Bremen etwa. Die Trauer geht eben über die Stadtgrenzen hinaus, sie verbindet Generationen.
"Ehrenmann", ruft ein Jugendlicher, er trägt ein altes HSV-Trikot von Hakan Çalhanoğlu, Nummer 9. Seelers Nummer. Oder Ulrich und Marcel, Vater und Sohn, sie halten sich Arm in Arm. Ulrich, 76, hat Seeler noch in der damaligen norddeutschen Oberliga spielen sehen, die er unglaubliche neun Mal in Serie gewann, von 1955 bis 1963. "So einen wird's nicht mehr geben", sagt Sohn Marcel, er wischt sich Tränen aus dem Gesicht: "Eigentlich nur traurig, was aus seinem HSV geworden ist."
Seeler wollte immer nur eines sehen: einen befriedeten und erfolgreichen HSV
In der Tat, "sein" HSV hat Seeler in den vergangenen Jahren viel Kummer bereitet. Erst der Absturz in die zweite Liga, obwohl man schon geglaubt hatte, der einstige Bundesliga-Dino sei unabsteigbar. Dann die ganzen verpassten Aufstiege, diese irren Pleiten, die sich niemand erklären kann. Auch nicht die HSV-Verantwortlichen, die Schuld sind an dem Desaster. Sie stellten in den vergangenen zehn Jahren so ziemlich alle Dummheiten an, die in einem Fußballverein möglich sind, auch aktuell gibt's in den Gremien wieder Kungeleien, Machtspiele und Intrigen. Schon grotesk: In Hamburg ringen immer irgendwelche Leute um Einfluss und Ansehen - was da für ein Theater fabriziert wird mit dem Erbe Uwe Seelers, der einfach nur einen befriedeten und erfolgreichen HSV sehen wollte.
12.45 Uhr. Ohne Symbolik kommt so ein Tag nicht aus, deshalb dröhnen gleich mal Seeler-Lieblingslieder aus den Stadionboxen, zum Beispiel "An de Eck steiht'n Jung mit'n Tüdelband" von Heidi Kabel. Seeler soll diesen plattdeutschen Klassiker geliebt haben. Über die Videotafel im Stadion flimmern derweil alte Szenen und Bilder, alles in schwarz-weiß: Seelers Jahrhunderttor 1960 im Sitzen gegen Westfalia Herne, sein legendärer Treffer mit dem Hinterkopf 1970 gegen England, ein Mannschaftsfoto der "Jungmannen" des HSV, so hieß früher mal die A-Jugend.

Uwe Seeler:So einfach kann leben sein
Auf Uwe Seeler als Held konnten sich immer alle einigen, weil er allen etwas zu geben hatte, denen ganz unten und denen ganz oben. Er war ein bescheidener Weltstar, einer, der hochmütig hätte werden können, aber nie hochmütig geworden ist. Ein Nachruf.
Die HSV-Fans stellen eine imposante Choreografie auf die Beine
Seeler war HSV-Mitglied seit 1946, seinen damals ausgestellten Ausweis hat er bis zuletzt behalten, Mitgliedsnummer 1725. Dass aus dem nur 1,69 großen Stürmer mal was werden würde, zeigte sich schnell, doch rein nach Titeln betrachtet gibt es erfolgreichere HSV-Fußballer. Seeler war Meister, Pokalsieger, er war der erste Torschützenkönig der Bundesliga - aber in den Achtzigerjahren war die HSV-Mannschaft um Magath, Hrubesch, Kargus und Wehmeyer eine dominante Kraft in Europa. Ihre Fußabdrücke sind vor dem Volkspark verewigt, im Vergleich mit Seelers Bronzekoloss sehen sie winzig aus. Beschwert hat sich darüber bis heute niemand.
13.17 Uhr. Die HSV-Vorstände Jonas Boldt und Thomas Wüstefeld legen gemeinsam einen Kranz am Mittelkreis nieder. Ansonsten haben sie, nun ja, ein eher frostiges Verhältnis, siehe oben. Da trifft es sich gut, dass die HSV-Fans in der Nordkurve eine gewaltige Choreografie aufziehen, in der daran erinnert wird, wie man in Hamburg Legendenstatus erlangt: "Loyal und bescheiden - der Größte aller Zeiten".
Aber an diesem Sonntag, das betont der Stadionsprecher, sind alle irgendwie Uwe Seeler. Er stellt jeden HSV-Spieler, der in der Startelf steht, als "Uwe" vor, und der Volkspark antwortet: "Seeler, Seeler, Seeler!" So geht das immer weiter, bis schließlich die HSV-Elf den Rasen betritt. Beim Aufwärmen hatten die Spieler schwarze Shirts an, wie die Fans, nun steht auf ihren Trikots der Schriftzug "Uns Uwe" anstelle des Sponsors geschrieben, auf den Ärmeln prangt die Nummer 9.

Seeler war lange nicht mehr im Volksparkstadion, das vielleicht bald Uwe-Seeler-Stadion heißen wird. Die Gesundheit, es ging nicht mehr. Er hatte einen Herzschrittmacher und stürzte zu Hause mehrmals die Treppen herunter, dazu das Virus, vor dem Seeler großen Respekt hatte. Früher kannte Seeler jeden HSV-Spieler persönlich, der aktuellen Mannschaft konnte er sich aber nie vorstellen, was insbesondere der HSV-Coach Tim Walter bedauert - auch mal unter Tränen, wie auf der Pressekonferenz vor der Partie gegen Rostock.
"Das tut heute besonders weh", sagte HSV-Kapitän Sebastian Schonlau
13.35 Uhr. Nach einer Trauerrede des früheren HSV-Stadionsprechers Jo Brauner hallen minutenlang "Uwe! Uwe! Uwe!"-Rufe durchs Stadion, die Tribünen sind schwarz, die Atmosphäre ist feierlich und bedrückend zugleich - wer das für Pathos hält, war halt nicht dabei. Ein bisschen ambivalent spielt dann auch der HSV, er ist bemüht, er rennt, aber er findet nur selten Mittel gegen den tief stehenden und hoch motivierten Gegner. So ist die zweite Liga, der Traditionsklub hat sich das selber eingebrockt.
Mit ein bisschen Fantasie zeigt nur der Verteidiger Mario Vuskovic ein paar Seeler'sche Tugenden, als er sich weigert, das Spielfeld zu verlassen, obwohl er wegen einer Verletzung kaum noch laufen kann. In der zweiten Hälfte erhöht der HSV das Tempo, doch der Offensivfußball des Trainers Walter ist risikoanfällig, weshalb in der Nachspielzeit passiert, was nicht passieren darf. Ein Konter der Rostocker, ein Stellungsfehler des für Vuskovic eingewechselten Jonas David, ein strammer Flachschuss ins lange Eck - 1:0 Rostock, wenig später ist das Spiel aus. "Das tut heute besonders weh", sagte der HSV-Kapitän Sebastian Schonlau. Er meinte: an diesem besonderen Tag, in diesem besonderem Spiel.
Vielleicht konnte man es ja so sehen: Der HSV hat so wenigstens niemanden darüber hinweggetäuscht, dass es eine schwarze Woche für die Stadt Hamburg war. Nun bleiben 32 Spieltage, um Seelers großen Wunsch zu erfüllen, die Rückkehr in die erste Liga. Nochmal den Aufstieg verpassen, in der Saison, in der der größte HSVer der Geschichte starb - das kann der HSV wirklich nicht bringen.

