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Hamburger SV:Deprimierend und surreal

Hamburger SV - SV Sandhausen Fußball, 2. Bundesliga 2019/20, Hamburger SV - SV Sandhausen: Verletzung, Gideon Jung (HSV; HSV

Am Boden wie der gesamte HSV: Gideon Jung.

(Foto: Valeria Witters/Witters/imago)

Ein Remis hätte für die Relegation genügt. Doch der HSV macht mit einem kaum zu glaubenden 1:5 gegen Sandhausen den Weg frei für Heidenheim - und bleibt Zweitligist.

So weit war es also gekommen beim Hamburger Sportverein, der frühere Europapokalsieger hätte sich über die Relegation gegen Werder Bremen freuen sollen. Anfang Juli hätten die beiden wichtigsten Klubs des Nordens einen Platz in der Bundesliga ausspielen sollen, aber nicht einmal dazu kommt es, denn der HSV ließ selbst diese Chance auf Bewährung liegen. Sogar ein Unentschieden wäre genug gewesen am Sonntagnachmittag im Volksparkstadion gegen den SV Sandhausen, um wenigstens noch Dritter der Zweiten Liga zu werden, weil der Aufsteiger Arminia Bielefeld den 1. FC Heidenheim 3:0 bezwang. Aber der HSV verlor in der eigenen Arena allen Ernstes 1:5 (0:2) gegen Sandhausen - und bleibt nach dieser ungeheuer blamablen Niederlage zweitklassig.

Noch ein Tiefpunkt der Vereinsgeschichte. Kann das wahr sein, Werder gegen Heidenheim um den Verbleib respektive den Aufstieg in Liga eins statt Werder gegen HSV? Ein weiteres Jahr in Liga zwei für den einst glorreichen HSV, trotz all der Chancen in dieser Saison und auch an diesem letzten Spieltag? Der wackere 1. FC Heidenheim darf sich um einen Platz in Liga eins bewerben, nicht aber der berühmte Hamburger SV, dem wirklich gar nichts mehr gelingt, obwohl sich dort ständig ein neuer Trainer probiert, ein neuer Sportchef, eine neue Mannschaft und so weiter. Optimisten hatten gedacht, Dieter Hecking hätte als routinierter Trainer die nötige Ruhe für diesen aufgeregten HSV mitgebracht, aber auch seine Mission misslang gründlich.

"Das liegt in meiner Verantwortung", sprach Hecking, er klagte über Anspannung und fehlende Fortune. Nichts gebe es zu entschuldigen, berichtete Marcell Jansen, früher Nationalspieler und aktuell HSV-Präsident. Die Beine seien schwer gewesen, die Köpfe langsam. Man müsse jetzt "in die Analyse gehen". Was die Analyse für Hecking und Sportchef Jonas Boldt bedeutet, das wird sich zeigen. Heckings Vertrag gilt nur für die Rückkehr in die Bundesliga. Der HSV hat es auch mit ihm nicht geschafft - und ist am Ende gegen einen Gegner untergegangen, dessen bekanntester Mann Dennis Diekmeier heißt und 2018 mit dem HSV aus der Bundesliga abgestiegen war.

In anderen Zeiten wäre bereits ein Ligaduell mit dem SV Sandhausen für den HSV eine Beleidigung gewesen. Sandhausen? Beim HSV schauten sie nach München, Mailand, Madrid, aber das ist auch schon ein paar Jahre her. Inzwischen hat der HSV nach seinem ersten Abstieg aus der Bundesliga das zweite Jahr in Liga zwei hinter sich und sich vor allem nach der Corona-Pause über die Runden gequält. Hätten die Spiele nur knapp 90 Minuten gedauert, dann wäre Heckings Ensemble wahrscheinlich aufgestiegen, aber seine Elf verlor in zuletzt vier Partien die Punkte in den letzten Minuten oder Sekunden, auch am vergangenen Wochenende in Heidenheim, noch so einer Stadt, die Hamburger in stolzen Jahren auf der Landkarte suchen mussten.

"Eine Charakterfrage" würde es werden, ahnte Hecking vorher. "Wenn wir es am Ende schaffen, haben wir es verdient. Wenn wir es nicht schaffen, haben wir es auch verdient."

Sie haben es nicht verdient, das zeigte sich rasch.

Beim HSV geht schief, was schief gehen kann, das ist bekannt, aber so? Nach 13 Minuten drückte Rick van Drongelen den Ball ins Netz, allerdings ins eigene. 0:1. Noch dazu schoss Sekunden und Minuten später Arminia Bielefeld das 1:0 und das 2:0 gegen Heidenheim, den Hamburger Widersacher um Rang drei.

Der Zweitligameister bereitete dem HSV den Weg, aber der HSV stolperte weiter: van Drongelen hob das Abseits auf, Kevin Behrens lief allein auf Julian Pollersbeck zu und schoss lässig ein. 22. Minute. 0:2. Eine Charakterfrage? Auch eine Abwehrfrage. Und eine Frage der Nerven und der Kondition - und eine Frage der Aufstellung. Hecking ließ eine konfuse Dreierkette auflaufen, mit dem Brasilianer Ewerton, der wochenlang kaum gespielt hatte.

Mit einem dermaßen deprimierenden Verlauf hatten selbst Hamburger Pessimisten nicht zwingend gerechnet. Obendrein verletzte sich der unglückliche Niederländer van Drongelen, eigentlich der wertvollste Hamburger, nach einer guten halben Stunde schwer am Knie. Bakary Jatta kam für den Innenverteidiger, ein Versuch, den Unglücksfall in Schwung für die Offensive zu verwandeln.

Die neue Hoffnung kam nach 62 Minuten durch einen Strafstoß, Aaron Hunt verwandelte den Elfmeter. 1:2. Bielefeld hatte unterdessen das 3:0 gegen Heidenheim nachgelegt. Zum Schluss sah es so aus, als müsste der Teamkapitän Hunt es allein erledigen, er suchte mit seinen Zuspielen Joel Pohjanpalo oder Sonny Kittel, die als Torjäger gelten. Würde ein Treffer reichen, um noch an Heidenheim vorbeizuziehen? Stattdessen Elfmeter Sandhausen, wieder Behrens: 1:3. Danach 1:4. Das 1:5 durch Diekmeier, ja, das zweite Tor als Profi im Leben des Dennis Diekmeier, war die Pointe im leeren Volksparkstadion. Surreal. Der Hamburger SV, der große HSV, bleibt ein Zweitligaverein - ohne Relegation gegen Werder.

© SZ vom 29.06.2020/schm
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