Süddeutsche Zeitung

HSV nach der Relegation:Druck, größer als im WM-Finale

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Rafael van der Vaart versteckt sich in der Kabine, Heiko Westermann spricht von der "schwierigsten Zeit" seiner Karriere: Der Klassenerhalt in der Relegation hinterlässt beim Hamburger SV nicht nur Erleichterung, sondern auch den Schock über eine fürchterliche Saison. Nur der Trainer macht Mut.

Von Saskia Aleythe, Fürth

Die Mundwinkel hängen nach unten, die Schultern sowieso. Das Reden strengt den Fußballer an, er schluckt, hält inne und blickt zu Boden. "Ich bin leer", sagt er, "noch so eine Saison ertrage ich nicht."

Vermutlich würde er sich aus dem Bauch der Arena per Trage zum Mannschaftsbus bringen lassen, würde das unbemerkt bleiben. Beachtenswert ist seine Herkunft: Er kommt nicht aus Fürth, sondern aus Hamburg. Name: Heiko Westermann. Klassenerhalt: geschafft. Status: ziemlich betrübt.

Westermann war gedanklich und emotional schon ein Stück weiter als seine erleichterten Mannschaftskollegen, die sich wenige Minuten zuvor im Fürther Stadion noch mit freien Oberkörpern von den mitgereisten Fans hatten feiern lassen. Als Schiedsrichter Knut Kircher das Rückspiel der Relegation für beendet erklärte, flimmerte auf der Anzeige auf der Südtribüne ein 1:1. Es war ein Klassenerhalt ohne Sieg in Hin- und Rückspiel. Keine ruhmhafte Rettung.

"Wir brauchten auch das notwendige Glück, das wir schon mehrfach in dieser Saison hatten", befand Trainer Mirko Slomka später. Fürth-Trainer Frank Kramer sah das ganz ähnlich: "Dass der Vergleich in den Standardsituationen entschieden worden ist, ist das Quäntchen Glück, das wir am Ende nicht hatten."

Bedröppelt liefen die Fürther im Anschluss vom Spielfeld, die große Enttäuschung wich aber schnell der Anerkennung für die eigene Leistung. "Das Team hat zwei tolle Spiele gezeigt", sagte Kramer, "darauf kann es sehr stolz sein."

Der HSV trat zwar deutlich motivierter und aggressiver als im Hinspiel auf, beschränkte sich aber schnell darauf, was er noch bundesligatauglich konnte: Standards. Nach einer Ecke von van der Vaart köpfelte Pierre-Michel Lasogga (14.) ein. Dann gelang Stephan Fürstner in der 59. Minute das 1:1 - und ganz Fürth glaubte wieder an den Aufstieg.

Was im Stadion brüllen und klatschen konnte, brüllte und klatschte. Trotz etlicher Fürther Versuche im Hamburger Strafraum sollte das 2:1 nicht mehr fallen. "Die letzten 20 Minuten heute war die schwierigste Zeit meiner Karriere", resümierte Westermann. Als "nicht so angenehm" hatte Slomka diese Phase empfunden, Kondition und Konzentration brachen den Hamburgern immer mehr weg. "Die waren stehend k. o.", meinte der Fürther Daniel Brosinski.

So musste auch Kapitän Rafael van der Vaart nach 75 Minuten das vom Sinken bedrohte Schiff verlassen, er wurde ausgewechselt. "Alles hat wehgetan", erklärte der Niederländer. Zusammen mit Tolgay Arslan habe er dann in der Kabine gesessen, mit Kopfhörern auf den Ohren.

"Ich war so nervös, das war schrecklich", meinte van der Vaart, "heute war der Druck viel größer als in einem WM-Finale." Dennis Diekmeier ließ sich noch von der Euphoriewelle auf dem Rasen tragen, als er vor die Mikrofone trat. "Wir sind einfach nur übertrieben glücklich, dass wir es jetzt geschafft haben", sagte er.

Im Gegensatz zu van der Vaart hatte Diekmeier die überragenden Paraden von Jaroslav Drobný noch live mitbekommen. Dass am Ende die Hamburger jubeln konnten, war vor allem ein Verdienst des Ersatzkeepers, der erst durch eine Verletzung von René Adler in die Startelf gerückt war. "Er ist für mich der Gewinner dieser beiden Spiele", würdigte ihn Slomka. Und Hakan Çalhanoğlu ließ sich im Überschwang nicht stoppen: "Drobný ist schon immer mein Lieblingstorwart."

Verdienstvolles leistete auch Torschütze Lasogga, doch seine Leistung schmälerte er gleich nach dem Abpfiff mit einer unschönen Szene: Er stürmte provozierend zur Fürther Bank und ballte obszön die Fäuste. Für Fußballfreunde, die dem HSV nicht allzu wohlgesonnen sind, war seine Aktion ebenso wie die Saison samt Relegation eines Bundesligisten unwürdig.

Die schlimme Saison wird in Hamburg trotz Klassenerhaltes wohl noch länger haften bleiben. "Dreckig" sei sie gewesen (Arslan), "hart" (Diekmeier). "Brutal", befand Westermann, "hier ist in den letzten Jahren viel schiefgelaufen". Der HSV sei ein Verein, der absolut intakt ist, meinte ein anderer. Name: Mirko Slomka. Klassenerhalt: geschafft. Status: ziemlich zuversichtlich. Und erst seit drei Monaten in Hamburg.

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