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Hamburger SV:Plötzlich führungslos

HSV: Marcell Jansen auf einer Mitgliederversammlung des Hamburger SV

Nicht mehr HSV-Präsident: Marcell Jansen.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Der Rücktritt des gesamten HSV-Präsidiums um Marcell Jansen ist das Ergebnis eines länger schwelenden Machtkampfs. Eine zweite Runde steht vermutlich noch bevor.

Von Peter Burghardt und Thomas Hürner, Hamburg

Am Dienstagvormittag saß Marcell Jansen noch als HSV-Präsident im Büro seines Sanitätshauses im Zentrum Hamburgs und erzählte, es gibt viel zu erzählen derzeit. Aber zitiert werden wolle er fürs Erste nicht, es sind mal wieder komplizierte Zeiten beim HSV. "Danke, Cello", steht auf dem Poster an der Zimmerwand, es zeigt ihn im Trikot des Hamburger SV, Cello ist sein Spitzname. Der einstige Profi ist heute Unternehmer und Funktionär, sein Trikot von der WM 2010 hängt draußen im Laden. Doch dann überschlugen sich offenbar die Ereignisse, denn Stunden später war Jansen schon nicht mehr HSV-Präsident. Bis auf Weiteres jedenfalls.

Am Dienstagabend ist das HSV-Präsidium komplett zurückgetreten. Die gut 85 000 HSV-Mitglieder wurden per Mail informiert. Typisch HSV, das ewige Chaos, gebrauchen kann der Zweitliga-Tabellenführer das neuerliche Durcheinander nicht, inmitten der Herausforderungen von Corona und Aufstiegskampf. Gar so urplötzlich aber kam das Manöver in Wirklichkeit nicht: Jansen hatte es vor Wochen vorgeschlagen. "Es ist längst überfällig, dass wieder Ruhe einkehrt", sagt er nun am Mittwoch.

Ihre Entscheidung erläuterten die Absender mit der Erklärung, "die zuletzt vorhandenen Meinungsverschiedenheiten im Präsidium nicht mehr zu einem Themenfeld innerhalb unseres Vereins" machen zu wollen. Seit Monaten sind Jansen und sein nun vormaliger Vize Thomas Schulz und sein vormaliger Schatzmeister Moritz Schaefer zerstritten. Es geht um die Macht im Volkspark.

Jansen, 35, wurde in jungen Jahren zum einflussreichsten Mann beim HSV. Bis zum Dienstag war er Präsident des HSV e.V., des Mehrheitsgesellschafters der ausgegliederten Fußballabteilung HSV AG. Jansen bleibt aber weiterhin Chef des Aufsichtsrats - und damit der jüngste Aufsichtsratsvorsitzende im deutschen Fußball.

Bereitet der frühere HSV-Boss seine Rückkehr vor?

Es gibt jedoch Anzeichen, dass ein anderer Mann gerne mit der Kompetenzfülle Jansens ausgestattet wäre, mal wieder: Bernd Hoffmann, 58, der von 2002 bis März 2020 beim HSV bestimmt hatte, als Aufsichtsratsvorsitzender, Präsident und zuletzt Vorstandschef - und der als solcher einst Schaefer und Schulz beim HSV installiert hatte, die erklärten Gegenspieler Jansens. Seine Vertrauten sollten, so heißt es, im Hintergrund Hoffmanns Comeback vorbereiten.

Hoffmann hatte vor etwa einem Jahr seinen Posten im Vorstand räumen müssen, es kam zur Kampfabstimmung im Aufsichtsrat, in dem sich auch Jansen gegen ihn positionierte. Hoffmann werden im Klub Alleingänge und Kompetenzüberschreitungen angelastet, seine beiden Vorstandskollegen Jonas Boldt (Sport) und Frank Wettstein (Finanzen) wollten nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten. Jansen versuchte sich in der Rolle des Vermittlers, vergebens.

Um den Konflikt in Gänze zu verstehen, muss man das Gremiengeflecht des HSV verstehen. Das Präsidium, also zuletzt Jansen, Schulz und Schaefer, schlägt die Kandidaten für den Aufsichtsrat der AG vor. Der Aufsichtsrat wiederum benennt die Vorstände und gibt so den sportlichen und finanziellen Kurs des Fußballteams vor. Jansen und das "Team Hoffmann" waren sich jedoch uneins über die Besetzung zweier vakanter Posten, die im Aufsichtsrat die Kräfteverhältnisse verschoben hätten.

Und dann schwebt ja noch der Name Klaus-Michael Kühne über dem Volksparkstadion, selbst dann noch, wenn der Milliardär und Investor keinen Cent mehr für den Erhalt der Namensrechte der Arena beisteuert. Seit geraumer Zeit hat er sich zurückgezogen in sein Domizil in der Schweiz, zum HSV äußert sich der HSV-Fan nur noch selten. Kühne hält etwa 20 Prozent der HSV AG, für viele Fans ist er eine Streitfigur, sie fürchten eine Fremdübernahme des Vereins. Teilen der Anhänger galt Jansen lange als Kühne-Adlatus - ein Narrativ, an dem auch Jansens Gegenspieler mitgewirkt haben. Hoffmann, Schulz und Schaefer hatten sich immer wieder gegen Kühne positioniert und so getan, als seien sie die Bewahrer demokratischer Strukturen beim HSV.

In Horst Hrubesch wurde ein Idol zurück in den Klub geholt

Jansen und Kühne schätzen sich. Letztlich ist es aber auch so, dass Kühne seine Anteile zuletzt eher loswerden wollte, um den HSV auf ein breiteres Fundament zu stellen. Ein Indiz dafür ist, dass der Klub zuletzt einige Kühne-freie Deals eingefädelt hat: Ein lukrativer Trikotsponsor wurde gefunden, eine Partnerschaft mit einem Telekommunikationskonzern geschlossen, die Zusammenarbeit mit der Stadt Hamburg intensiviert.

Sogar ein Held aus glorreicher Vergangenheit kehrte heim, Manager Boldt holte den früheren Torjäger Horst Hrubesch als Nachwuchsdirektor. Bislang arbeitete Hrubesch inkognito, erst am Montag präsentierte er sich in einer virtuellen Presserunde der Öffentlichkeit, sein neues Motto für den HSV: "Wir sind jetzt ein Ausbildungsverein." Es sieht so aus, als hätten der Rheinländer Jansen und die anderen Verantwortungsträger verstanden, dass dem Zweitligisten HSV hanseatisches Wirtschaften besser bekommt als Prasserei und Träumereien von der Champions League.

Und jetzt? Den Betrieb sichert eine kommissarische Führung, im Sommer soll ein neues Präsidium gewählt werden. Die Mitglieder müssen entscheiden - auch über Marcell Jansen, der voraussichtlich wieder antreten wird. Die Zuspitzung würde dann erneut lauten: Jansen gegen das Team Hoffmann.

Von Rudi Völler wurde Marcell Jansen mal vorgeworfen, er liebe den Fußball nicht, als er mit 29 als Profi aufhörte. Aber wer sich ins HSV-Gestrüpp wagt, der muss den Fußball schon sehr mögen.

© SZ
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