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Hamburger SV:Stolpernd voll im Soll

Foto : Ausgleichstor von Joshua Mees ( Kiel ) Fussball 2. Liga am Mo. 09.11.2020 Holstein Kiel - Hamburger SV 1 - 1 ***

Ausgleich in der Nachspielzeit: Der Kieler Joshua Mees (links) überwindet spät den HSV-Torwart Sven Ulreich.

(Foto: Claus Bergmann/imago)

Trotz des 1:1 im Nordderby gegen Kiel bleibt die Stimmung beim HSV gut. Der Vorsprung auf die Verfolger in der zweiten Liga ist schon groß.

Von Ulrich Hartmann

Bei der Tour de France ist das Trikot des Führenden strahlend gelb, in der Fußball-Bundesliga ist es gerade mal wieder leuchtend rot. In der zweiten Liga war es am Montagabend grau. Das Ausweichtrikot des Hamburger SV ist laut Artikelbeschreibung "inspiriert vom Beton des Volksparkstadions". Der Fußball des Tabellenführers HSV in dieser Saison ist bislang durchaus nicht von Beton inspiriert, allerdings war das 1:1 (1:0) bei Verfolger Holstein Kiel nach zuvor fünf Auftaktsiegen das zweite Unentschieden nacheinander. Zuvor hatten die Hamburger gegen den Stadtrivalen St. Pauli spät das 2:2 erzielt, diesmal mussten sie in der 91. Minute den Kieler Ausgleich hinnehmen. Ausgerechnet die beiden prestigeträchtigen Nordderbys hat der HSV also nicht gewinnen können. Gegen Kiel gab es auch im fünften Zweitligaduell binnen zwei Jahren keinen Erfolg.

Der HSV könnte dieser regionalen Schwäche wohl aus dem Weg gehen, indem er im nächsten Frühjahr einfach in die Bundesliga auswandert. Darauf deutet momentan einiges hin. Die Mannschaft spielt unter dem neuen Trainer Daniel Thioune sehr selbstbewusst, meist effektiv und bislang deutlich konstanter als die Konkurrenz oben in der Tabelle. So besitzt der HSV trotz der beiden Unentschieden zuletzt immer noch vier Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger Osnabrück. "Wir sind im Soll", verkündete dann auch der HSV-Innenverteidiger Toni Leistner nach dem Remis in Kiel. Weil er unmittelbar nach dem Aus im Pokal in Dresden auf die Tribüne geklettert war, um dort einen gegnerischen Fan zu attackieren, wurde er gesperrt. Beim 1:0-Sieg in Fürth durfte er wieder mitspielen, sah aber nach einer Notbremse in der 53. Minute Rot und wurde gleich wieder für ein Spiel ausgeladen. Gegen St. Pauli schmorte Leistner dann auf der Ersatzbank, am Montag kam er nun erstmals in der Liga durchgängig zum Einsatz. Dies rief in ihm Dankbarkeit hervor: "Ich bin froh, dass ich endlich mal 90 Minuten durchspielen durfte."

Dass es am Ende sogar mehr als 90 Minuten waren, gereichte seinen Hamburgern nicht zum Vorteil. Auch Leistner machte keinen souveränen Eindruck, als der drei Minuten zuvor eingewechselte Joshua Mees in der Nachspielzeit den nicht unverdienten Ausgleich für die immer stärker gewordenen Kieler erzielte. Und noch ein Ätsch hatten die kleinen Holsteiner für den großen HSV parat: Während dieser in der ersten Pokalrunde gescheitert war, hatten die Kieler am Tag vor dem Nordduell den FC Bayern als Gast für die zweite Runde kurz vor Weihnachten zugelost bekommen. Darauf freuen sie sich schon jetzt.

Aber auch beim HSV bleibt die Stimmung gut. Das triste Grau der Trikots hatte in der 43. Minute schon nicht zur ansehnlich herausgespielten Führung gepasst. Stephan Ambrosius leitete sie per Kopfball ein, Moritz Heyer vollendete sie ebenfalls per Kopf, doch das Beste daran war ein sehenswertes Kabinettstück zwischen diesen beiden Stationen, vorgeführt von Jeremy Dudziak. Er nahm den Ball von Ambrosius rücklings zum Tor mit dem rechten Oberschenkel an und lupfte ihn volley mit dem linken Außenrist zu Heyer. Das war ein Assist mit Ballgefühl vom Feinsten.

Dudziaks wichtigster Assist war es aber nicht, der stammt aus dem Jahr 2015. Damals war er drei Mal mit insgesamt 60 Minuten Spielzeit bei Borussia Dortmund in der Bundesliga zum Einsatz gekommen und hatte Ilkay Gündogan einen Treffer zum 3:1 gegen Gladbach aufgelegt. Dudziak war 2009 als 13-Jähriger von Schalke 04 nach Dortmund gewechselt - und zog 2019 als 23-Jähriger vom FC St. Pauli zum HSV. Der gebürtige Duisburger hat sich also auf heikle Wechsel von einem Erzrivalen zum anderen spezialisiert. Man darf gespannt sein, welchen Umzug er 2029 als 33-Jähriger avisiert, womöglich von Rot-Weiss Essen heim zum MSV Duisburg.

Dudziak hatte schon den vorangegangenen Treffer des HSV vorbereitet. Das war ebenfalls ein wichtiger gewesen: der späte 2:2-Ausgleich durch Simon Terodde sechs Minuten vor dem Ende des Derbys gegen St. Pauli. Allerdings reichten beide Treffer bekanntlich nur zu je einem Punkt. HSV-Trainer Thioune konnte das in Kiel allerdings nicht groß stressen: "Es ist zwar ärgerlich, dass wir die letzten beiden Minuten nicht auch noch überstanden haben", sagte er, "aber wir stolpern eben auch mal - das gehört zum Entwicklungsprozess."

© SZ vom 11.11.2020/chge
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