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Hamburger SV:Verdientermaßen ein Zweitligist

Hamburger SV: HSV-Spieler David Kinsombi gegen den SV Sandhausen

Am Boden: David Kinsombi und der gesamte HSV.

(Foto: dpa)

Nach dem blamabel verpatzten Aufstieg ist die Häme in der Stadt groß. Bleibt die Erkenntnis: Der einst große HSV ist ganz schön klein geworden.

Der Monsterblamage folgte die Häme. Die Morgenpost rief nach dem innbrünstig verpatzten Aufstieg des Hamburger SV noch am Sonntagabend den "tiefsten Tiefpunkt der Geschichte" aus. Beim Kommentator des NDR klang das kaum freundlicher: "Immer wenn man glaubt, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, setzt der HSV noch einen drauf." Einzig das Abendblatt fand in Coronazeiten einen wohlwollenden Gedanken: "Zum Glück waren keine Fans im Stadion."

Wer am letzten Spieltag in die Bundesliga aufsteigen will, dann aber 1:5 im eigenen Stadion gegen den Fußballriesen SV Sandhausen verliert, muss Kritik aushalten, auch heftige. Weil Konkurrent Heidenheim in Bielefeld verlor, hätte sogar ein Unentschieden gereicht. "Wenn die Tür offen steht", folgerte die Mopo, "rennt der HSV mit Wucht gegen den Rahmen." Leider wahr.

Tatsächlich nimmt das Einsfünf gegen Sandhausen in der an Enttäuschungen reichen jüngeren Vergangenheit eine besondere Stellung ein. Es zeigt, wie klein der einst große HSV geworden ist. Wer zweimal mit dem mutmaßlich besten Kader der Liga auf diese Weise den Aufstieg verpasst, ist kein Erstligist mehr, der auf Umwegen in der zweiten Liga unterwegs ist. Der ist verdientermaßen ein Zweitligist.

Bleibt Hecking oder muss er gehen?

Viele im Klub rangen anschließend nach Worten. Marcell Jansen etwa, der Ex-Profi (152 Spiele für den HSV) und frisch gewählte Präsident, der seine erste ganz schwere Krise im Amt moderieren musste. "Nach so einem Spiel große Erklärungen zu suchen, ist fehl am Platz", sagte Jansen bei Sky. Die Leistung gegen Sandhausen sei "nicht zu entschuldigen", da müsse man sich "an die eigene Nase fassen". Es waren Sätze, die auch zu jeder anderen HSV-Misere der vergangenen Jahre gepasst hätten.

Trainer Dieter Hecking nahm die Gesamtschuld auf sich ("bin der Letzte, der sagt, ich habe keine Fehler gemacht"), sparte aber auch nicht mit Kritik an seinen Spielern. "Wir hatten alles besprochen", sagte Hecking, "und haben nichts von dem gemacht." Er klagte über den großen Druck, der fraglos auf seinen Profis lastete, die ja auf dem Platz korrigieren sollten, was in den vergangenen Jahren im Verein alles schief gegangen ist. Der HSV gehört in die erste Liga, heißt es überall in der Stadt. "Wir haben unter einer sehr großen Anspannung gespielt", sagte Hecking, "wir konnten die Nervosität überhaupt nicht ablegen."

Hecking selbst war ja geholt worden, um den HSV mit all seiner Übungsleitererfahrung (Gladbach, Wolfsburg, Hannover) zum Aufstieg zu bugsieren. Doch Hecking hat es nicht geschafft, eine junge, mental geforderte Mannschaft im den entscheidenden Momenten stark zu machen. Der HSV knickte immer dann ein, wenn alle auf ihn guckten: in den Nachspielzeiten gegen Stuttgart, Osnabrück, Kiel, in den letzten beiden Saisonspielen gegen Heidenheim und Sandhausen, als man letztlich in aller Öffentlichkeit auseinander fiel.

Ob Hecking Trainer bleiben kann (und ob er das auch selbst möchte), werden die kommenden Tage zeigen. Sein Vertrag hätte sich nur im Aufstiegsfalle automatisch verlängert, Vereinspräsident Jansen hat sich bislang nicht eindeutig positioniert. So gilt bisweilen die Absichtserklärung von Sportvorstand Jonas Boldt, der gerne mit Hecking weiterarbeiten würde - wobei Hecking nicht der erste HSV-Coach wäre, der am Ende doch seinen Job verliert.

Während sich Werder Bremen und Heidenheim am Donnerstag zum Relegationshinspiel treffen, haben beim HSV die Planungen für die dritte Zweitligaspielzeit begonnen. Was passieren wird, ist quasi jetzt schon klar: In der Mannschaft wird es einen Umbruch geben. Im Führungsteam wird irgendjemand zurücktreten oder rausgeworfen werden. Und Mäzen Klaus-Michael Kühne, klar, der wird sich aus Mallorca melden und weitere Millionenzuschüsse an Bedingungen knüpfen. Wie in jeder Krise also.

© SZ.de/chge
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