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HSC Coburg:Hüne in der Handballstadt

Alois Mraz bereitet Coburg auf die Bundesliga vor. Der Tscheche hat eine lange Karriere als Spieler hinter sich - ist er nun seiner ersten großen Aufgabe als Trainer gewachsen?

Von Sebastian Leisgang

Eines Tages, erzählt Alois Mraz, seien zwei Männer ins Klassenzimmer gekommen. Mraz war noch keine zehn Jahre alt, er konnte nicht ahnen, welche Tragweite diese Begegnung für ihn haben würde. Mraz war gerade in der dritten Klasse, in Pilsen, seiner Heimatstadt im heutigen Tschechien, rund 75 Kilometer östlich der Grenze zu Deutschland. Der Tag, von dem Mraz erzählt, liegt mehr als 30 Jahre zurück - es war jener Tag, an dem der kleine Alois den Handball kennenlernte.

"Damit hat sich alles gedreht", sagt Mraz. Die Männer erklärten, was es mit diesem Handball auf sich hatte, daraufhin wechselte Mraz auf eine Sportschule und trainierte beinahe jeden Tag. 2001 zog es ihn dann als Handballer nach Deutschland. So ging es los, so fing alles an.

Jetzt, gut drei Jahrzehnte später, sucht sich Mraz, 41, eine Sitzschale in der Halle des oberfränkischen Bundesliga-Aufsteigers HSC Coburg. An Spieltagen kann diese Halle unter dem drückenden Lärm der Zuschauer eine Hölle für die gegnerische Mannschaft sein, jetzt ist es beinahe beklemmend ruhig. Mraz stellt seine Sporttasche ab und setzt sich, Block O, Reihe 9, Platz 4, ausgezeichnete Sicht auf das leere Spielfeld. Eine Dreiviertelstunde ist angesetzt für das Gespräch, so ist es seit ein paar Tagen vereinbart. Inzwischen, sagt Mraz, hätten sich seine Pläne geändert. Eine halbe Stunde, mehr Zeit habe er leider nicht, die Arbeit rufe. Mraz trägt ein schwarzes Trainingsshirt und eine kurze Sporthose, auch sein Aufzug sagt: Es ist höchste Zeit zu arbeiten.

Alois Mraz Co Trainer TV Huettenberg GIESSEN *** Alois Mraz Co Trainer TV Huettenberg GIESSEN Cop

„Ich bin mir der Aufgabe bewusst, ich weiß, was auf mich zukommen kann.“ –Alois Mraz, hier noch als Co-Trainer des TV Hüttenberg.

(Foto: Ringleb /Eibner-Pressefoto)

Zuvor soll Mraz noch erzählen, was hinter ihm liegt, vor allem aber, was da jetzt kommt. Es ist ja eine große Aufgabe, die Mraz bevorsteht. Als es die Coburger zuletzt mit den besten Mannschaften des Landes aufgenommen haben, stiegen sie mit nur 14:54 Punkten prompt wieder ab. Jetzt, nach drei Jahren in der zweiten Liga, sind sie zurück und müssen in einem aufgestockten Feld mit 20 Teams bestehen. Dass am Ende der Saison vier Mannschaften absteigen, macht Mraz' Mission besonders anspruchsvoll.

Hat er denn, mal ehrlich, keine Bedenken, dass es schiefgehen könnte?

"Ich habe Respekt", sagt Mraz, "ich bin mir der Aufgabe bewusst, ich weiß, was auf mich zukommen kann. Gerade hier in Coburg, das ist eine Handballstadt, da wird jeder auf der Straße erkannt." Den Druck, die Erwartungen der Leute, die Aufmerksamkeit der Medien, all das kenne er aus seiner Zeit als Spieler, sagt Mraz.

Nur: Ist es nicht etwas anderes, als Trainer im Mittelpunkt zu stehen? "Ja", meint Mraz, "als Spieler ist es ein bisschen einfacher. Hier bin ich für mehrere Köpfe verantwortlich, damals war ich nur für meinen eigenen Kopf verantwortlich." Dennoch, und das sei nicht zu unterschlagen, komme ihm seine Karriere als Spieler zugute. Mraz hat nicht nur an drei Europameisterschaften teilgenommen und insgesamt 139 Länderspiele für Tschechien bestritten, er kennt auch den Abstiegskampf der Bundesliga, von damals, aus seiner Zeit beim TuS N-Lübbecke.

Ein Jahr Bundesliga

Die Ligazugehörigkeiten des HSC 2000 Coburg:

2000 - 2002 Oberliga Bayern

2002 - 2007 Regionalliga Mitte / Süd

2007 - 2011 2. Bundesliga Süd

2011 - 2014 3. Liga Ost / Süd

2014 - 2016 2. Bundesliga Süd

2016 - 2017 Bundesliga

2017 - 2020 2. Bundesliga

Wenn Mraz an diesem Nachmittag von sich erzählt, spricht er betont leise. Als er gerade die letzten Fragen beantwortet, werden unten, auf dem Spielfeld, ein paar Matten ausgelegt. Schon muss man Sorge haben, dass die Tonaufnahme des Gesprächs nicht verwertbar ist, so leise redet Mraz. Was er aber sagt, zeugt von Selbstsicherheit. Mraz kommt ziemlich klar daher. Er weiß, welcher Herausforderung er sich da gestellt hat - und er nimmt sie an.

Bislang ist seine Karriere ziemlich linear verlaufen, stets bergauf. Erste Schritte als Trainer einer Frauen-Mannschaft, dann Trainer im Nachwuchs, schließlich Co-Trainer in der Bundesliga beim TV Hüttenberg und U19-Coach in Gummersbach. Nun tritt er in Coburg ein großes Erbe an. Er, der sich als Trainer noch keinen Namen gemacht hat, folgt auf Jan Gorr, der sich in den vergangenen sieben Jahren längst nicht nur aufgrund der jüngsten Rückkehr in die Bundesliga um den Verein verdient gemacht hat. Inzwischen ist Gorr ins Geschäftsführerbüro umgezogen. Wer ihn jetzt fragt, warum der HSC aus etwa hundert Kandidaten Mraz ausgewählt habe, der bekommt eine Lobeshymne zu hören. Mraz habe sich mit penibler Gewissenhaftigkeit auf das Bewerbungsgespräch vorbereitet und dann sehr detailliert über die Coburger Mannschaft referiert; er habe außerdem das Trainerhandwerk von der Pike auf erlernt, und er strotze vor Tatendrang. "Alois bringt alle Parameter mit, die uns wichtig waren", erklärt Gorr.

Auf der Tribüne der Halle bewegt Mraz die Schultern abwechselnd vor und zurück. Musik sei ein großes Thema bei ihm. Er spiele zwar eigentlich kein Instrument, könne aber zwei Lieder mit einer Gitarre vortragen. "Ich glaube schon, dass ich Rhythmus im Körper habe", sagt Mraz und lacht. Er ist ein Hüne, fast zwei Meter groß, es sieht etwas ulkig aus, wie er da, in seine Sitzschale gezwängt, den Oberkörper rotieren lässt. Nun muss er noch beweisen, dass er auch für die Arbeit mit seiner Mannschaft Rhythmusgefühl besitzt.

© SZ vom 20.07.2020
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