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Horst Hrubesch:Titelangeln von der Bank

Vor dem ersten Spiel gegen Spanien: Trainer Horst Hrubesch ist die Leitfigur und das bekannteste Gesicht der deutschen Mannschaft bei der U21-EM.

Ulrich Hartmann

Die Kreisstadt Uelzen in der Lüneburger Heide besitzt zwei außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten: den Hundertwasser-Bahnhof und Horst Hrubesch. Manchmal kann man beide sogar gleichzeitig besichtigen. Dann sitzt Hrubesch im skurrilen Bahnhofscafé und frühstückt oder redet über Fußball. So wie in der vergangenen Woche, kurz bevor er von diesem Montag an die deutschen Nachwuchsfußballer bei der U21-EM in Schweden als Bundestrainer anleitet.

Horst Hrubesch bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Spanien.

(Foto: Foto: dpa)

Hrubesch mag den bunten Bahnhof, der ein bisschen aussieht wie eine Kinderzeichnung. Er verabredet sich dort auch gerne zum Interview. Im Café beugt sich dann ein Mann vom Nebentisch herüber. "Sind Sie Horst Hrubesch?", fragt er. "Bin ich", antwortet Hrubesch und erzählt danach weiter über die Stärken seiner Nachwuchsfußballer.

Zwanzig Minuten später beugt sich der Mann noch einmal herüber. "Waren Sie in der vierundsiebziger Weltmeistermannschaft?" Da schüttelt Hrubesch energisch den Kopf. "Nee", sagt er, "nee." Zu solchen Verdiensten hat es nicht gereicht. Sonst hätten sie in Uelzen womöglich den ausgebildeten Fliesenleger und Dachdecker Hrubesch den Bahnhof umgestalten lassen - und nicht Friedensreich Hundertwasser.

Horst Hrubesch war berühmt für seine Kopfbälle, aber er weist gerne darauf hin, dass er auch andere Fertigkeiten besaß. "90 meiner 136 Bundesligatore habe ich mit dem Fuß erzielt", sagt er. 1980 machte er Deutschland zum Europameister. Das 1:0 im Finale gegen Belgien erzielte er mit dem Fuß, das 2:1-Siegtor mit dem Kopf. Als Fußballer war Hrubesch ein Held, als Trainer nicht. Der gebürtige Westfale glänzte weder in Essen, Rostock und Dresden noch in Innsbruck und Samsun und seit 2000 zunächst auch nicht beim Deutschen Fußballbund (DFB) als Trainer der A2, Assistent von Erich Ribbeck oder Juniorentrainer. Aber dann: 2008 wurde Hrubesch mit der U19 in Tschechien Europameister. Mit dem ersten Titel eines DFB-Nachwuchsteams nach 16 Jahren empfahl er sich für das Prestigeprojekt in Schweden.

Er übernimmt die U21 nur für dieses eine Turnier. "Horst Hrubesch ist offen für neue Maßnahmen", sagt DFB-Sportdirektor Matthias Sammer lobend und deutet damit an, warum der langjährige U21-Trainer Dieter Eilts im Herbst gehen musste. Ein Tor in der 90. Minute in Frankreich hatte der U21 zwar das Last-Minute-Ticket zur EM gebracht, aber Eilts' DFB-Karriere war an jenem Abend trotzdem zu Ende. Die Spieler hatten sich nie zu Höchstleistungen aufraffen können. Dies ist nun Hrubeschs große Herausforderung. "Jeder einzelne Spieler muss jetzt aus seinem Schneckenhaus herauskommen", sagt er, "das Team braucht Dynamik." Erste Gelegenheit dazu besteht an diesem Montag gegen Spanien (20.45 Uhr, live im ZDF).

Hrubesch kennt sich aus mit Charakterbildung. Er ist Vorsitzender der "Interessengemeinschaft Edelbluthaflinger" und hat fünf dieser Pferde daheim im Stall. Er lebt mit seiner Frau auf einem umgebauten Hof bei Uelzen und genießt die Abgeschiedenheit. Bei den Hrubeschs kann man sogar eine Ferienwohnung mieten, aber wer das bloß deshalb tut, um den als Kopfballungeheuer in die Fußballgeschichte eingegangenen 58-Jährigen zu treffen, hat schlechte Karten.

Zwei Drittel des Jahres ist Hrubesch als Nachwuchstrainer unterwegs und macht mit dem Auto "70.000 Kilometer jedes Jahr". Dieses Jahr ist für ihn das spannendeste seit langem, denn im September fährt er mit der ihm eigentlich anvertrauten U20 auch noch zur WM nach Ägypten. "Auch dort sind wir nicht chancenlos", sagt er. Bei beiden Turnieren nennt er den Titel als Ziel. Mit weniger gibt er sich nicht zufrieden.

Horst Hrubesch hat sich noch nie mit wenig zufrieden gegeben, auch nicht, als er sich in den siebziger Jahren für das Angeln zu interessieren begann und aus seinen persönlichen Recherchen gleich ein Buch gemacht hat. Heute erscheint über ihn kein Zeitungsartikel mehr, in dem nicht schon im ersten Absatz sein längst ausverkauftes Standardwerk "Dorschangeln vom Boot und an den Küsten" aus dem Jahr 1980 erwähnt wird. Solche Anekdoten sind immer lustig. Hrubesch und seine Dorsche und die Haflinger machen die deutsche U21 in Schweden über ihre vielen namhaften Bundesligaspieler hinaus noch ein Stückchen lebendiger.

Nachdem Hrubesch bei den beiden entscheidenden Qualifikationsspielen gegen Frankreich bereits als Assistenztrainer neben Eilts auf der Bank gesessen hatte, sagte der Torwart Manuel Neuer: "Horst Hrubesch bringt Leben rein." Auch deshalb haben sie beim DFB schließlich Hrubesch für Eilts eingesetzt. Wenn im Juli dann der Stuttgarter Rainer Adrion die U21 übernimmt, kehrt Hrubesch zur U20 zurück. Bis zu seiner nächsten großen Aufgabe im September in Ägypten kann man ihn dann sicher mal wieder im Hundertwasserbahnhof in Uelzen besichtigen. Vielleicht frühstückt dort ja dann ein frisch gekürter Europameistertrainer.

© SZ vom 15.06.2009/jüsc
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