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Horst Hrubesch:Der Vier-Tage-Trainer

Horst Hrubesch, führte 2016 als Trainer eine deutsche Elf ins Olympia-Finale.

(Foto: Odd Andersen/AFP)
  • Horst Hrubesch folgt interimsweise als Trainer der Frauenfußball-Nationalmannschaft auf die entlassene Steffi Jones.
  • Es dauert sehr lange, bis man alle Funktionen aufgezählt hat, die Hrubesch im DFB schon versehen hat.
  • Nach zwei Spielen Anfang April soll Hrubeschs Amtszeit wieder enden.

Von Philipp Selldorf

Als Jonathan Tah vor einigen Jahren mit der Hamburger Landesauswahl beim DFB-Sichtungsturnier in Duisburg-Wedau spielte und es nicht besonders gut lief für die jungen Hanseaten, trat auf einmal dieser ältere, etwas vierschrötig wirkende Herr an sie heran. Sie wussten nicht, wer der Mann war, der ihnen da, wie Tah erzählt, "eine richtige Ansage machte" - aber sie stellten fest, dass sie danach gleich viel besser spielten. Jahre später dann bekam Tah, inzwischen Profi bei Bayer Leverkusen, die Gelegenheit, den fremden Herren aus der Nähe kennenzulernen, er war sein Trainer in der U-21-Nationalmannschaft, und Tah fand heraus, warum damals die Beschimpfungen sofort Wirkung zeigten: "Weil Horst Hrubesch einfach so eine große Ausstrahlung besitzt."

Es gibt sehr viele solcher Geschichten über Horst Hrubesch, der, wenn man seinen zahlreichen Lobrednern folgt, zu den besonders faszinierenden Persönlichkeiten im deutschen Fußball zählt. Das Gute ist, dass Hrubesch, 66, sein Charisma seit vielen Jahren in den öffentlichen Dienst zu stellen pflegt und dem Deutschen Fußball-Bund in wechselnden Funktionen immer wieder aufs Neue aus der Verlegenheit hilft.

Hrubesch feiert gegen Tschechien Premiere

Der jüngste Coup ist nun, dass Hrubesch als Nachfolger der entlassenen Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft einspringt. Aus gegebenem Anlass ließe sich also kalauern, dass aus dem Mann für alle Fälle das Mädchen für Alles geworden ist. Hrubesch erklärte in dem fälligen Statement des Verbandes, was er bei diesen Gelegenheiten immer erklärt: "Ich helfe in dieser Phase gern." Er habe den Frauenfußball im Laufe der vergangenen Jahre verfolgt und sei auch bei der unerfreulich verlaufenen Europameisterschaft im vorigen Sommer zugegen gewesen.

Es dauert sehr lang, bis man alle Funktionen aufgezählt hat, die Hrubesch im DFB schon versehen hat. Neben seiner Tätigkeit als Trainer diverser Junioren-Mannschaften, denen er mit seinen speziellen Methoden in verlässlicher Häufigkeit zum Titelgewinn bei den großen Länderturnieren verhalf, trat er in krisenhaften Situationen immer wieder als Retter aus der Not in Erscheinung. Das begann damit, dass Hrubesch kurz vor der EM 2000 an die Stelle des Bundestrainer-Assistenten Uli Stielike trat, als dieser sich mit seinem Chef Erich Ribbeck verkracht hatte.

Selbst Hrubesch war aber nicht in der Lage, die verpfuschte Lage in der Nationalmannschaft zu korrigieren.

Die Goldmedaille zum Abschluss blieb Hrubesch verwehrt

In späteren Zeiten herrschte unter den so unterschiedlichen DFB-Sportdirektoren Matthias Sammer, Robin Dutt und Hansi Flick zumindest in einer Frage immer Einigkeit: Dass jedes Mittel recht sein müsste, um Hrubesch für die Nachwuchsarbeit im DFB zu erhalten. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio steuerte er auf einen weiteren vermeintlich letzten Höhepunkt der Laufbahn zu, und wenn es am Ende auch nicht die Goldmedaille war, so war es doch wieder sein Verdienst, dass sich auch mit Silber alle Spieler als Sieger fühlten. "Alle waren sich einig, dass wir für den Trainer spielen, und jeder ist für den Trainer gelaufen, weil ihm jeder zum Abschied eine Medaille schenken wollte", erzählte Max Meyer, der Olympia-Kapitän.

Zuletzt hatte sich Hrubesch als Sportdirektor nützlich gemacht, nachdem Hansi Flick im Januar 2017 recht plötzlich dem DFB auf Wiedersehen gesagt hatte, vorübergehend gehörte er dadurch als "Vertreter der sportlichen Leitung" dem Präsidium des Verbandes an und übte Stimmrecht aus. Hrubesch als Funktionär im Sitzungssaal, das schien der finale Karrieresprung zu sein. Nach der Strukturreform setzte er seine Arbeit als Berater des neuen Sportgeneraldirektoren Oliver Bierhoff fort. Nun erweitert Hrubesch das Spektrum seiner Tätigkeiten, indem er die Frauen-Nationalelf trainiert.

Am 7. April feiert er in Halle/Saale gegen Tschechien Premiere, drei Tage später steht ein Einsatz in Slowenien an. Damit soll die Amtszeit der Zwischenlösung enden, und irgendwann in nächster Zeit will Hrubesch nach eigener Aussage tatsächlich in den Ruhestand eintreten, um seiner Frau endlich die Zeit zu widmen, die ihr der DFB all die Jahre gestohlen hat. Aber wer weiß, ob nicht plötzlich wieder ein wichtiges Amt an der Otto-Fleck-Schneise zu besetzen ist?

© SZ vom 14.03.2018/chge
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