Beleidigungen gegen Dietmar Hopp:Kurz vor der finalen Eskalationsstufe

29.02.2020, xtvx, Fussball 1.Bundesliga, TSG 1899 Hoffenheim - FC Bayern Muenchen emspor, v.l. Bayern Fans mit Transpare; FC Bayern Hoffenheim Hopp

Die Bayern-Spieler versuchen, angeführt von Ersatztorwart Sven Ulreich, mit den Fans zu reden.

(Foto: imago images/Jan Huebner)
  • Nichtangriffspakt statt Fußball: Das groteske Schauspiel von Sinsheim steht stellvertretend für eine Debatte, die die Liga dramatisch beschäftigt.
  • Schmähungen gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp führen am Wochenende in drei anderen Stadien zu Unterbrechungen.

Von Martin Schneider, Sinsheim

Die Fehlpässe auf Sebastian Rudy dürfte Joshua Kimmich nun in seiner Statistik stehen haben, es hilft ja nichts. Mehrmals passte er den Ball zu dem inzwischen für Hoffenheim spielenden Ex-Kollegen hinüber, und vermutlich hat er sich jetzt auch seinen Schnitt als einer der lauffreudigsten Bundesligaspieler verdorben. Dafür hat Thiago nun ein paar Ballgewinne mehr im Klassenbuch stehen, und möglicherweise hat auch irgendwer den formschönen Hackentrick vermerkt, den Benjamin Pavard auf Corentin Tolisso spielte. Wahrscheinlich werden die letzten 13 Minuten dieses grotesken Bundesligaspiels später auch mal in einem Almanach oder einer Datenbank stehen, unter der Rekordrubrik "längste Zeit ohne eine Ballberührung bei einem Bundesligaspiel".

Und weil heutzutage ja alles erfasst wird, werden diese 13 Minuten am Ende auch die Minuten mit den wenigsten Laufkilometern, mit den wenigsten Sprints, mit den wenigsten Zweikämpfen - kurz: mit dem wenigsten Fußball sein.

Die Bundesliga hat in ihrer langen Geschichte schon vieles erlebt, aber so etwas wie am Samstag im Regen von Sinsheim beim Spiel der TSG Hoffenheim gegen den FC Bayern gab es noch nie: Ein Nichtangriffspakt aus Protest gegen Fan-Aktionen - das ist eine Form der Reaktion, die neu und heftig ist und die eine Debatte ausgelöst hat, die ebenfalls immer heftiger wird. Eine Debatte, die quer durch die Liga Nachahmer findet, wie am selben Wochenende in Dortmund, Köln und Berlin-Köpenick zu sehen war. Und die Spieler, die diese Protestform wählen, kommen in dieser Geschichte oftmals nur am Rande vor.

Eine kurze Chronologie der Ereignisse aus Sinsheim: Einige Fans des FC Bayern hatten in der zweiten Halbzeit nacheinander zwei Plakate hochgehalten, auf denen sie Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp als "Hurensohn" beleidigten. Beim ersten Mal unterbrach Schiedsrichter Christian Dingert die Partie, die Spieler David Alaba und Joshua Kimmich und die Trainer Hansi Flick und Hermann Gerland sprinteten in die Kurve und versuchten den Fans wild gestikulierend klarzumachen, dass man so etwas nicht macht - zumal man nebenbei gerade 6:0 führte und ein Spielabbruch nicht sehr hilfreich wäre. Beim Auftauchen des zweiten Plakats schickte Dingert die Teams dann einem Drei-Stufen-Plan des DFB folgend in die Kabine. Und dort entstand offenbar in einer Diskussion zwischen den Kapitänen Manuel Neuer und Benjamin Hübner der Plan, die verbleibenden 13 Minuten zu Ende zu spielen, ohne sie zu Ende zu spielen, der Spielstand war bei der Lösungsfindung vermutlich förderlich. Die letzte Stufe des Drei-Stufen-Plans sieht übrigens den Spielabbruch vor.

Die Debatte hat längst etwas Fundamentales angenommen

Um zu verstehen, wie es zum Nichtangriffspakt von Hoffenheim kam, muss man wissen, dass es schon lange nicht mehr alleine um zwei Plakate von Bayern-Fans geht. Auch bei den Wochenend-Partien Borussia Dortmund gegen den SC Freiburg, 1. FC Köln gegen Schalke 04 und Union Berlin gegen den VfL Wolfsburg gab es Proteste gegen Hopp sowie Spiel-Unterbrechungen. In Dortmund hatte Schiedsrichter Robert Hartmann nach Schmähgesängen gegen Hopp das Spiel unterbrochen und eine Durchsage veranlasst: Hartmann drohte mit Abbruch. In Köln zeigten FC-Fans ein offenbar gegen Hopp gerichtetes Banner ("Wegen einem Hurensohn euer Versprechen gebrochen"), Kölns Spieler, Trainer Markus Gisdol und Sportchef Horst Heldt schafften es dann aber, dass das Banner entfernt und das Spiel fortgesetzt wurde. Und die Sonntagspartie Union gegen Wolfsburg war wie das Spiel des FC Bayern in Hoffenheim gleich zweimal unterbrochen, die Teams standen kurz vor der Halbzeit minutenlang im Kabinengang. Nach einer ersten Unterbrechung in der 33. Minute war im Union-Block in der 45. Minute ein Plakat mit der Aufschrift "Hurensohn" und das Konterfei von Hopp im Fadenkreuz zu sehen.

Die Debatte hat längst etwas Fundamentales angenommen, und es geht, verkürzt gesagt, mehr oder weniger darum, wer die Deutungshoheit darüber hat, was im Stadion geht - und was nicht.

Dietmar Hopp war schon einmal das Symbol Nummer eins eines Kulturkampfes zwischen organisierten Fans und den - aus ihrer Sicht - abzulehnenden Vertretern des modernen Fußballs. Als Hopp die TSG Hoffenheim - seinen Heimat- und Jugendklub - mit seinen Privatmillionen in die Bundesliga führte, protestierten zahlreiche Fankurven gegen das aus ihrer Sicht als "Plastikklub" zu bezeichnende Konstrukt, das anderen, mitgliedergeführten (Traditions-)Vereinen den Platz wegnehme; so die damals gängige Argumentation.

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