Süddeutsche Zeitung

Fußball in Frankreich:Homophob - oder einfach bloß dumm?

  • Homophobie auf den Rängen wird zum Problem in Frankreichs Fußball.
  • Zahlreiche Fußballspiele wurden bereits unterbrochen, kürzlich auch die Partie OGC Nizza gegen Olympique Marseille.
  • Auch Antoine Griezmann meldet sich zu Wort.

Die größte Aufregung gab es um die Partie OGC Nizza gegen Olympique Marseille. Die Heimfans sangen "Die Marseiller sind Schwuchteln", was sich auf Französisch auch noch reimt, sowie einiges mehr. Dazu rollten sie auf der Tribüne Banner mit homophoben Beschimpfungen aus. In der 28. Minute unterbrach der Schiedsrichter die Begegnung deshalb und schickte die Spieler in die Kabine. Zuvor hatte er über den Stadionsprecher zwei Vorwarnungen an die Fans von Nizza richten lassen. Zwölf Minuten dauerte es, bis die Banner verschwunden und die diskriminierenden Gesänge verstummt waren. Das Spiel konnte weitergehen.

Das war Ende August, und es ist nicht die einzige Spielunterbrechung wegen schwulenfeindlicher Fans in Frankreich: In der noch jungen Saison wurden schon sieben Spiele der ersten und zweiten Liga ausgesetzt. Auch in der deutschen Bundesliga treten homophobe Einstellungen immer wieder offen zutage - etwa, wenn Dortmund-Fans beim Revierderby Schalker Anhänger auf Bannern als Schwuchteln beschimpfen. Große Debatten darum bleiben bisher aber meist aus. Anders in Frankreich. Dort tobt seit dieser Woche ein heftiger Streit, in dem sich der Fußballverband FFF und die Profifußballiga LFP gegenüberstehen.

Es geht im Allgemeinen um die Frage, wie viel Homophobie im Fußball, so traurig das klingt, toleriert werden soll. Und im Besonderen darum, ob die seit Jahrzehnten als Fan-Folklore hingenommenen Ausfälle gegen Homosexuelle Spielunterbrechungen rechtfertigen. Ausgerechnet FFF-Präsident Noël Le Graët, findet: nein. Die Sanktionen, die von der Liga auf Grundlage von Uefa-Empfehlungen neuerdings strikt angewendet werden, hält er für überzogen.

Im Schwulenmagazin gibt Antoine Griezmann ein Versprechen ab

"Die Unterbrechung von Spielen interessiert mich nicht. Sie ist ein Fehler", sagte Le Graët Anfang der Woche - und verstieg sich dann noch zu der Wertung, rassistische Fangesänge seien schlimmer als homophobe Schmähungen. Gegen Rassismus hält der Verbandschef Spielunterbrechungen als erzieherische Maßnahme durchaus für angemessen.

Nicht zuletzt diese Differenzierung löste einen Sturm der Entrüstung aus. Der Verbandsboss sieht sich nun mit Rücktrittsforderungen und dem Vorwurf konfrontiert, er verharmlose Schwulenfeindlichkeit. Viele diskutieren mit: Homosexuellen-Verbände, Fanclubs, Nationaltrainer Didier Deschamps, Sportministerin Roxana Maracineanu und sogar Staatspräsident Emmanuel Macron.

Dessen Regierung hat den Kampf gegen Homophobie zur Priorität erhoben. Sie will härter durchgreifen, wenn Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder attackiert werden. Dass Frankreichs Profiliga jetzt schärfer auf verbreitete Schwulenfeindlichkeit in Stadien reagiert, passt gut in dieses gesellschaftspolitische Bild. Prominente Spieler wie Marseilles Torwart Steve Mandanda unterstützen diesen Kurs. Antoine Griezmann - der allerdings in der spanischen Liga beim FC Barcelona spielt - möchte sogar von sich aus auf Abfälligkeiten gegen Schwule reagieren: "Homophobie ist keine Meinung, sondern ein Vergehen. Wenn sich einer auf dem Platz schwulenfeindlich äußert, werde ich künftig mit dem Spielen aufhören", versprach Griezmann im Mai dem Schwulenmagazin Têtu.

Le Graët und einige Fan-Vereinigungen dagegen sehen das alles nicht so streng. Der 77-jährige FFF-Chef fürchtet die Stigmatisierung seines Sports: "Zu sagen, dass Fußball homophob ist und das einzige Symbol für Homophobie in Frankreich sein könnte, das akzeptiere ich nicht", sagt Le Graët. Auch er verurteile natürlich die Diskriminierung von Schwulen und Lesben ebenso wie Rassismus, versucht er eine Klarstellung. Vieles, was da auf den Tribünen zu hören sei, sei aber gar nicht diskriminierend gemeint, sondern einfach nur Dummheit, sagt Le Graët. "Es gibt wichtigere politische Fragen."

Der FFF-Chef witzelte über die Ministerin - die kontert nun

Zusätzliche Brisanz erhält die Sache durch eine persönliche Fehde: Vor ein paar Monaten hatte sich Le Graët über Sportministerin Maracineanu mokiert, weil sie sich entsetzt gezeigt hatte über schwulenfeindliche Gesänge im Stadion. Maracineanu, eine Ex-Schwimmweltmeisterin, sei so etwas aus Schwimmbädern eben nicht gewohnt, ätzte Le Graët damals. Jetzt kontert sie. Le Graëts Position sei schlicht "falsch" und zeuge von "mangelhafter Vorbereitung", so die Ministerin. Im Klartext: Le Graët sei nicht auf der Höhe der Zeit.

Zwar entschärften beide den Streit am Mittwoch ein wenig, indem sie sich zu einer gemeinsamen Erklärung durchrangen. Darin heißt es, beide wünschten ein "ebenso entschlossenes wie angemessenes und pragmatisches Vorgehen" gegen Homophobie. Im Übrigen vertrauten sie aber "auf die Umsicht der Schiedsrichter". Ähnlich schwammig bleibt Macron: "Die Hassparolen, seien sie rassistisch oder homophob, müssen ein Ende haben." Er sei "aber auch nicht naiv", sagt der Staatschef, und wisse, dass ein wenig Hitzköpfigkeit dazugehöre. Es sei an den Vereinen, auf die Fans einzuwirken. Die heiße Kartoffel wird also an die Klubs weitergereicht. Und an die Schiedsrichter, auf denen die Entscheidung über Spielunterbrechungen lastet.

Die Profifußballliga LFP organisierte diese Woche unterdessen schon ein Krisentreffen zwischen Klubverantwortlichen, Fangruppen und Vertretern von Vereinen, die sich gegen Diskriminierung engagieren. Die Fan-Sprecher ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen: Auch sie fühlten sich diskriminiert, klagten sie. Etwa, wenn pauschal ganze Tribünen gesperrt werden, weil einige Feuerwerk abgebrannt haben. Oder etwas Falsches gesungen haben.

Am Wochenende steht der nächste Spieltag an.

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Quelle:
SZ vom 13.09.2019/ebc
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