Holger Badstuber beim FC Bayern:Es knarzt noch im Gelenk

FC Bayern Munchen v Olympiacos FC - UEFA Champions League

Holger Badstuber: Muss wieder warm werden mit sich und dem Fußball

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Aus dem Stadion von Jonas Beckenkamp

Das Wunderbare an Statistiken ist ja, dass sie dann doch nicht die ganze Wahrheit über ein Fußballspiel erzählen. Natürlich werden mittlerweile alle Kleinigkeiten des Geschehens in Zahlen erfasst und jede Ballberührung eines Spielers mitgezählt. Bei Holger Badstuber trat nach dem 4:0 gegen Olympiakos Piräus eine Zahlenkombination zu Tage, die auf einen Auftritt voller Präzision schließen ließ.

98 Prozent angekommene Pässe, fünf von fünf angekommene Zuspiele in die Ferne, insgesamt nur ein einziger Ball, der nicht dort landete, wo er hinsollte: beim Mitspieler. Alles tiptop also bei dem Mann, der erstmals seit April dieses Jahres (dem Rückspiel des Champions-League-Viertelfinals gegen Porto) wieder in der Anfangself gestanden hatte? Naja. Auf dem Papier vielleicht. Was die Statistiker nicht erfassten: Es war bei weitem nicht alles gut gegangen an diesem Abend für den Rückkehrer Badstuber.

53 Minuten lang hatten ihn seine Kollegen mit auffälliger Zuneigung im Aufbauspiel bedacht. Fast wirkte es so, als wollten sie ihm auf die Sprünge helfen: Da hast du den Ball, spiel dich ein bisschen warm. Das Problem: Badstuber wurde nicht warm mit diesem Spiel. Viele seiner Bewegungen offenbarten noch jene Staksigkeit, die mit so einer Verletzungshistorie schlichtweg normal sind. Da dauerte schon mal eine Drehung zu lang - oder es knarzte bei der Ballannahme. Fakt ist jedoch auch: Dass der Linksfuß ein feiner Stratege mit reichlich Gefühl im Gebein ist, schätzen sie beim FC Bayern.

Guardiola gilt als Badstuber-Ultra

Aber dazu muss er nach seinem Muskelsehnenriss im linken Oberschenkel erst mal wieder die Gelenke ölen. Das Vertrauen in den eigenen Körper gibt es eben nicht per Rezept vom Arzt. Dass die endgültige Genesung Badstubers Zeit braucht, räumte auch Matthias Sammer ein: "Ihm fehlt noch ein ganzes Stück, das ist klar", sagte der Münchner Sportvorstand, "aber wir sind unglaublich glücklich, wie er sich jetzt schon präsentiert." Ihren Dauerpatienten wollen die Bayern langsam wieder heranführen, damit sie ihn gegebenenfalls im Ernstfall bei voller Gesundheit zur Verfügung haben.

Trainer Pep Guardiola gilt als erklärter Badstuber-Ultra, er verwendete einige seiner träumerischsten Schwärmereien für den Abwehrmann ("Er ist der beste Spieler, den ich je hatte"). Diesmal musste er 53 Minuten lang zusehen, wie sein Liebling noch seiner Form nachspürte. Exemplarisch für diese Suche war die Szene, die letztlich zur Roten Karte für den gebürtigen Memminger führte. Ein langer Ball zwang Badstuber in ein Sprintduell mit Olympiakos-Wuchtbrumme Ideye Brown. Und wenn es eines gibt, was Badstuber gerade nicht gebrauchen kann, dann sind es solche Geschwindigkeitsvergleiche.

Der Nigerianer nahm dem Münchner deutlich sichtbar ein paar Meter ab, es folgte ein leichter Kontakt mit dem Oberkörper und schließlich der Platzverweis. Klassischer Fall von "kann man geben". Auch, wenn Sammer das natürlich anders sah: "Ich muss klar sagen: Das war keine Rote Karte. Ich hab' mir das genau angeschaut. Es war 'ne Schwalbe." Etwas pragmatischer formulierte es Guardiola: "Schade für ihn, aber das ist egal. Wir hoffen, dass er im Achtelfinale wieder dabei ist." Weitere Praxistests kann der Coach mit Badstuber fürs Erste nur in der Bundesliga durchführen - vielleicht schon am Samstag gegen Hertha BSC.

Guardiola wird sich genau überlegen, wen er langfristig als Kompagnon von Jérôme Boateng in der Innenverteidigung installiert. Auffällig war diesmal etwa, dass Badstubers Hang zum weiten Ball mitunter Boatengs Spielweise zu ähnlich ist. Deshalb könnte die Variante mit Javi Martínez als umtriebigem Aufräumer fürs erste der Eins-A-Plan bleiben. Die ganze Wahrheit zeigt sich ohnehin erst, wenn im Februar wieder ernsthafte Gegner kommen.

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