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Hoffenheim:Vorne Tore, hinten Eigentore

Sichert mit dem späten Ausgleich zumindest den Status der TSG als hochgelobter Emporkömmling: Joelinton.

(Foto: Daniel Roland/AFP)

Die TSG zeigt weiter ihr kurioses Muster: Beim 3:3 gegen Lyon glänzt die Elf in der Offensive und patzt in der Defensive.

Nach dem Spektakel wirkte Bruno Génésio entspannt wie nach einem Mittagsschlaf. Nicht mal das Ausgleichstor zum 3:3 für die TSG Hoffenheim in der Nachspielzeit durch den eingewechselten Joelinton schien den Trainer von Olympique Lyon zu nerven. Der Blick auf die Tabelle in der Champions-League-Gruppe F beruhigte den 52-Jährigen. "Wir haben das Schicksal weiter in der eigenen Hand, deswegen ist es ein gutes Ergebnis", meinte Génésio. Manchester City führt mit sechs Punkten, Lyon folgt mit fünf, Hoffenheim und Schachtjor Donezk stehen mit je zwei Zählern unter Zugzwang. Nur die ersten beiden der Gruppe kommen weiter.

Es gab weitere gute Gründe, warum Génésio sich nicht zu sehr über die verpasste Siegchance ärgerte, auch er wertete das Remis als "gerecht". Außerdem kann er im Heimspiel in zwei Wochen gegen den Königsklassen-Neuling aus Deutschland wohl wieder auf Weltmeister Nabil Fekir zurückgreifen. Lyons bester Offensivspieler fehlte in Hoffenheim verletzt. Mit Fekir bekommt Lyons Spiel noch mehr Spielwitz, noch mehr Wucht und noch mehr Torgefahr, als es zeitweise schon am Dienstagabend hatte. Génésio sagt: "Wir sind kein Team, das fürs Verteidigen geschaffen ist, wir sind eine Mannschaft, die spielen will." Und weil das auch für Hoffenheim gilt, erlebten die Zuschauer ein grandioses Spiel mit wechselnden Führungen, atemberaubendem Tempo und: bemerkenswerten Fehlleistungen. Vor allem die Defensivspieler der TSG patzten krass. "Das waren drei Eigentore", haderte Flügelspieler Pavel Kaderabek. Beim 0:1 geriet ein Rückpass von Kevin Vogt auf Torwart Oliver Baumann zu kurz, und Bertrand Traoré nutzte diesen Fauxpas zur Führung (27.).

Beim 2:2 durch Tanguy Ndombele (59.) ließ Ermin Bicakcic den Torschützen laufen und Torwart Baumann den Ball dann ins kurze Eck durch. Und beim 2:3 des niederländischen Nationalspielers Memphis Depay (67.) verschätzte sich Kevin Akpoguma nach einem langen Ball mit einer "kurzen körperlichen Instabilität", wie Trainer Julian Nagelsmann trocken erläuterte. Akpoguma konstatierte, es sei ein "amüsantes" Spiel gewesen. Die entscheidenden Missgeschicke aber wollte der Verteidiger ebenso wenig wie sein Trainer mit mangelnder internationaler Erfahrung erklären. "Solche Fehler darf man nicht machen, ob in der Champions League, der Bundesliga oder der dritten Liga, keine Ahnung", sagte der 23-Jährige.

Die Hoffenheimer machten erneut eine zwiespältige Erfahrung auf der Bühne der Besten: Die Elf spielte zum dritten Mal stark, das Ergebnis wirkte aber zum dritten Mal unbefriedigend. In Donezk hatte die TSG spät den 2:2-Ausgleich kassiert, gegen Manchester City nach einem Fehler erst kurz vor dem Abpfiff das 1:2 gefangen - und gegen Lyon kosteten Unzulänglichkeiten vorne wie hinten den Sieg. Und das, obwohl der häufig zwischen Genie und Wahnsinn pendelnde Andrej Kramaric diesmal zwei Tore erzielte (33., 47.).

Wie in der Liga, so fehlt dieser aufregenden Mannschaft mit diesem erstaunlichen Trainer auch in der Champions-League-Kampagne jene klinische Kälte in Abschluss und Verteidigung, die absolute Spitzenmannschaften auszeichnet. So verharren die Hoffenheimer weiter im Status des hochgelobten Emporkömmlings. Doch aus diesem will vor allem einer ausbrechen: Julian Nagelsmann. Der Trainer schaltete gleich nach dem Abpfiff in den Angriffsmodus, trotzig sagte er: "Wir waren die bessere Mannschaft. Ich werde die Jungs so vorbereiten, dass wir das auch im Rückspiel sein können." Lob über gute Leistungen mag der 31-Jährige nicht mehr hören, das nervte ihn nach drei bitteren 1:2-Heimpleiten in Serie vor der Länderspielpause genug: "Ich kann nicht verlieren, ich will nicht verlieren, ich will es auch gar nicht lernen." Die mangelnden Alternativen wegen der vielen Verletzungen hätten ihn gehemmt, früh und mutig auszuwechseln, wie er es bevorzuge, erklärte er. Nun aber kehre er wieder zu seinem Cojones-Modell zurück. "Cojones" sei spanisch und heiße "Eier", übersetzte Nagelsmann angriffslustig. "Drei Tore sollten normalerweise reichen, mit der Offensive bin ich zufrieden, weil wir herausragenden Fußball gespielt haben", sagte der Trainer.

Nagelsmann will nicht mehr lange darüber diskutieren, warum seine Elf notorisch vorne viele Chancen vergibt und hinten viele Fehler macht, der Trainer fordert: "Wir sollten nicht so viel darüber sprechen, sondern es einfach machen." Joelintons später Ausgleich hat die TSG einstweilen im Wettbewerb gehalten. Viele Chancen weiterzukommen bleiben den Badenern nicht mehr, Torwart Baumann weiß: "In Lyon muss der erste Sieg in der Champions League her."