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Hoffenheim:Vom Zauderer zum Zupacker

Zieht das Hoffenheimer Mittelfeldspiel kraftvoll an sich: der Österreicher Florian Grillitsch (in blau).

(Foto: Daniel Roland/AFP)

Beim vorentscheidenden Champions-League-Spiel in Lyon fällt Florian Grillitsch eine zentrale Rolle bei der TSG Hoffenheim zu.

Irgendwann hat sich Florian Grillitsch vorgenommen, nicht mehr "in Schönheit sterben" zu wollen. Das hat der eher stille Typ selbst einmal so gesagt, nachdem er im Sommer 2017 von Werder Bremen zur TSG Hoffenheim gewechselt war. Ein filigraner Techniker, der das schöne Spiel liebt, das war er. Das schöne Spiel liebt auch Julian Nagelsmann, aber noch mehr liebt der Trainer der TSG den Erfolg. Nach ein paar Wochen nahm Nagelsmann also Grillitsch beiseite und erklärte ihm, dass er ohne Wettkampfhärte nur schwer einen Platz in der ersten Elf finden werde: "Er musste am Anfang ein bisschen geweckt werden, dass er nicht nur sauber kickt, sondern auch ein bisschen arbeiten muss", sagte Nagelsmann damals, und Grillitsch gibt in der Rückschau zu: "Julian hatte recht. Man muss nicht nur mit Ball, sondern auch gegen den Ball arbeiten."

Knapp 14 Monate ist das her. Aus dem 1,87 Meter großen, schlaksigen Zehner ist längst einer der auffälligsten Sechser der Bundesliga geworden, aus einem Zauderer ein Zupacker, der seine spielerische Klasse mit noch mehr Selbstvertrauen ausspielt. Ist Grillitsch fit, gehört er zu jenen, die gesetzt sind in Hoffenheims erster Elf.

Nagelsmann hat in den vergangenen Wochen aufgrund der Belastung seine Startformation immer wieder verändert. Aber wenn die TSG an diesem Mittwoch zum entscheidenden Spiel um das Weiterkommen in der Champions League bei Olympique Lyon antritt, bietet er seine beste Formation auf. Grillitsch ist dabei einer der großen Hoffnungsträger.

Die Begegnung in Lyon ist wie ein erstes Finale der Saison für die Hoffenheimer. Sie belegen nach drei Spieltagen - drei Punkte hinter Lyon und vier hinter Manchester City - Platz drei in der Gruppe, Schachtjor Donezk ist mit nur einem Punkt Tabellenletzter. Sieht man von der 0:2-Pokalpleite in Leipzig ab, reist Hoffenheim mit dem Rückenwind von drei Bundesligasiegen in Serie nach Frankreich. Im Hinspiel lieferten sich die beiden Teams beim 3:3 im Kraichgau einen tollen Schlagabtausch, nun wird die ohnehin spielstarke Offensive von Olympique Lyon im Heimspiel von Weltmeister Nabil Fekir verstärkt, der in Hoffenheim noch gefehlt hatte.

Kontersicherung wird eine der Hauptaufgaben von Florian Grillitsch in der Mittelfeldzentrale sein. Dass er auch diese Facette beherrscht, hat der Österreicher oft bewiesen. Er kann ein Spiel lesen und ihm seinen Rhythmus aufzwingen - wie beim 2:2 zum Auftakt der Champions-League in Donezk, als Grillitsch als Torschütze und mit einer Passquote von 90 Prozent und 60 Prozent gewonnenen Zweikämpfe als "Man of the Match" ausgezeichnet wurde. "Ich will immer den Ball, da passt die Sechs", sagt Grillitsch, der auch unter Druck ballsicher ist und Lösungen findet.

Wie für viele andere Spieler fand Nagelsmann auch für Grillitsch eine neue Position, die noch besser zu diesem passt. Aus dem Sechser Kevin Vogt hat der Trainer einen spielaufbauenden Innenverteidiger gemacht, aus dem Linksaußen Steven Zuber einen variablen Verteidiger und Achter. In der Mittelfeldzentrale formte er aus dem Zehner Sebastian Rudy in der Vergangenheit einen spielstarken Sechser.

Die Entwicklungen von Rudy, mittlerweile über den FC Bayern in Schalke gelandet, und von Grillitsch sind durchaus vergleichbar. Beide agierten einst als Zehner und Achter oft unentschlossen und mit der Ausstrahlung eines scheuen Rehs. Und beide haben unter dem TSG-Trainer nicht nur an Entschlossenheit im Zweikampf gewonnen, sondern sich auch eine viel selbstbewusstere Körpersprache zugelegt. Den mutigen Nagelsmann zeichnet neben seiner Flexibilität in allen Bereichen vor allem aus, seine Erfolgsbesessenheit auf seine Spieler zu übertragen. Florian Grillitsch sagt: "Ich habe durch Julian einen anderen Blick auf den Fußball gewonnen."

Ablösefrei aus Bremen gekommen und mit einem Vertrag bis 2021 ausgestattet, hat sich der Niederösterreicher nicht nur in der Nationalmannschaft seines Heimatlandes mittlerweile einen festen Platz erspielt. Schon diesen Sommer lockten ihn namhafte Klubs, der AC Mailand zum Beispiel. Nagelsmann prophezeit dem erst 23 Jahre jungen Grillitsch bei anhaltender Entwicklung "eine große Karriere".

Vor einem Jahr hätte dieser Satz noch ziemlich unrealistisch geklungen. Dass er jetzt anders klingt, kann Grillitsch nun in einem sehr wichtigen Spiel untermauern.