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Hoffenheim:Vom Dorf zur Dose

Julian Nagelsmann

Prost: Julian Nagelsmann.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Lahme Ente? Obwohl Julian Nagelsmann 2019 nach zu RB Leipzig wechselt, will Bundesligist Hoffenheim bis dahin am Trainer festhalten. Interessant ist die Frage, wer Leipzig in der Zwischenzeit auf Trab halten soll.

So ziemlich das letzte, was einem zum Trainer Julian Nagelsmann einfällt, ist die Vorstellung, er sei eine lahme Ente. Mit großem Temperament treibt er seit zweieinhalb Jahren die Hoffenheimer Fußballer an, auch die erste Ergebnisdelle seiner Laufbahn in der zurückliegenden Saison konterte er stark: mit Platz drei in der Bundesliga und dem Einzug des Dorfvereins in die Champions League. Den Vergleich mit einer lame duck muss Nagelsmann jetzt trotzdem eine Weile ertragen, denn so bezeichnet die gerne in Schlagworten denkende Branche ja einen Trainer, von dem jeder weiß, dass er bald nicht mehr da ist. In Hoffenheim wissen nun alle, dass Nagelsmann in zwölf Monaten zu RB Leipzig wechselt. Was er sagt, klingt aber eher nach Feuerdrache als nach Lahmerpel: "Ich werde bis zur letzten Stunde für die TSG brennen."

Seit Nagelsmann, damals zarte 27, im Februar 2016 zum Cheftrainer in Hoffenheim aufstieg, gilt er als Ausnahmetalent mit maximal günstiger Karriereprognose. Sein Image: fachlich kompetent, schlau, geprägt von moderner Fußball-Lehre - aber trotzdem nicht so verkopft wie andere Taktikfetischisten, impulsiv und der Sprache der Spieler folgend. Es dauerte nicht lange, da war bereits der FC Bayern als Ziel im Gespräch. Nagelsmann musste dann lernen, dass man sich auf der Bundesliga-Showbühne nicht einfach so in einem knallroten Mantel ins Stadion des möglichen Interessenten setzen sollte, wenn man Gerede vermeiden möchte. Seine dritte Saison in Hoffenheim war überhaupt lehrreich: Plötzlich scheiterte der zuvor mit der TSG auf Liga-Platz vier gesprintete Trainer im Champions-League-Playoff an Liverpool - und in der Europa League an Mittelmaßgegnern wie Braga und Rasgrad. In der Liga lief es eine Zeit lang ebenfalls zäh. Und manchmal sagte Nagelsmann, erkennbar genervt, auch ein paar Dinge, die nicht ganz so durchdacht wirkten wie seine Trainerarbeit.

Aber er hat die Kurve gekriegt, rein in Europas Königsklasse. Und in Leipzig entstand ein sehr spezieller Plan: Obwohl die Rasenballer nach der Trennung von Ralph Hasenhüttl auch sofort einen Trainer benötigen, war Nagelsmann "vom ersten Tag an unsere Wunschlösung für die übernächste Saison", wie der Klub mitteilte. Die Bayern nahmen Abstand davon, Nagelsmann kurzfristig zu holen. Und weil Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp den Trainer unter keinen Umständen schon in diesem Sommer im Inland freigeben wollte, stellten sich auch die interessierten Dortmunder anders auf - mit Lucien Favre. So war die Gasse frei für Leipzig.

Am Donnerstagabend wurde das ungewöhnliche Szenario offiziell. RB-Vorstand Oliver Mintzlaff und Sportdirektor Ralf Rangnick redeten seit geraumer Zeit mit Nagelsmann, nach der Einigung drängte Hoffenheim darauf, den Handel zügig zu verkünden: "Es spricht für den Charakter von Julian, dass er so früh für alle Klarheit geschaffen hat", sagte TSG-Sportdirektor Alexander Rosen. Nagelsmann, der 2019 per Klausel gehen darf (kolportierte Ablöse: fünf Millionen Euro), betonte: "In der Branche wird immer Ehrlichkeit verlangt. Nun wissen alle, woran sie sind."

Pikant ist die Sache trotzdem. Rangnick, einst selbst in Hoffenheim Architekt des Aufstiegs, wirbt damit Dietmar Hopp, zu dem er heute ein Nichtverhältnis hat, den Trainer ab. Und bis zu Nagelsmanns Ankunft könnte Rangnick erneut in Doppelrolle als Übergangscoach einspringen, wie schon beim Leipziger Aufstieg 2016. Am Freitag traf er sich in seinem Ferienhaus auf Mallorca mit Klubchef Mintzlaff, nach dem Coup für 2019 ist nun 2018 zu regeln. Weil der bisherige Co-Trainer Zsolt Löw als Assistent von Thomas Tuchel nach Paris geht, gibt es als Interimstrainer nur noch eine Alternative zu Rangnick: Jesse Marsch vom Schwesterklub RB New York. Dass Nagelsmann sofort nach Sachsen umzieht, gilt als abwegig.

2019 folgt dann die interessante Alphatier-Allianz Rangnick plus Nagelsmann. Während Leipzig damit ein Signal für dauerhaft hohes Anspruchsdenken gibt, sieht sich Hoffenheim nun der Interpretation ausgesetzt, die eigene Zielausrichtung sei zu niedrig für Nagelsmann. Nach den Bayern-Abgängen Wagner, Rudy und Süle verliert die TSG erneut namhafte Spieler (Uth, Gnabry), es kommen aber auch spannende hinzu (Bittencourt, Grifo, Belfodil). Leipzig hat für die Zukunft wohl dennoch die höhere Investitionsbereitschaft.

Aktuell muss sich RB allerdings Gedanken machen, wie der wechselwillige Emil Forsberg zu halten ist - und wer Schlüsselspieler Naby Keita (zu Liverpool) ersetzt. Rangnicks Favorit wäre Amadou Haidara von RB Salzburg, der aber hat bei der anderen Bullen-Filiale gerade verlängert. Und weil Salzburg inzwischen offiziell autonom ist, kann nicht einfach eine Wechselorder erfolgen. Investiert hat Leipzig bisher in zwei Außenverteidiger - wieder zwei 20-jährige Blue Chips: Nordi Mukiele (Frankreich, aus Montpellier) und Marcelo Sarrachi (Uruguay, von River Plate).

Leipzig bleibt bei seinem Mantra, voll auf junge Spieler zu setzen. Auch der Fußballstil des Hauses - Pressing, Speed, mit Tempo in die Tiefe - soll wieder linientreuer gepflegt werden als am Ende bei Hasenhüttl. Nagelsmann passt dazu wie ein Deckel auf die Dose. moritz kielbassa