Bei der TSG Hoffenheim haben sie eine selbstironische Plakataktion aufgelegt. Das Spiel gegen RB Leipzig? „Der Unbeliebtico“. Die Auswärtsfahrt in Heidenheim: „Auf zu den Dorffestspielen“. Und Wolfsburg? Für das Duell gegen einen als ähnlich mindercharismatisch beleumundeten Verein fiel offenbar niemandem ein liebevoller Spott ein – ob das nun ein Kompliment für Wolfsburg ist oder nicht. Dabei hätte man doch passend zu dieser Begegnung, vor der es nur ein Gesprächsthema zu geben schien, ein abgewandeltes Filmplakat zeigen können. Eines, auf dem man Dieter Hecking im weißen Overall sieht, mit einer dieser gerollten Wollmützen, wie sie Bjarne Mädel gerne trägt. Titel: „Der Tatortreiniger“.
Der erfahrene Trainer hat ja gerade mit den Aufräumarbeiten im Wolfsburger Krisengebiet begonnen, in dem Daniel Bauer zuvor in 15 Spielen nur zwölf Zähler geglückt waren. Eine solche Ausbeute schrie in den vergangenen Jahren auch andernorts regelrecht nach dem gelernten Polizisten. Heckings Geschäftsmodell ist es in den vergangenen Jahren jedenfalls geworden, junge (in Nürnberg Robert Klauß) oder experimentierfreudige (in Bochum Peter Zeidler) oder junge, experimentierfreudige Trainer (Bauer) abzulösen und deren Hinterlassenschaften wieder neu zu justieren.
In Sinsheim zeigte sich beim 1:1 seiner Elf, dass Hecking, der 2016 schon mal Pokalsieger mit den Wölfen wurde, es bei seiner derzeitigen Elf nicht anders macht als zuvor in Bochum. Er hat wie bei einem störrischen Handy alle Grundeinstellungen des Vorgängers zurückgesetzt und verordnete seiner Elf gegen die von Hause aus spielstarken Hoffenheimer erst mal eine brachiale Defensivtaktik im 5-4-1. Offensive Bemühungen gab es kaum zu bestaunen, sieht man einmal von nicht immer gut getimten Diagonalbällen des Routiniers Christian Eriksen ab, die nur selten bei den maximal zwei Kollegen jenseits der Mittellinie ankamen.
„Wolfsburg hat genauso gespielt, wie wir das erwartet hatten“, sagte Hoffenheims Nationaltorwart Oliver Baumann nach dem Spiel und blickte dabei nicht sonderlich glücklich drein: „defensiv“. Da der Gast „wirklich sehr viel Personal hintendrin gehabt“ habe, sei es schwer gewesen zu glänzen, befand der TSG-Kapitän. Hecking selbst bat da um Verständnis: „Wir haben gegen eine der positiven Überraschungen dieser Saison gespielt, mit gutem Kombinationsfußball und Schnelligkeit. Da wussten wir, dass es vielleicht das falsche Mittel ist, uns auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen.“
Hecking schickt Christian Eriksen als Kapitän in die Partie
Baumann hingegen fühlte sich angesichts des Defensivbollwerks beim Gegner an „Bochum letztes Jahr“ erinnert. Dort hatte Hecking im November 2024 Peter Zeidler beerbt. Dessen Versuch, aus einer spielerisch nicht unbedingt überdurchschnittlich gesegneten Equipe eine Ballbesitzinstanz zu machen, war gründlich fehlgeschlagen. Hecking stieg mit Bochum dennoch ab.
Doch im Gegensatz zum VfL aus dem Pott hat Hecking, im direkten Umgang eloquent und ironisch, beim VfL aus Niedersachsen einen Kader beisammen, der eher aufs Fußballspielen als für 90-minütige Abwehrschlachten ausgerichtet ist. Was man sich sonst bei der Kaderzusammenstellung gedacht hat, mag das Geheimnis von Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen bleiben, der ebenfalls gefeuert wurde.
Wenn Hecking das Potenzial dieser Elf tatsächlich heben will, wird er ihr nicht nur das Verteidigen beibringen müssen. Er muss dann auch das Offensivspiel aktivieren. Das Problem daran: Es bleiben nur noch acht Spiele. Wenig Zeit also, und – das sah man in Hoffenheim nur allzu gut – noch sehr viel Arbeit. Durchgehend konsequent war dort nämlich nicht einmal die Defensive. Denn obwohl der Strafraum proppenvoll mit Grün-Weißen war, verloren die anfangs jedes defensive Kopfballduell. Es sprach dann auch überhaupt nicht für den Auftritt der Hoffenheimer, dass sie erst in der Schlussphase zum Ausgleich durch Grischa Prömel kamen (83.). Zuvor hatte Konstantinis Koulierakis die „Niemals, niemals absteigen!“-Rufe aus der Gästekurve erhört und einen Eriksen-Eckball zur Wolfsburger Führung genutzt (65.). Das passte, denn wie diese Mannschaft aus dem Spiel heraus Tore schießen will, wurde am Samstag nicht ersichtlich.
Das wäre allerdings auch zu viel verlangt gewesen, zumal sich ja bereits erste Fortschritte abzeichnen. So setzt Hecking auf eine klarere Hierarchie als zuvor (als es keine gab). Christian Eriksen war in den Tagen vor der Partie einer von Heckings wichtigsten Ansprechpartnern, am Samstag trug er die Kapitänsbinde und fieberte auch nach seiner Auswechslung mit. Das dürfte seinem Coach gefallen haben, den vor Amtsantritt „die leblosen Gesichter“ nicht nur auf der Auswechselbank irritiert hatten. „Kraft seiner Erfolge wirkt er auf die Mannschaft“, lobte Hecking: „Auch wenn er nicht der ganz große Lautsprecher ist.“
Glaubt man den Betroffenen, gibt es zudem auch schon so etwas wie einen Stimmungsumschwung. Sportdirektor Pirmin Schwegler lobte jedenfalls, Hecking sei „sehr klar in der Analyse und in der Aufarbeitung“ und habe zu vielen Spielern bereits einen Draht gefunden: „Er tut uns gut.“


