Eklat beim Bayern-Spiel:"Wir haben viel zu lange die Augen zugemacht"

Bundesliga - TSG 1899 Hoffenheim v Bayern Munich

Zeichen setzen: Als Fans des FC Bayern Hoffenheims Klub-Mäzen Dietmar Hopp mit beleidigenden Plakaten diffamieren, versuchen Hansi Flick, Hasan Salihamidzic und Hermann Gerland diese zur Räson zu bringen.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuter)
  • Der FC Bayern zeigt beim 6:0 gegen Hoffenheim rauschhaften Fußball, doch um die Leistung des Teams geht es danach nicht.
  • Bayern-Fans diffamieren auf Plakaten TSG-Mäzen Dietmar Hopp. Das Spiel steht kurz vor dem Abbruch.
  • Die Spieler auf dem Platz zeigen daraufhin eine eindrucksvolle Reaktion.

Von Martin Schneider, Sinsheim

Am Ende dieses denkwürdigen Tages in Sinsheim erklärte Hoffenheims Kapitän Benjamin Hübner, wie die 13 Minuten, die es so in der Geschichte der Bundesliga noch nie gab, zustande gekommen sind. Er habe mit Bayern-Kapitän Manuel Neuer und "einigen Funktionären" zusammengestanden, erzählte Hübner, irgendwann sei der Schiedsrichter dazugekommen. Man habe darüber gesprochen, was man tun könne, weil man das Spiel nicht abbrechen wollte. "Wir kamen dann zu dem Entschluss, dass wir nicht mehr weiterspielen - uns aber trotzdem noch bewegen."

Der Entschluss sah vor, sich 13 Minuten lang den Ball zuzuschieben, die Zeit runterlaufen zu lassen und Fußball zu spielen ohne Fußball zu spielen - ein Nichtangriffspakt. Benjamin Pavard und Corentin Tolisso jonglierten den Ball, David Alaba redete mit seinem österreichischen Nationalmannschaftskollegen Florian Grillitsch - irgendwann gingen Joshua Kimmich und Manuel Neuer zu den Fans der TSG Hoffenheim. Dort hatten einige den Block schon aus Protest verlassen, die anderen Zuschauer im Stadion klatschten den Spielern zu. Dann pfiff Schiedsrichter Christian Dingert das Spiel ab und Karl-Heinz Rummenigge marschierte im strömenden Regen zusammen mit Dietmar Hopp, der Bayern-Mannschaft, Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic in die Kurve der TSG. Die Spieler nahmen Hopp in ihre Mitte. Es gab noch mehr Applaus.

"Das hat nichts mit Solidarität zu tun, das ist einfach Dummheit"

Dann verschwanden die beiden Mannschaften in die Kabine und kein Mensch redete über eine der besten Halbzeiten, die der FC Bayern in dieser Saison spielte, auch keiner über die schönen Tore von Serge Gnabry, Philippe Coutinho und Leon Goretzka.

Nein, es ging um zwei Plakate und eine Reaktion.

In der 67. Minute hielten Bayern-Anhänger zum ersten Mal ein Plakat hoch, auf dem sie TSG-Mäzen Dietmar Hopp als "Hurensohn" bezeichneten. Hansi Flick eskalierte schon in seiner Coaching-Zone. Schiedsrichter Dingert unterbrach die Partie, Alaba und Kimmich waren die Ersten in der Kurve, um auf Fans einzureden, kurz darauf sprinteten Flick und Co-Trainer Hermann Gerland hin. Immer wieder hielten sie sechs Finger in die Höhe, was "Wir führen 6:0 und ihr macht uns alles kaputt" bedeuten sollte. So sagten es Flick und Neuer hinterher. In der 77. Minute kam von den Bayern-Fans das zweite Plakat mit der gleichen Beleidigung, Dingert schickte beide Mannschaften in die Kabine, nachdem nun die komplette Bayern-Mannschaft, inklusive Kahn und Salihamidzic, in die Kurve gekommen war. Rummenigge hatte sich da ebenfalls von der Tribüne auf den Rasen begeben, er saß das Spiel über neben Hopp.

Die Fifa hat für diese Fälle seit einigen Monaten ein verschärftes Disziplinarreglement mit einem Drei-Punkte-Plan vorgeschlagen, den der DFB umsetzt. Sanktioniert werden "verachtende, diskriminierende oder abwertende Worte oder Taten (egal auf welche Weise) auf der Grundlage von Rasse, Hautfarbe, ethnischer, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Behinderung, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, politischer Ansichten, Einkommen, Geburt oder eines anderen Status oder Grundes". Beim ersten Vorfall, Spielunterbrechung und Durchsage. Beim zweiten Vorfall, Spielunterbrechung und Mannschaften gehen in die Kabine. Beim dritten Vorfall: Spielabbruch. Die Verfahrensordnung des DFB sieht danach zwei Optionen vor. Entweder Wiederholungsspiel - oder die Partie wird gegen die Mannschaft gewertet, die den Spielabbruch verursachte.

Möglich, dass die Bayern-Fans den Plan kannten und deswegen nur die ersten beiden Eskalationsstufen zündeten, so etwas deutete zumindest Flick in der Pressekonferenz danach an. Als er vor der Kurve stand, hätte es Kommunikation gegeben "Aber man hat das Gefühl gehabt, sie haben die zwei Dinge durchziehen wollen. Es ging wohl um Aufmerksamkeit und Solidarität mit den anderen - aber das hat nichts mit Solidarität zu tun, das ist einfach Dummheit", meinte Flick.

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