Süddeutsche Zeitung

Hockey-Männer:Mit gebrochenem Herzen

Die deutsche Hockey-Nationalmannschaft der Männer verliert gegen Australien und spielt nun um Platz drei.

Von Barbara Klimke, Tokio/München

Struktur, kontrollierter Spielaufbau, das sind die Stärken des deutschen Hockey-Teams, aber wenn es wirklich eng wird, gehört auch der geplante Kontrollverlust dazu. Drei Minuten blieben noch in diesem Halbfinale, die Uhr tickte unerbittlich, als Nationalkeeper Alexander Stadler den Platz zugunsten eines weiteren Stürmers verließ. Kein Mann im Tor: Das ist der Moment, in dem ein Hockeyfeld zum Roulettetisch wird. Alles oder nichts. Diesmal rollte die Kugel nach einem Konter in die verkehrte Richtung: Ein Pass der Australier auf ihren Mittelfeldspieler Lachlan Sharp, der nur noch den Schläger hinhalten musste, dann kullerte der Ball in den leeren Kasten zum 1:3 (1:2). Die deutsche Hockeynationalmannschaft der Männer wird 2021 definitiv nicht mehr Olympiasieger werden.

Enttäuscht sanken die Spieler auf dem Kunstrasen auf die Knie, manche starrten regungslos nach dem Abpfiff in den Nachthimmel. "Wir haben aus den vielen Chancen und Ecken einfach zu wenig gemacht", fasste Mats Grambusch die quälende Niederlage zusammen. Da nütze es auch nichts, fügte er an, wenn man sich doppelt so viele Möglichkeiten wie Gegner Australien im Schusskreis erspiele: "Am Ende zählt, was auf der Anzeigetafel steht."

Viermal nacheinander hatte das Hockeyteam der Männer zuletzt bei Sommerspielen eine Medaille erobert, der Verband kann sich rühmen, seit 1928 die erfolgreichste olympische Ballsportart in Deutschland zu vertreten. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Athleten jedes Mal. Aber auch jetzt ist die Reise noch nicht zu Ende: Der Ball wird noch einmal rollen, wenn das Team von Bundestrainer Kais Al Saadi am Donnerstag (3.30 Uhr, MESZ) gegen Indien um Bronze spielt.

Gegen Australien spielte das deutsche Team auf Augenhöhe

Und wenn die Mannschaft einen Trost aus der Niederlage ziehen kann, dann die Gewissheit, dass sie gegen Australien, den Weltranglistenersten, auf Augenhöhe spielte. In der Vorrunde schwankten die Leistungen noch recht eigenwillig zwischen glorreichen Siegen und bedenklichen Niederlage, doch am Dienstag knüpfte Al Saadis Team an die Viertelfinal-Glanzvorstellung gegen Olympiasieger Argentinien (3:1) an.

Der Abend hatte sich schon über das Stadion gelegt, und noch wurde über Temperaturen von 32 Grad berichtet. Zumindest auf Kühlwesten konnten die Akteure aber diesmal offenbar verzichten; die Duelle zuvor hatten in einer derartigen Gluthitze stattgefunden, dass die Verbände eine Verschiebung des Spielbeginns auf 19 Uhr Ortszeit erwirkten. Ohnehin geht es beim olympischen Turnier körperlich und mental ans Limit, das Halbfinale war bereits die siebte Partie binnen elf Tagen. Die ungeschlagenen Australier hatten sich auf Japans Dampfkesselklima monatelang im sonnenreichen Perth, im Westen des Kontinents, vorbereitet, sie waren nach Selbsteinschätzung von Stürmer Tim Brand "fit wie nie".

Brand war es auch, der den Favoriten aus Australien früh in Führung brachte: Er lauerte am Pfosten, als sein Kollege Ogilvie einen Schlenzer aus der Luft fischte und weiterleitete (7. Minute). Die deutsche Auswahl ließ sich nicht beirren, kurz darauf drosch Lukas Windfeder nach einer Strafecke den Ball flach zum Ausgleich ins Eck (10.). Es war sein sechster Turniertreffer, aber es blieb der einzige in der Partie: "Das muss man sich vorwerfen lassen", fand er anschließend selbstkritisch: "Wir haben vieles richtiggemacht, nur kein Tor mehr geschossen."

Die Australier hingegen schöpften ihre Möglichkeiten mit der Effizienz eines Teams aus, das gleich drei Stürmer unter den besten Torjägern des Turniers weiß: Die ersten Strafecke nutzte Blake Govers zur erneuten Führung (27.). Anschließend erspielte sich das Team um Kapitän Tobias Hauke, 33, den zweimaligen Olympiasieger in den deutschen Reihen, zwar Chance um Chance, nur flog der Ball nicht vom Schläger ins Netz. "Wir hatten es auch selbst in der Hand, das Spiel zu kippen", sagte Trainer Al Saadi. Selbst nach dem Treffer ins leere Tor stürmte die deutsche Auswahl weiter.

Und so zog sie dann traurig in die Nacht. "Wenn man so viel Herz reinschmeißt", bemerkte der Trainer, "dann läuft man Gefahr, dass es auch mal zerbricht." Aber vieles im Leben lässt sich wieder richten: "Ab morgen", sagte Al Saadi, "kleben wir es zusammen."

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