Zu den höchsten Erhebungen am Niederrhein gehören der Klever Berg (99 Meter), der Rupenberg (96 Meter) und der Hohe Busch (85 Meter). Bislang nicht kartografiert ist der Frustrationsberg, zumal seine genaue Höhe noch nicht ausgemessen wurde. Als Erstbezwinger des niederrheinischen Frustrationsbergs gelten die Spieler der deutschen Hockey-Nationalmannschaft. Sie haben ihrem Spitznamen als Comeback-Kings am Auftaktwochenende der Hockey-Europameisterschaft in Mönchengladbach wieder einmal alle Ehre gemacht, mit einem späten 3:2-Sieg nach 0:2-Rückstand gegen Frankreich sowie einem späten 1:1 nach 0:1-Rückstand gegen England.
„Wir sind über den Frustrationsberg marschiert“, sagte erleichtert der Bergführer und Bundestrainer André Henning nach dem brenzligen Auftaktsieg mit zwischenzeitlicher Absturzgefahr. Er lobte ebenso die Mentalität nach dem darauffolgenden haarscharfen Unentschieden gegen England. Einzig Kapitän Mats Grambusch grantelte ob der deutschen Vabanque-Spiele und rät vor der abschließenden Gruppenpartie an diesem Dienstag gegen Polen sowie vor dem zu erwartenden Halbfinale am Donnerstag: „Man könnte sagen: Cool, wir haben schon wieder Rückstände aufgeholt – aber ich finde, wir sollten lieber mal von Minute eins an in Richtung Kreis kommen.“
Denn das ist schon eine berechtigte Frage: Warum zündet bei den deutschen Hockeymännern der Turbo oft erst nach einem Rückstand?
Zwölf Minuten vor Schluss lag eine optisch überlegene deutsche Mannschaft gegen Frankreich plötzlich 0:2 zurück, ehe Justus Weigand (2) und Gonzalo Peillat per Strafecke das Spiel binnen sechs Minuten noch drehten. 15 Minuten vor Schluss geriet eine allenfalls abschlussschwache deutsche Mannschaft gegen England in Rückstand, ehe Peillat wiederum per Strafecke acht Minuten vor dem Ende noch den Ausgleich erzielte. „Irgendwie ist es so ein bisschen die Mentalität dieser Mannschaft, dass wir mit Rückständen gut zurechtkommen“, sagte hinterher ziemlich entspannt der Berliner Thies Prinz: „Klar wäre es auch mal schön, in Führung zu gehen, aber damit tun wir uns irgendwie schwer.“
Prinz klang wie ein Mann mit stählernen Nerven, als er den nimmermüden Charakter seiner Seilschaft vom Frustrationsberg pries: „Es ist eine absolute Stärke der Truppe, dass wir immer wieder zurückkommen, wenn es hart wird, vor allem in den wichtigen, dicken Spielen.“ Es sei aber mitnichten so, dass man sich solche Spielverläufe vornehme, räumte Prinz grinsend ein, und wenn man ihn fragt, ob diese Mentalität denn nicht eine ganz schön gefährliche sei, dann antwortet er: „Absolut!“
Gegen England landete beim DHB-Team nur eine von zehn Strafecken im Tor
In der Annahme, dass die deutsche Mannschaft gegen Polen (Dienstag, 19.30 Uhr, kostenlos bei Magentasport.de) gewinnt, wartet am Donnerstag im Halbfinale mit den Niederlanden, Belgien oder Spanien ein ganz wichtiges, richtig dickes Spiel, wie Prinz es nennen würde. Gegen solche Gegner können späte Rückstände ein noch härterer Schlag ins Kontor sein.
Doch auch Bundestrainer Henning klingt ziemlich entspannt, wenn er über die bisherigen Leistungen seiner Mannschaft bei dieser EM spricht. „Wenn ich auf die spielerische Entwicklung schaue, dann bin ich superhappy, weil ganz viele Dinge sehr stark durchgesetzt wurden.“ Allenfalls im Abschluss benötige die Mannschaft „ein bisschen mehr Konsequenz, vielleicht auch Fortune“. Hier macht sich womöglich die Absenz des Torjägers Christopher Rühr bemerkbar, der aus Studiengründen bei diesem Turnier nicht mitspielen kann.
Die Abschlussschwäche dehnt sich bislang sogar in die eigentliche Spezialdisziplin der deutschen Mannschaft aus: Gegen Frankreich nutzte sie nur eine von sieben Strafecken für ein Tor, gegen England gar eine von zehn. „Die Quote ist verbesserungswürdig“, sagt Henning und wundert sich: „Bei Olympia hatten wir die beste Quote des ganzen Turniers.“ Momentan hapere es noch ein wenig am Ablauf: „Reingabe und Stopp sind noch nicht so rund wie sie sein müssten, aber wir wissen, dass wir es besser können, wir sind eine der stärksten Ecken-Mannschaften der Welt.“
Mit Verbesserungspotenzial im Torabschluss steht die Mannschaft vor dem Einzug in ein Halbfinale, in dem sie sich vor heimischem Publikum für jenen vierten Platz rehabilitieren könnte, mit dem sie sich bei der EM vor zwei Jahren, ebenfalls in Mönchengladbach, begnügen musste. Im Halbfinale unterlag sie damals England im Penalty-Shootout sowie im Spiel um Bronze Belgien 0:2.
Bei den ganz großen Turnieren in den vergangenen beiden Jahren war das deutsche Team allerdings umso erfolgreicher. Im Januar 2023 wurde es in Indien Weltmeister durch einen Sieg im Penalty-Shootout gegen Belgien, und bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris stand es wieder im Finale, verlor das Endspiel allerdings gegen die Niederlande – ebenfalls nach Penaltys.
In Mönchengladbach, 50 Kilometer entfernt von der belgischen Grenze und 35 Kilometer von der niederländischen, besteht von Donnerstag an die Möglichkeit, sich erneut mit den beiden Erzrivalen aus Benelux zu messen und erstmals seit 2013 wieder den Titel des Europameisters zu gewinnen. Zu diesem Zweck könnte die Mannschaft den Frustrationsberg noch zweimal bezwingen und dann auf seinem Gipfel die deutsche Fahne hissen.


