Zwischen Triumph und Trauer liegen beim Hockey oft nur Millimeter und Sekundenbruchteile. So auch am Samstagabend im Europameisterschaftsfinale im Mönchengladbacher Hockeypark: Justus Weigand traf eine Viertelstunde vor Schluss zum deutschen 1:1-Ausgleich haarscharf von der Linie des Schusskreises. Hätte er den Ball nur ein paar Millimeter außerhalb des Kreises getroffen, dann hätte das Tor nicht gegolten. Dann wären die deutschen Hockeyspieler gegen überlegene Niederländer nicht in jenes Penaltyschießen gekommen, in dem der Treffer des Niederländers Jorrit Croon nur deshalb nicht zählte, weil das achtsekündige Zeitlimit zum Einschuss um den Bruchteil einer Sekunde abgelaufen war. Beide Fälle mussten per Zeitlupe von der Videoschiedsrichterin überprüft werden.
Die deutsche Millimeterpräzision und die niederländische Sekundenverspätung haben am Ende dazu beigetragen, dass Deutschland das EM-Finale mit 4:1 im Penaltyschießen gewann, nach einem 1:1 in der regulären Spielzeit. Nach zwölf Jahren und zum insgesamt neunten Mal sind deutsche Hockeymänner damit wieder Europameister. Hätten die Niederländer gewonnen, dann hätten sie mit ihrem achten EM-Titel zu Deutschland aufgeschlossen. So aber baute das Team vom Bundestrainer André Henning seinen EM-Titelrekord aus. Henning war überwältigt, hatte nach dem dramatischen Finalverlauf mit all den knappen Entscheidungen aber seine ganz eigene Bezeichnung für diesen Titelgewinn: „Das war ein Höllenritt.“
Vor zwei Jahren hatten die deutschen Hockeymänner bei der EM in Mönchengladbach als Vierte eine Medaille verpasst. Vor einem Jahr verloren sie bei den Olympischen Spielen in Paris das Endspiel gegen die Niederlande im Penaltyschießen. Dass mangels anderer Bewerber die nächste EM nun gleich wieder in Mönchengladbach stattfand, eröffnete der deutschen Mannschaft per Heimvorteil die Chance zur Rehabilitation. Und die nutzte sie. Durch den Finalsieg revanchierte sie sich nahe der niederländischen Grenze gegen Oranje für die Olympia-Finalniederlage. Und ihrem Mannschaftskapitän Mats Grambusch bescherte sie nach 14-jähriger Karriere im Nationalteam den perfekten Abschied.
Der 32 Jahre alte Mönchengladbacher wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Der deutsche Strafecken-Spezialist Gonzalo Peillat erhielt für sechs Treffer die Trophäe als bester Schütze. Bloß dem deutschen Torwart Jean-Paul Danneberg blieb die Auszeichnung als bester Torwart verwehrt. Die erhielt der Franzose Corentin Saunier.
Auch Danneberg hätte die Auszeichnung verdient. Er hatte seine Mannschaft im Laufe der EM-Woche immer wieder im Spiel gehalten und parierte im Finale überdies den Penalty des zweiten niederländischen Schützen Thijs van Dam. Für das Endspiel wurde Danneberg als „Man of the Match“ ausgezeichnet. Für das ganze Turnier aber gab er sich auch gerne damit zufrieden, von der Stimmung im stets vollen Hockeypark überwältigt worden zu sein und dieses Nationalteam als „beste Mannschaft“ zu bezeichnen, „für die ich je gespielt habe“. Allerdings ist der Darmstädter auch erst 22 Jahre alt.
Deutschland ist nun gleichzeitig Welt- und Europameister
Zehn Jahre älter ist bei seinem Abschied aus der Nationalmannschaft der Teamkapitän Grambusch, und es liegt nicht an seinem Rücktritt, dass er nach dem umjubelten Sieg im Endspiel ein paar Tropfen Wasser in den Wein gab. Grambusch sagt immer, was er denkt. „Ehrlich gesagt, fand ich, dass es ein schwaches Spiel von uns war“, sagte er, „ich fand Holland sowohl defensiv als auch offensiv deutlich stärker.“ Gefallen hat ihm, dass die deutsche Auswahl trotzdem immerzu versucht habe, Lösungen zu finden. „Beim Ausgleich hatten wir ein bisschen Glück, aber das Penaltyschießen war hervorragend, von den Schützen genauso wie vom Torwart.“ Auch seine Auszeichnung als bester Spieler der EM fand Grambusch schmeichelhaft: „Ich sehe das nicht so, dass ich hier der beste Spieler war.“
Den Jubel, die wohlige Wehmut und eine lange Partynacht beeinträchtigte die sportlich aufrichtige Einschätzung der Kräfteverhältnisse im Endspiel aber kein bisschen. Der Finalausgang definierte die Rollen in der Hockeyweltspitze durchaus neu, denn in diesem EM-Finale 2025 war es zum ultimativen Duell zwischen dem Weltmeister von 2023 (Deutschland) und dem Olympiasieger von 2024 (Niederlande) gekommen. Die EM als eigentlich kleinster der drei Titel wurde so zum XXL-Gipfel, und den eroberten die deutschen Spieler wieder per Umweg über ihren geliebten „Frustrationsberg“: Zum dritten Mal bei dieser EM gerieten sie im Finale in Rückstand und mussten 20 Minuten lang dagegen ankämpfen. „Für mich steht dieser EM-Titel im obersten Regal“, sagte deshalb Bundestrainer Henning stolz, „gleichzeitig Welt- und Europameister zu sein, diese Konstellation gibt es nur selten.“
Jetzt geht es zum Feiern nach Ampflwang
Henning war es wichtig, die Bedeutung des Abends deutlich zu definieren: „Das ist einer der größten Momente in unseren Sportlerleben, vor einem derart begeisternden Heimpublikum ein spektakuläres Finale mit so einer Geschichte zu gewinnen, mit einem Sieg im Penaltyschießen nach zwei wirklich harten verlorenen Shoot-Outs im EM-Halbfinale gegen England vor zwei Jahren und im Olympia-Finale gegen Holland letztes Jahr.“ Anders als es Fußballmannschaften gerne machen, fliegen die Hockeyspieler jetzt nicht kurzfristig zum Abfeiern auf eine Sonneninsel im Mittelmeer. Sie freuen sich auf die Einladung der Sporthilfe zum traditionellen „Club der Besten“ vom 5. bis 10. Oktober im „Aldiana-Club Ampflwang“ in Österreich.
Dort werden sie auch Pläne schmieden. 2026 ist die WM in Belgien und den Niederlanden. 2027 ist die EM in England mit dann erstmals zwölf Nationen. Aber der Bundestrainer denkt noch weiter voraus. 2028 sind Olympische Spiele in Los Angeles. „Olympiagold“, sagt Henning, „ist der letzte Titel, der uns noch fehlt.“


