Karriereende von Gonzalo Higuaín:Argentinien weint um Pipita

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Gonzalo Higuain

Wie sagt man so schön: Den muss er machen. Gonzalo Higuains Riesenchance im Finale 2014 bleibt unvergessen, Mats Hummels kam damals nicht mehr hinterher.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Gonzalo Higuaín, Hauptdarsteller bei der Niederlage gegen Deutschland im WM-Finale 2014, kündigt überraschend seinen Rücktritt vom Profifußball an. In Erinnerung bleibt von ihm vor allem eine Szene nach einer unglaublichen Vorlage.

Von Javier Cáceres, Berlin

Am Montagabend überraschte der Stürmer Gonzalo Higuaín, 34, die Öffentlichkeit. Und zwar mit der Nachricht, dass er seine Karriere am Ende der nun kurz vor den Meisterschaft-Playoffs stehenden Saison in der Major League Soccer beenden wolle. Seine Tore in den USA für Inter Miami, den Verein der englischen Fußball-Legende David Beckham, werden also seine letzten sein. Ein paar Tausend Kilometer weiter südlich, in seiner argentinischen Heimat, wurden nach der Mitteilung erstaunlich sentimentale Zeilen gedichtet - als habe der Seelenschmerz, von dem Higuain selbst unter Tränen gesprochen hatte, das ganze Land erfasst.

Ob Higuaín selbst mit so viel Trauer gerechnet hatte? Überraschend war das deshalb, weil das Verhältnis des Angreifers zu den argentinischen Medien und Fans seit 2014, um es vornehm auszudrücken, verbesserungswürdig war. Genauer gesagt: Seit er im 0:1 verlorenen WM-Finale damals gegen Deutschland im Angesicht von Torwart Manuel Neuer überhastet abgeschlossen hatte.

Nach einer mit jedem Tag seit damals noch unglaublicheren Kopfballvorlage von Toni Kroos, der den Ball zum Kollegen Neuer zurückspielen wollte und Higuaín komplett übersah, hatte der Argentinier alle Zeit der Welt gehabt, weil ihm "nur" Mats Hummels auf den Fersen war. Doch Higuaín zog ab - und setzte den Ball am Tor vorbei. Dass er von Neuer in jenem Finale auch elfmeterreif gefoult wurde? Irrelevant.

Erst recht war das so, nachdem Higuaín im Folgejahr im Finale der Copa América in Chile gegen die Gastgeber wieder eine Großchance ausließ. Damit trug er seinen Teil dazu bei, dass sich die titellose Zeit der argentinischen Nationalelf verlängerte und erst 2021 mit dem Copa-Sieg endete. Jene Szenen in den großen Endspielen waren Higuaíns Verderben.

"Bis 2014 war ich die beste Nummer 9 der Welt - nach dem Spiel gegen Deutschland war alles vorbei", sagte er selbst noch vor wenigen Tagen. Higuaín wurde vor allem im Internet beständig durch den Kakao gezogen. "Es reichte ihm nicht, dass ihn halb Argentinien hasst. Jetzt hasst ihn auch halb Italien", lautete ein Kommentar, der viral ging, als der Stürmer im Jahr 2016 den Diego-Maradona-Klub SSC Neapel verließ und ausgerechnet bei Juventus Turin anheuerte.

Dem Fußball erhalten bleiben? Er sei kein Masochist, sagt Higuaín

Am Dienstag aber klangen die Würdigungen plötzlich wie Nachrufe: Man las nichts Schlechtes über den Mann, den sie zu Hause "Pipita" nennen, Pfeifchen, weil sein Vater, der ebenfalls Fußballer war, wegen seines Zinkens "Pipa" genannt wurde. Ganz im Gegenteil: Gonzalo Higuaín war für die Zeitungen plötzlich vor allem ein Spieler, der in 17 Profijahren 14 Titel holte und für River Plate, Real Madrid, Neapel, Juventus, den AC Mailand, Chelsea, Inter Miami und Argentiniens Nationalelf in insgesamt 780 Spielen 362 Tore schoss.

In der Saison 2015/16 gelangen ihm sogar mal 36 Tore in 35 Spielen der italienischen Serie A, er verbesserte damit einen fast 90 Jahre alten Rekord. Und er dürfte zudem der Spieler bleiben, der die meisten Spiele an der Seite von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo bestritt. "Ich habe alles und noch mehr als das gegeben", sagte er am Montag unter Tränen: "Am Ende der wundervollsten Karriere, die ich hätte haben können, habe ich das Gefühl, dass mir Fußball sehr viel gegeben hat."

Das heißt jedoch nicht, dass er dem Fußball erhalten bleiben möchte. "Ich wäre doch ein Masochist", betonte er unlängst, "wenn ich den Fußball verlassen würde, weil die Anforderungen zu groß sind, und dann ins gleiche Ambiente eintauche." Er kündigte an, dass er sich der Familie widmen und "das machen will, was mir gefällt". Zurzeit ist dies auch sein Kampf gegen das Bullying im Internet, wo sie ihm gern mal unter die Nase gerieben haben, dass er figurmäßig ab und zu aus dem Leim gehe. Das allerdings ist kein Wunder bei den Hobbys, denen er frönt: der Küche und dem Wein.

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